Warum Österreichs Banken mit dem Brexit hadern

Warum Österreichs Banken mit dem Brexit hadern

Arno Schreiber

SERIE MANAGEMENT COMMENTARY: Gastbeitrag von Arno Schreiber; Head of Financial Industries bei Horváth & Partners, Wien: Der Brexit und das Worst-Case-Szenario.

Der Brexit kommt, egal wie verworren der Status ist und welche negativen Folgen er für die Volkswirtschaften der Europäischen Union, und insbesondere für die Banken bringt. Mit der bevorstehenden Ratspräsidentschaft Österreichs wird die Hoffnung verknüpft, die Komplexität aufzuzeigen und das Schlimmste zu verhindern. Dennoch rechnen Europas Banken mit dem Worst Case, dem vollständigen Ausscheiden Großbritanniens aus dem Gemeinsamen Markt und der Zollunion.

Geschäftsbanken ebenso wie Sparkassen und Genossenschaftsbanken in der DACH-Region erwarten jedenfalls große Veränderungen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie von Horváth & Partners. Den größten Einfluss sehen die befragten Entscheider auf Governance- und Kontrollprozesse, aber auch auf die Beziehung zu Kunden wie auf Mitarbeiterkapazitäten. Überraschend ist, dass die Vorbereitungen in Österreich bisher ziemlich schleppend verlaufen.

Knapp drei Viertel der befragten CEOs in den Banken erwarten durch den EU-Austritt Großbritanniens starke Veränderungen in ihrem Geschäft. Die Hälfte nennt an erster Stelle Unternehmensführung und Kontrollprozesse, dahinter Vertriebs- und HR-Fragen. So etwa müssen Verträge und Produktbeschreibungen angepasst werden, wodurch die Kundenbeziehung beeinflusst wird. Die Mitarbeiter sind insofern betroffen, dass Kapazitäten neu allokiert werden. Geringe Auswirkungen gibt es hingegen auf Datenverwaltungs- und IT-Systeme, so der Report.

Die meisten Banken sind sich über die Tragweite der Brexit-Entwicklungen im Klaren, die Integration der Veränderungen in das bestehende Projektportfolio und der Einsatz effizienter Projektmanagementverfahren wird als Erfolgsfaktor für die Vorbereitung und Umsetzung der Brexit-Anpassungen gesehen. Österreichische Banken unterschätzen das Problem allerdings. Auch ohne Präsenz in Großbritannien werden sie aufgrund der globalen Vernetzung betroffen sein.

Die Studienergebnisse zeigen, dass bis dato nur ein Teil der Institute die notwendigen Anpassungen der Bereiche effektiv voranbringt. So gibt die Hälfte der befragten Entscheider an, dass sie mit den Vorbereitungen in den Bereichen Verkaufsstrategie, Prozesse und Organisation noch nicht begonnen hat oder diese noch nicht weit fortgeschritten sind. Auch Mitarbeiter und Kunden wurden bisher nicht ausreichend auf die kommenden Veränderungen vorbereitet.

Sechs von zehn befragten Bankentscheidern geben an, dass sie die Komplexität aufgrund der Abhängigkeiten zu bestehenden Projekten als größte Herausforderung sehen. Vier von zehn nennen zudem Kapazitätsengpässe, Zeitdruck und Budgetrestriktionen. Jeder zweite meint, den Brexit am besten zu bewältigen, indem interne Ressourcen umgebaut werden. Auch Synergien mit anderen Programmen sind für viele eine Möglichkeit. Jeder Dritte denkt an "agile Projektmethoden", um die durch den Brexit bedingten Veränderungen zielführend voranzubringen.

Fazit: Österreich wird seine EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2018 klug dafür nutzen, den bevorstehenden Brexit politisch erträglich zu machen. Die Banken dürfen dabei nicht länger hoffen, dass der Kelch an ihnen vorbeigeht. Jetzt geht es jetzt darum, die Brexit-Agenda mit raschen Anpassungsschritten abzuarbeiten.

Über die Studie: Für die Studie „Brexit for Banks – Impact, and Progress of Preparations“ wurden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein Expertenbefragungen mit Top-Entscheidern in Bankinstituten durchgeführt.
=> Link zur Studie


E-Mail an den Autor


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


Kommentar
Peter Schentler, Principal Horváth & Partners Österreich

Management Commentary

Warum niedrige Zinsen für CFOs kein Thema mehr sind

Kommentar

Standpunkte

"Abschottung bedeutet Verzicht auf wichtige Netzwerke"

Kommentar

Standpunkte

Arbeitsmarkt: ein Berg voller Herausforderungen