Was über Zuwanderung gesagt werden muss

Essay. Dieser Text über die Problematik muslimischer Zuwanderung basiert auf einem Kapitel aus dem neuen Buch von Hans Rauscher, das sich brennenden Fragen der österreichischen Gesellschaft widmet.

Hans Rauscher

Hans Rauscher

Es gibt nur ein wirklich heißes Thema in Europa, in Österreich: Zuwanderung. Natürlich wird viel darüber geredet, geschrieben, aber nicht in der notwendigen Klarheit und Tiefenschärfe. Über vieles in diesem Zusammenhang darf nicht geredet werden. Aus falscher Problemverleugnung. Über vieles wird geredet - aber in einem Ton, der nicht angemessen und mit einer zivilisierten Debatte nicht vereinbar ist.

Für die große Mehrheit der Europäer und der Österreicher ist diese Zuwanderung zu viel. Nach einer Studie der GfK aus dem Sommer 2016 war die größte Sorge der Österreicher die Zuwanderung - mit vollen 66 Prozent. Die Angst um den Arbeitsplatz, bisher immer auf Platz eins, fiel zurück.

Bis vor Kurzem konzentrierten sich die Ängste vieler auf die Flüchtlinge, auf die echten und die unechten. 2015/2016 strömten aus dem Nahen Osten, aber auch aus Afghanistan, Pakistan, dem Iran, zunehmend auch aus Afrika Hunderttausende nach Europa.


Was ist mit den Zuwanderern, die schon länger hier sind? Was ist da in unserer Mitte entstanden?

Seit wenigen Tagen, seit dem Referendum für den türkischen Präsidenten Erdogan, stellen sich aber zusätzliche Fragen: Was ist mit den Zuwanderern, die schon länger hier sind, in zweiter und dritter Generation? Wie kann es sein, dass in der Türkei nur eine knappe Mehrheit von 51 Prozent für den Umbau des Landes in einen Ein-Mann-Staat stimmt, die Auslandstürken, die in gefestigten Demokratien leben, aber zu 73 Prozent (Österreich) oder zu 64 Prozent (Deutschland)?

Was ist da in unserer Mitte entstanden? Bevor man das erörtert, der Versuch, einen größeren Zusammenhang herzustellen: Österreich ist ein Einwanderungsland, schon seit Jahrzehnten. Die Politik will das noch immer nicht wahrhaben. Es wird aber sehr deutlich, wenn man einfach in Rechnung stellt, wer von den hier lebenden Menschen einen sogenannten "Migrationshintergrund" hat.

Also wer hiergeblieben ist oder wessen Kinder hiergeblieben sind, gleichgültig, ob die Betreffenden nun Staatsbürger wurden oder nicht. Österreich hat jetzt 8,8 Millionen Einwohner. 2030 werden es 9,4 Millionen sein. Von der jetzigen Bevölkerung (immer Staatsbürger und Nichtstaatsbürger zusammen) haben nach einer Schätzung rund 1,9 Millionen Migrationshintergrund, das heißt, entweder sie selbst oder mindestens ein Elternteil sind im Ausland geboren.

Auf Wien bezogen lauten die Werte übrigens: 1,8 Millionen Einwohner, davon 750.000 mit Migrationshintergrund, macht 42 Prozent.

Wie sieht die Aufteilung unter den Nicht-Österreichern, die hier leben, aus? Fast die Hälfte stammen aus EU-Ländern (48,8 Prozent bzw. 655.751 Personen). Die Zahl der in Österreich lebenden Menschen aus Nicht-EU-Staaten erhöhte sich im Lauf des Jahres 2016 um 35.734 Menschen (plus 5,49 Prozent) auf 687.007.

Unter den ausländischen Staatsangehörigen bilden die Deutschen mit 182.000 die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt von den Türken (117.000), den rumänischen (92.000), kroatischen (73.0000), ungarischen (71.000) und polnischen Bürgern (60.000). Danach rangieren die Staatsangehörigen Afghanistans (45.000) und Syriens (42.000), die zugleich auch das größte Wachstum zeigten (Quelle: Statistik Austria). Was wir hier sehen, ist

a) eine Arbeitskräftezuwanderung aus dem ehemals kommunistischen Osteuropa, die die Regierung unter der Führung des SPÖ-Kanzlers Christian Kern nun zurückdrängen will, und
b) einen 2016 stark abgeschwächten, aber immer noch beträchtlichen Flüchtlingsstrom aus Krisenländern wie Afghanistan und Syrien.


Bisher haben wir großteils die falsche Zuwanderung gehabt: Eine ungeplante, zufällige.

Eine weitere unbequeme Wahrheit: Nach Meinung von Experten brauchen wir zwar Zuwanderung, einfach, um die Zahl der Erwerbstätigen aufrechtzuerhalten -aber bisher haben wir großteils die falsche Zuwanderung gehabt. Oder sagen wir es mit den Worten des Experten Heinz Fassmann: eine "ungeplante, zufällige" Zuwanderung.

Der Professor für Raumforschung und Raumordnung an der Uni Wien, Vorsitzender des Integrationsbeirates im Innenministerium, sagt, Österreich brauche im Durchschnitt 22.000 zuwandernde Menschen jährlich, um die Bevölkerung auf einem Niveau von 8,7 Millionen Einwohnern zu halten; und es braucht bis 2050 jährlich 44.000, um die Zahl der Erwerbsfähigen stabil zu halten. Das Problem dabei sei aber, dass Österreich eher "durch Zufall ein Einwanderungsland" wurde und nicht durch überlegte, geplante Politik - wie etwa Kanada.

Was machen wir mit der muslimischen Zuwanderung in Europa? Oder genauer: Was machen wir mit den Folgen der muslimischen Zuwanderung in Europa?


Tatsächlich sind derzeit die beiden Lebensstile, der europäische und der von Muslimen, derzeit nicht vereinbar.

Das ist etwas, was ganz dringend gesagt werden muss. Die große Mehrheit der Bevölkerung glaubt nicht an eine Integration der muslimischen Bevölkerung. Der Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik von der Universität Wien zitiert aus einer Erhebung von 2013. Die Aussage "Der europäische Lebensstil und der von Muslimen sind problemlos vereinbar" bekam nur zwischen elf und 16 Prozent Zustimmung, je nach eigener religiöser Einstellung.

Tatsächlich sind derzeit die beiden Lebensstile nicht vereinbar. Die Europäer sind eher säkular eingestellt ,die Religion hat für sie stark an Bedeutung verloren. Für die Muslime scheint sie aber eher an Bedeutung zu gewinnen, vor allem, wenn man die Türkei ansieht, die sich binnen weniger Jahre von einem streng weltlichen Staat in einen ausgeprägt religiösen verwandelt hat. Der Rückgriff auf den Islam scheint, in Verbindung mit dem sehr beträchtlichen türkischen Nationalstolz, ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem "gottlosen" Westen zu geben.

Europa ist mehr oder minder liberal, mehr oder minder areligiös, mehr oder minder fortschrittlich. Die Muslime in Europa sind eher mehr als minder konservativ, eher mehr als minder religiös, eher mehr als minder traditionell, wenn nicht in manchem geradezu rückschrittlich.

Dazu kommt die Durchdringung der türkischen Community mit den Agenten Erdogans. Die größte muslimische Kulturvereinigung, die türkische ATIB, steht völlig unter Kontrolle des türkischen Staates und hat ihrerseits die Kontrolle über die Dachorganisation "Islamische Glaubensgemeinschaft Österreichs" (IGGÖ) erlangt. Die einflussreiche "Union europäisch-türkischer Demokraten" (UETD) ist die Kaderorganisation Erdogans in Europa.

Wie es mit den bereits in Österreich befindlichen muslimischen Zuwanderern weitergehen soll, ist enorm wichtig für den sozialen Frieden. Erste Antworten kann es da nur skizzenartig geben: Die Politik, der Journalismus und auch die Zivilgesellschaft müssen unbedingt viel mehr als bisher den Kontakt zu den (muslimisch-türkischen) Zuwanderern suchen. Sie lebten bisher neben uns her.

Jetzt geraten sie teilweise unter den Einfluss eines nationalistischen, undemokratischen Regimes. Das ist brandgefährlich. Und das verlangt nach einer Doppelstrategie: einerseits die Zuwanderer engagieren, einbinden, schon in der Schule, schon im Kindergarten -andererseits muss auch eine Mindestanpassung gefordert werden.

Der Experte Fassmann spricht die Bildungsfrage an: Die (türkischen) Gastarbeiter und deren Kinder hätten eine eher niedrige formale Qualifikation. "Der bildungsspezifische Aufholprozess dauert leider sehr lang, und man braucht einen langen Atem, um diese bildungsspezifische Ungleichheit ausgleichen zu können."

Die türkischen Fahnenmeere bei diversen Demonstrationen sind falsch. Aber wenn man sie verbieten muss, ist man im Grunde schon gescheitert. Sie müssen durch eigene Erkenntnis verschwinden. Das wird sehr schwer, aber man muss die Türken dabei unterstützen, sich mit Österreich zu identifizieren. Wer von ihnen das nicht will oder kann, dem muss man die Möglichkeit einer unterstützten Rückkehr bieten.

Hunderttausende Zuwanderer aus Ost- und Südosteuropa sind mehr oder weniger fest integriert. Das ist das Modell.


Der Autor

Hans Rauscher (72) war schon 1970 an der Gründung des Wirtschaftsmagazins trend beteiligt. Im Laufe seiner journalistischen Karriere war er Kolumnist und Co-Chefredakteur des "Kurier". Derzeit ist Rauscher u. a. Kolumnist des "Standard" in Wien

BUCHTIPP Was gesagt werden muss, aber nicht gesagt werden darf.
So lautet der Titel des neuen Buches von Hans Rauscher, das soeben im Ecowin-Verlag erscheint.


Der Artikel ist in der trend-Ausgabe 16/2017 erschienen.
Hier finden Sie das komplette Heft als E-Paper zum Download.

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