"Das Virus eingrenzen, ohne die Wirtschaft zu zerstören"

Kurzfristig gibt es keine Alternative zu den strikten Maßnahmen, um das Coronavirus einzudämmen. Doch wir sollten heute schon langfristig denken und handeln, wenn wir große Teile der Wirtschaft nicht zerstören wollen, meint Rich Lesser, CEO der Boston Consulting Group in seinem Gastkommentar.

Rich Lesser, CEO Boston Consulting Group BCG

Rich Lesser, CEO Boston Consulting Group BCG

Wir befinden uns mitten in einer beispiellosen Krise: Aus einer Gesundheitskrise hat sich innerhalb kurzer Zeit eine Wirtschaftskrise entwickelt, die uns jetzt auch vor massive finanzpolitische Herausforderungen stellt. Der Frühling beginnt zwar, aber alle haben wir das Gefühl, inmitten eines langen und harten Winters zu stehen.

Wir alle kennen die Grafiken, die den Infektionsverlauf von COVID-19 zeigen. In den nächsten 30 bis 90 Tagen ist die größte Herausforderung, diese Infektionskurve so weit abzuflachen, dass sie für das Gesundheitswesen zu bewältigen ist. Eins der wichtigsten Mittel ist soziale Distanz – mit weitreichenden Maßnahmen: Schulen sind geschlossen, Menschen arbeiten von zu Hause, Reisen wurden abgesagt, Geschäfte ohne Systemrelevanz sind zu. Diese Einschnitte sind schmerzhaft. Von alten Menschen, die vereinsamen, bis hin zu großen wirtschaftlichen Schäden. Aber wir haben kurzfristig keine andere Wahl.


Wie schaffen wir es, ohne Gesellschaft und Wirtschaft massiv zuzusetzen?

Um es direkt zu sagen: Ich glaube daran, dass wir es bis zu einem gewissen Grad tatsächlich schaffen werden, die Kurve der Infektionen abzuflachen. Doch damit ist das Problem nicht langfristig gelöst. Bereits der Shutdown über ein bis drei Monate verursacht enorme wirtschaftliche Schäden – diese sind wahrscheinlich noch zu bewältigen, insbesondere in reicheren Ländern. Die Kosten für einen zwölfmonatigen Zustand wie diesen sind aber kaum zu ermessen. In ein bis drei Monaten nach Beginn des Shutdowns stehen wir vor einer noch größeren Frage, mit der wir uns schon jetzt beschäftigen sollten: Wie schaffen wir es, die Kurve nachhaltig abzuflachen, ohne Gesellschaft und Wirtschaft massiv zuzusetzen?

Vollkommen klar: Wir müssen die Ausbreitung des Virus begrenzen. Aber können wir es verkraften, wenn ganze Branchen, Finanzmärkte und die öffentlichen Kassen kollabieren? Schon sehr bald müssen wir uns darauf fokussieren, die Kurve auf lange Sicht flachzuhalten, ohne dabei große Teile unserer Wirtschaft zu zerstören. Mögliche Lösungen gibt es. Doch wir sollten sofort damit beginnen, sie praxistauglich zu machen.

Dafür gilt es, vor allem auf sechs Feldern zu arbeiten:


1. Vorsorge

Wir müssen die Testverfahren im großen Stil ausweiten und beschleunigen, mehr medizinisches Material und Schutzausrüstungen zur Verfügung stellen und Behandlungskapazitäten ausbauen. Wir sollten zudem in digitale Tools investieren, die Menschen helfen zu entscheiden, ob sie medizinische Hilfe brauchen oder ob Selbstquarantäne ausreicht.


2. Soziale Distanz

Ziel sollte es sein, die meisten Menschen idealerweise innerhalb der nächsten drei Monate wieder in den Alltag zu bringen. Zusätzlich zu erweiterten Hygienepraktiken und Schutzmaßnahmen wird es wahrscheinlich auch eine Risikoschichtung geben müssen. Mit Hilfe sorgfältiger epidemiologischer Untersuchungen und moderner Analysetechniken ließen sich Methoden zur Risikoabwägung entwickeln. Weniger gefährdete Personen könnten dann wieder arbeiten und das Risiko für sie und die Gesellschaft könnte man verantwortungsvoll verringern. Das wird nicht einfach umzusetzen sein, ist aber ein wichtiger Faktor, um die Wirtschaft wieder hochzufahren, ohne die Gesundheitssysteme zu überlasten.


3. Alltag

Wir müssen den Einsatz digitaler Technologien beschleunigen, um das Arbeiten von zu Hause zu erleichtern. Darüber hinaus müssen wir uns auf einen umständlicheren Alltag einrichten – neben der umfangreichen Ausweitung von Tests, heißt das auch, häufiger die Temperatur zu messen, bevor Menschen öffentliche Orte betreten. Darüber hinaus sollten wir in den nächsten Monaten intensiv an einem Antikörpertest arbeiten, um feststellen zu können, ob Menschen immun geworden sind.


4. Rechtliche Rahmenbedingungen

Wir sollten Organisationen und Arbeitgebern das Recht einräumen, ihr Geschäft ebenso wie Arbeitnehmer, Kunden, Studenten und Schüler durch Tests zu schützen. Gleichzeitig braucht es für sie eine Verpflichtung, gefährdete Personen anzuhalten, zu Hause bleiben. Arbeitnehmer und Eltern sollten unterstützt werden, wenn sie oder Familienangehörige erkranken.


5. Innovationen

Wir brauchen vielfältige Innovationen – Diagnoseverfahren, virenhemmende Medikamente und Impfstoffe. Finanzielle Zusicherungen an Forschungseinrichtungen und -unternehmen sollten daran gekoppelt sein, dass die Ergebnisse geteilt werden.


6. Kommunikation

Wir brauchen eine konsequente, kohärente und geeinte Führung, die die Gesellschaft zusammenhält. Die Menschen brauchen Informationen, wie sie sicher reisen und arbeiten können, wie sie soziale Interaktionen umsichtiger gestalten und wie sie gefährdete Bevölkerungsgruppen unterstützen können – allen voran die Älteren.


In normalen Zeiten würden wir Jahre brauchen, um auch nur einige dieser Optionen zu diskutieren. Aber wir haben nicht so viel Zeit. Die beschriebenen Ansätze sind sowohl technisch als auch gesellschaftlich und politisch anspruchsvoll. Für die Wirtschaft, die Lebensgrundlage von Millionen Menschen und die Gesundheit unserer Gesellschaft müssen wir diesen Weg aber jetzt gehen. Denn der Winter wird wiederkommen – und wir sollten vorbereitet sein.


Zur Person

Rich Lesser, geb. 1962, ist CEO der Boston Consulting Group.

trend Chefredakteur Andreas Lampl

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