Warum Billigstrom-Anbietern der Stecker gezogen wird

Andreas Schwenzer, Energieexperte bei Horváth & Partners

Andreas Schwenzer, Energieexperte bei Horváth & Partners

Gastbeitrag von Andreas Schwenzer, Horváth & Partners Energieexperte: Die schöne neue Welt der Billiganbieter bekommt zunehmend Kratzer. Egal ob in der Elektronikwelt, bei Airlines, Reiseveranstaltern, Autorbauern oder Banken. Wer als Konsument billig einkauft, geht Risiken ein. Jetzt trifft es auch die Stromkunden.

Von der Pleite der BEV Bayerische Energieversorgungsgesellschaft Ende Jänner waren 500.000 Kunden betroffen. Die Insolvenz der DEG Deutsche Energie mit Sitz in Baden-Württemberg kurz davor traf sogar Großkunden wie den Deutschen Bundestag, das Land Brandenburg und die Elbphilharmonie. Im vergangenen Jahr mussten die Deutsche Erdgas Versorgungs-GmbH, die Energieagenten Versorgungs GmbH und e:veen Energie abgewickelt werden. Andere Anbieter zogen sich aus neuen Märkten zurück oder sagten – wie 123energie – ihre Expansion ganz ab.

Mit weiteren Pleiten im Strommarkt darf gerechnet werden. Experten in Deutschland sprechen von mindestens zwei Dutzend Pleitekandidaten. Ursache dafür sind vor allem die gestiegenen Großhandelspreise für Strom und Gas. Einige Anbieter waren darauf nicht vorbereitet, sondern gingen von stabilen oder fallenden Preisen für die Energiebeschaffung aus. Doch die Börsenpreise für Strom sind schon 2018 massiv angestiegen. Da die meisten Stromlieferanten mit ihren Kunden Festpreise für die Vertragslaufzeiten vereinbart haben, können sie die gestiegenen Beschaffungskosten nun nicht abwälzen.

Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr

Solange die Preise stabil blieben, konnten Stromanbieter von den niedrigen Beschaffungskosten profitieren. Da viele Firmen Strom und Gas nicht im Voraus kaufen, wurden die steigenden Energiepreise für sie zum Problem. Drehen sie an der Preisschraube, verlieren sie Kunden. Schließlich haben Verbraucher in diesem Fall ein Sonderkündigungsrecht.

Immer mehr wechselwillige Verbraucher nutzen dieses System aus und wechseln jedes Jahr in einen neuen günstigen Tarif. Für Energie-Discounter, die mit besonders günstigen Tarifen für das erste Jahr und Wechselboni am Markt auftreten, kann das ruinös werden. Schließlich bauen sie darauf, dass viele Kunden schlicht zu kündigen vergessen oder zu träge sind zu wechseln und dann im Folgejahr höhere Preise zahlen. Doch dieses Kalkül geht nicht mehr auf, und bei den Neukunden-Tarifen zahlen die Anbieter häufig drauf. Daher funktioniert das Geschäftsmodell schlichtweg nicht mehr.

Vorsicht vor Lockangeboten

Verbraucher sollten jetzt also nicht mehr nur auf den Preis schauen, sondern auch auf das Unternehmen. Die Insolvenzen zeigen einmal mehr, dass man als Kunde besser einen Bogen um die schwarzen Schafe machen sollte. Die wichtigste Regel dabei ist: als Kunde besser nicht in Vorkasse gehen und stets Acht darauf geben, keine überhöhten Abschläge zu zahlen. Denn dass im Falle einer Insolvenz bereits geleistete Zahlungen rückerstattet werden, ist unwahrscheinlich. Im Zweifel lieber auf geringfügige Preisvorteile verzichten und dafür keinen Stromausfall riskieren.


Der Autor

Andreas Schwenzer ist Energieexperte bei der Managementberatung Horváth & Partners in Stuttgart und berät Kunden u.a. in den Bereichen Big Data Utilities, Risikomanagement in Zeiten turbulenter Energiemärkte, Markt- und Produktentwicklung aus Smart-Meter-Daten. E-Mail: aschwenzer <AT> horvath-partners.com


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


Kommentar
Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender Siemens AG

Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft

Joe Kaeser: Fünf Maßnahmen für ein starkes Europa

Kommentar
Lukas Andrieu und Theresia Leitinger von ScherbaumSeebacher Rechtsanwälte

Recht

Der EuGH sägt am Stuhl freier Berufe

Kommentar
Bundesliga-Start: Doppelpass mit Deutschland?

Standpunkte

Bundesliga-Start: Doppelpass mit Deutschland?

Kommentar
Katharina Pistor

Geld

"Facebooks Kryptowährung Libra muss verhindert werden"