Unternehmer und das schöne Leben - Passt das zusammen?

Essay. "Das Leben ist einfach ein verdammtes Ding nach dem anderen" - Bloor Schleppy. "Am klügsten wäre es freilich, erst gar nicht zur Welt zu kommen. Aber wem gelingt das schon? Kaum einem unter einer Million" - Alfred Polgar.

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Aposteln der Schwermut wie Bloor Schleppey und Lebensskeptiker wie Alfred Polgar sind in Österreich immer gern gehört, gelesen und bewundert worden.

Ob dies den Schluss auf eine depressive Mehrheit der Bevölkerung zulässt, weiß ich nicht. Ich glaube eher: nein. Das zähe Klischee, speziell die Wiener hätten ein zärtlicheres Verhältnis zum Tod als zum Leben, deckt sich mit keiner Beobachtung.

Dies mag gestimmt haben, als Österreich statt groß & stark plötzlich klein & schwach wurde, doch ist dies nun hundert Jahre her. Die vierte und fünfte Generation seither hängt entschieden am Leben. Sogar in Wien (siehe Stadt-Marathon und Wings-for-Life-Run) läuft derzeit jeder Zweite in Turnschuhen dem Alter davon, erst recht dem Tod.


Als Unternehmers braucht man berauschende Kräuter wie Unerschrockenheit, Leidenschaft und Fantasie, die im sumpfigen Moor der Schwermut nicht wachsen.

Das Lebensbejahende gilt vor allem für jene tüchtigen Leserinnen und schönen Leser des trend, die Unternehmer oder Manager oder auf dem Weg dahin sind. Unternehmerisches Denken ist das Gegenteil von Lebensflucht. Es verlangt Optimismus, nicht Pessimismus. Es verlangt Zuversicht, nicht Angst. Und verlangt homerische Heiterkeit statt Klagegesängen, wenn mal was schiefgeht.

Um den individuellen Weg eines Unternehmers einzuschlagen, braucht man kräftige, teils berauschende Kräuter wie Unerschrockenheit, Leidenschaft und Fantasie, die im sumpfigen Moor der Schwermut nicht wachsen. In den Anfängen bewährt sich zuweilen auch die Droge einer sanft vertrottelten Verträumtheit, um den hohen Risiken einer Unternehmerexistenz mit dem "frechen Aug' der Jugend" (Arthur Schnitzler) begegnen zu können. Ältere Unternehmer erinnern sich dankbar an eine gewisse Schwerelosigkeit ihrer Anfänge, ohne die sie den Start nie gewagt hätten.

In den meisten Fällen ging es auch gut. Chance und Risiko stehen ja keineswegs 1: 1, sondern besser. Dies hat zwei Gründe. Ein Land kann nie genug Unternehmer haben. Man ist also gefragt. Und niemand wächst und lernt so schnell wie ein Jungunternehmer, der ins Bleiwesten-Training seiner Anfänge geworfen ist.

"Mit dem Amt wächst der Verstand" gilt für junge Unternehmer viel eher als für Beamte. Doch sind Vorurteile auch hier schädlich. Es gibt zwei Arten von Beamten. Über den viel zu vielen normalen Beamten, die als Gralshüter von viel zu vielen Verordnungen die Steuerquote grotesk hoch halten (und zusätzlich die Unternehmer, die sie innerlich als Freie beneiden, bremsen), gibt es in Österreich eine Glasur weltmeisterlicher Spitzenbeamter, die sogenannten Hochbürokraten. Sie sind das stabile Rückgrat des Landes.

Sie sind mächtig, still, unbekannt, bedankt nur von Wissenden wie dem Bundespräsidenten. Sie halten die Ministerien zusammen, deren Minister kommen und gehen. Darunter, wie zur Zeit der Mitregierung der FPÖ, arme Leute, die nur wahlweise lesen oder sprechen konnten und teilweise so überfordert waren, dass sie binnen Wochen in Sanatorien eingeliefert wurden.

Das Volk spürt so was, was zur beharrlichen Befürwortung einer Großen Koalition beiträgt. Die aber nur dann leidlich funktionieren kann, wenn sie deutlich reformfreudiger ist als bisher, und zirka doppelt so schnell.

Doch siehe, es gibt Licht am Horizont. Hier wie dort, in SPÖ wie ÖVP, tauchen neue, jüngere Namen auf, fesche Herrschaften, denen man irgendwie auch dynamisches, unternehmerisches Denken zutraut. Vielleicht sogar die Kraft, sich gegen die eigenen Partei-Alten mit den Klügeren der Gegnerpartei zu elementaren Zukunftsprojekten zu verbünden. Das erfordert hohes Selbstbewusstsein. Wenn nicht gar Autorität und einen Hauch parteiinterner Despotie. So etwas kann für kurze Zeit erfrischend sein. Ohne gleich so weit zu gehen wie Kevin Spacey (Mr. Underwood) in der TV-Serie "House of Cards": "Demokratie wird ja so überschätzt."


Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen

Ganz weit vorn im Pflichtenheft der Zukunftsprojekte liegen die Lernpläne der Kinder. Die jetzigen sind nicht einfach alt. Sie sind krank und inoperabel. Sie müssen neu geschrieben und transplantiert werden. Ich empfehle dafür die Reaktivierung des Ex-Politikers Andreas Salcher. Man müsste ihn nicht per Dschungelbuch einweisen. Er kennt sich in der Politik schon aus. Und er weiß als Wissenschaftler, Praktiker und Bestsellerautor (Verlag Ecowin) alles darüber, wie man Jugendliche im Digitalzeitalter ideal lehrt, motiviert und begeistert, wie man ihre schöpferische Zauberkraft und ihren verspielten Sinn fürs "Schöne im Leben" bewahrt.

An dieser Stelle sind wir per Kreisschluss zum Titel dieses Essays zurückgekehrt: "Unternehmer und schönes Leben".

Vor 200 Jahren, als Geheimrat Johann Wolfgang v. Goethe in Weimar seinen Kren rieb und in vielen Dingen des Lebens das letzte Wort hatte, sah man diese Sache noch einfach. Goethe sagte: "Wenn das Leben schön war, wird es Arbeit und Mühsal gewesen sein."

Dieser Satz hat seine Schönheit nicht verloren. Er wird auch künftig für Unternehmer gültig bleiben. Und generell für alle Fleißigen: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen" (Faust I). Doch dies allein wird zu wenig sein. Die letzten Unternehmer, die noch in Goethe'schen Sinne lebten, also der Arbeit alles unterordneten, haben sich schon vor dem Millennium zurückgezogen und die Firmenleitung ihren Nachfolgern übergeben. Sagen zumindest die Wirtschaftshistoriker. Die sich nicht zum ersten Mal irren. Tatsächlich gehörten schon diese Unternehmer (die "Väter" der heutigen) in die moderne Zeit.

Auch sie suchten neben der Schönheit der Pflicht auch eine Schönheit der Kür. Sie erlaubten sich elegante Nebeninteressen. Sie legten Kunstsammlungen an und restaurierten Schlösser. In geschäftsdünnen Monaten bereisten sie Ephesos oder den keniatischen Graben, wo sich der Homo Sapiens einst zum Zweibeiner erhob. Sie versuchten auch, ihren eigenen Kindern zu gefallen, die in Naturschutz und Tierschutz neue Maßstäbe erwarten. Sie betonierten keine Parkplätze mehr über Schneerosen-Teiche. Sie ließen Graffiti-Kunst auf entlegenen Firmenmauern zu.

Und seit Jahrzehnten schon behandelten sie ihre Mitarbeiter mit Respekt, Sie unterließen das leutselig-gönnerhafte Du-Wort, es sein denn, Bräuche im Tal verlangten dies so. Manche überwiesen heimlich 100.000 Euro an die wirksamste Aids-Hilfe, die, logisch, von Unternehmern organisiert wurde, von Bill Gates & Warren Buffet. Auch die Caritas kennt noble Spender aus Industriellenkreisen, die nicht genannt werden wollen.

Umso bedrückender, dass es immer noch klassenkämpferische Vollkoffer gibt, die sich selbst als Erzengel sehen (obwohl sie blinden Bettlern die Münzen aus dem Hut stehlen) und umgekehrt die Unternehmer ausnahmslos als Schurken betrachten, weil die einzige Universität, die sie je besuchten, das Fernsehen ist, in dessen absurden Krimis der Mörder schon längst nicht mehr der Gärtner, sondern immer irgendein Unternehmerschwein ist.

Kurzum: Schon die Väter der heutigen Unternehmer waren auf der Suche nach einem schöneren, edleren, ethischeren Leben. Sie sind von ihren Söhnen gar nicht so leicht zu überbieten.

Die letzten Unternehmer eines alten, bedenklichen Zuschnitts sind in den 1970er-Jahren ausgestorben. Damals kam es zu teils unscheinbaren, im Kern aber wesentlichen Änderungen. Bis dahin gab es noch Bosse, die sich wie manche Adelige als gottgewollte Herrscher über Mensch, Tier und Grund &Boden sahen.

Und anfangs durch die Sprachreformen der 70er-Jahre schwer genervt waren. Zu Knechten, Lohnabhängigen und Arbeitnehmern mussten sie plötzlich Mitarbeiter sagen. Das neue Wort "Marketing" besagte, dass man plötzlich auf den Kunden hören musste, der früher nahm, was er kriegte. Und das neue Wort "Manager" bezeichnete Menschen, die sich erfrechten, im Namen des Firmeneigentümers Entscheidungen zu treffen.

Viele damals junge Unternehmer begrüßten die frische Brise, die sie mit weit gespannten Segeln aufgriffen. Heute, da sie auf dem Weg in ihren Unruhestand sind, haben ihre Nachfolger es gar nicht leicht, moderner zu sein.

Manche suchen Erneuerung durch fernöstliche Lehren. Sie studieren Augenmaß und Harmonie und Gleichgewicht und Balance und Yoga und Yin und Yang. Sie werden allerdings oft enttäuscht. Der westliche Leistungsmensch ist für östliche Übungen nur bedingt geeignet. Wer dies nicht glaubt, möge "Der leere Spiegel" von Janwillem van de Wetering lesen. Der berühmte niederländische Schriftsteller begab sich für ein Jahr in ein Zen-Kloster. Er kam mit Hämorrhoiden und Gastritis und null Erkenntnis zurück.

Wer als heutiger Unternehmer unbedingt besser sein will als die Väter, muss sich dennoch nicht langweilen, das Unterlipperl zupfen und Däumchen drehen.

Eines der größten Opfer, das er der Gesellschaft bringen kann, liegt darin, als wirtschaftskundiger Abgeordneter, der Umsatz von Gewinn unterscheiden kann, in die Hölle des Parlaments zu gehen, wo von schlecht gekleideten Menschen die schlechtesten Reden des deutschen Sprachraums gehalten werden.

Um es gleich zu gestehen: Ich hätte diese Kraft nicht. Zehn Minuten im Parlament - und man weiß wieder, warum Bloor Schleppey und Alfred Polger schrieben, was sie schrieben.


Das Essay ist im trend. PREMIUM Ausgabe 21/2017 vom 26. Mai 2017 erschienen.
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