Transformation: Der Businesstraum vom Ökosystem

Ökosysteme sind das neue Gold der Wirtschaft. Darüber sind sich Top-Management wie Strategieabteilungen einig. Wer die notwendige Transformation als Unternehmen schafft, wird künftig auch geschäftlich reüssieren. Doch was macht ein Ökosystem wirklich erfolgreich?

Thema: Management Commentary
Georg Gassnerist Strategie-Experte bei der Managementberatung Horváth

Georg Gassnerist Strategie-Experte bei der Managementberatung Horváth

120 Topmanager können nicht daneben liegen. Befragt nach ihren Präferenzen, Plänen und Einschätzungen zu Ökosystemen, sagen sie ganz klar: Das Thema Ökosystem ist „Chefsache“ und beim CEO verankert. Doch sind die Definition eines übergreifenden Sinn und Zwecks (Purpose), die Entwicklung eines einzigartigen Wertversprechens und nicht zuletzt die Monetarisierung eines solchen Ökosystems eine echte Herausforderung.

Branchengrenzen verschwimmen

Grundsätzlich sind Ökosysteme keine neue Erfindung, sondern die Erkenntnis, dass alles Wirtschaften dann gute Aussichten auf Erfolg hat, wenn der übergreifende Kundennutzen im Vordergrund steht – und nicht ein einzelnes Produkt, das nur ein Teilbedürfnis erfüllt. Daher gilt es die richtigen Kernkompetenzen von Partnerfirmen so zu kombinieren, dass die Bedürfnisse der Kunden optimal befriedigt werden.

Handlungsdruck ergibt sich durch die zunehmende Verschmelzung von Branchen, ausgelöst durch die Digitalisierung, etwa in Zukunftsthemen wie der Mobilität und Nachhaltigkeit. Ein erfolgreiches Ökosystem ist aber auch kein Start-up, das von heute auf morgen den Markt umwälzt, und der Aufbau und Betrieb eines solchen Systems kein Sprint, sondern ein Marathon, der hohe Investitionen erfordert.

Schlüsselpartner begehrt

Eine Handvoll Partnerunternehmen zum Start eines erfolgversprechenden Wirtschaftsverbunds ist ausreichend, sind sich die Befragten einig. Doch da stellt sich gleich die Frage: Wer sind die Schlüsselpartner? Und welche sind strategisch von Bedeutung? Große Kundenzahl, Monopolstellung, ein einzigartiges Geschäftsmodell – wer kann damit schon dienen?

Die schwierige Partnersuche ist einer der Gründe, warum bis dato kaum ein Drittel der Befragten über die Konzeptphase hinausgekommen sind, obwohl sich die meisten Unternehmen bereits intensiv mit der Entwicklung eines Ökosystems befasst haben. Die Komplexität der Erfolgsfaktoren ist es denn auch, die den Aufbau eines Ökosystems zur Königsdisziplin im Management macht.

Mobilität und Wohnen im Fokus

Ob Digitalisierung, Standardisierung, verändertes Kundenverhalten oder Lockerungen in der Regulatorik – das sind die Treiber, die neue Player auf den Markt locken und bestehende Verhältnisse auf den Kopf stellen. Doch wo genau machen solche Marktdisruptionen am meisten Sinn, welche Bereiche sind besonders aussichtsreich? Wie die Horváth-Studie zeigt, liegen bevorzugte Felder für branchenübergreifende Ökosysteme aktuell in den Lebensbereichen Mobilität (33 Prozent) und Wohnen (29 Prozent), an dritter Stelle folgt der Bereich „Gesundheit“ (8 Prozent).

Wenn etwa eine Versicherung das Ziel festlegt, zentraler Anbieter in einem Ökosystem zu werden, das alle Bedürfnisse rund ums Wohnen erfüllt, ist der thematische Zugang gelegt und die Zukunftsperspektive klar. Denkbar sind hier etwa Kollaborationsformen mit Kommunen, Versorgungsunternehmen, Smart-Home-Technologie-Anbietern, Baukonzernen und Hausverwaltungen – mit dem gemeinsamen Ziel, ein Rundum-Sorglos-Paket fürs Leben und Wohnen zu schaffen.

Durchhaltevermögen gefragt

Schlaflose Nächte wird die Entwicklung eines funktionierenden Ökosystems aber vermutlich nicht gleich bereiten, da für den Aufbau langer Atem nötig ist. 81 Prozent der Befragten sind sich darüber im Klaren, dass ein profitables Ökosystem Zeit braucht, sich zu entwickeln. Doch das bedeutet nicht, dass die Frage der Monetarisierung gleich nach hinten gestellt wird. Im Gegenteil: 70 Prozent wissen, dass von Beginn an Mehrwert produziert werden muss, der monetär erfasst und intern gegeneinander verrechnet werden kann.

Bei allen Überlegungen steht eine zentrale Frage im Mittelpunkt: „Wie kann ich meine Kunden besser bedienen?“ Damit ich sie beantworten kann, folgt zwangsläufig die Notwendigkeit, das aktuelle Geschäftsmodell in Frage zu stellen, um – gemeinsam mit den Partnern – neue Angebote zu schaffen, die einen spürbaren Mehrwert liefern. Firmen, die systematisch experimentierfreudig sind und flexibel auf Chancen reagieren, sind da automatisch im Vorteil.

Alltagstauglichkeit punktet

Und noch ein Tipp: Während die Faktoren „Purpose“ (Sinn) und „Wertversprechen“ (Kundennutzen) von 44 bzw. 49 Prozent der Befragten als „sehr wichtig“ für den Erfolg eines Ökosystems bewertet werden, wird der Faktor „Alltagsrelevanz“ mit 23 Prozent noch vergleichsweise stiefmütterlich behandelt. Das ist geradezu fahrlässig, weil die Alltagsrelevanz den Kundenkontakt sichert, die Konsumenten zum Wiederkommen ermuntert und so über den langfristigen Erfolg eines Ökosystems entscheidet.

Hier gilt die berühmte „Zahnbürstenregel“: Wird ein Produkt zweimal am Tag verwendet, ergibt sich mit der Zeit eine Gewohnheit und die Chance, sich langfristig zu etablieren. Wer auf Dauer relevant bleiben will, muss ständig neue Angebote, Inhalte und emotionalen Mehrwert liefern ODER Kunden ein so unverwechselbares Erlebnis bieten, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, das Ökosystem zu verlassen.

Fazit: Der Aufbau eines funktionierenden Business-Ökosystems ist herausfordernd, aber zugleich vielversprechend und zukunftsorientiert. Unternehmen müssen sich schon heute systematisch damit befassen, um eine nachhaltige Marktpositionierung durchzusetzen, denn das Rennen ist eröffnet, und die Startplätze sind begrenzt.


Der Autor

Georg Gassner ist Strategie-Experte bei der Managementberatung Horváth. Die „Ökosystemstudie 2021 – Mechaniken und Bausteine für eine erfolgreiche Evolution zum Ökosystem“ steht hier zum Download bereit.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Managementberatung Horváth. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


trend Chefredakteur Andreas Lampl

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