Andreas Lampl: Schulschwänzen bei der Regierungsbildung

trend-Chefredakteur Andreas Lampl

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Ausgerechnet das Kapitel zum wichtigsten Faktor für die Zukunft der Landes -Bildung! - ist sehr dürftig. Hat auch die Grünen nicht interessiert.

Die Bildungspflicht für alle Österreicher ließ Bundeskanzler Kurz ins Regierungsprogramm schreiben. Wer bis zum 15. Lebensjahr nicht genügend Deutsch, Englisch und rechnen kann, muss notfalls bis 18 die Schulbank drücken. Klingt nach einem guten Plan? Ja, aber. Wieso sollte dasselbe System, das diese Fähigkeiten in neun Jahren nicht vermitteln konnte, danach plötzlich besser funktionieren? Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Recht bildungsfern verliefen schon Wahlkampf und Koalitionsverhandlungen von ÖVP und Grünen. Was sich im -sonst teilweise besser als erwarteten - Regierungsübereinkommen konsequent fortsetzt: Ausgerechnet das Kapitel zum wichtigsten Faktor für die Zukunftsfähigkeit des Landes, der Neuausrichtung des Bildungswesens, ist dürftig; heiße Eisen bleiben ausgespart. Wobei erstaunlich ist, wie wenig sich die Grünen offenbar bemüht haben, der in Sachen Schulpolitik besonders strukturkonservativen ÖVP Zugeständnisse abzuringen. Das Programm ist fast ident mit dem vorherigen türkis-blauen.

Türkise Dauerbrenner

Und da rede ich gar nicht von der Gesamtschule. Aber es fehlt auch jede andere Idee für erhöhte Durchlässigkeit zwischen den Schultypen, damit Kinder nicht mit neun oder zehn Jahren eine fürs ganze Leben endgültige Entscheidung treffen müssen -wogegen sogar die Industriellenvereinigung argumentiert.

Breiten Raum nimmt wenig überraschend wieder der türkise Dauerbrenner der Deutschförderklassen für Schüler mit Migrationshintergrund ein. Eine Maßnahme, die sich - obwohl umstritten - in der Praxis häufig bewährt. Die aber die eklatanten Systemschwächen nicht reparieren kann. Für die Debatte, bis zu welchem Alter das Kopftuch verboten ist, gilt das umso mehr. Es ist bezeichnend, dass der wiederbestellte Bildungsminister Heinz Faßmann lange Zeit der Migrations- und Integrationsberater des Bundeskanzlers war. Mit Modernisierungsreformen ist er schon in seiner ersten Amtszeit nicht aufgefallen.

Die entscheidende Frage wird schlicht ignoriert: Warum kommen im zweitteuersten Bildungsbetrieb der Welt nur durchschnittliche Ergebnisse raus? Und wie lässt sich das ändern? 13.000 Euro pro Kind/Jugendlichem lässt sich Österreich den Weg von der Volks- bis zur Hochschule kosten. Das ist - kaufkraftbereinigt - um fast 50 Prozent mehr als im OECD-Schnitt. Aber am Output ist das nicht zu erkennen.

Digitaler Förderunterricht

Die neue Regierung will nun die Schüler mit digitalen Endgeräten ausstatten und Inhalte wie digitale Kompetenzen, Klimawandel oder Mediennutzung forcieren - die nächste Durchlüftung der Lehrpläne, die noch in jedem Programm stand; ohne große Wirkung. Der 80 Jahre alte Fächerkanon inkl. strikter Fächertrennung, einer der Gründe für die Trägheit des Systems, bleibt unangetastet. Aus Angst vor dem Widerstand vieler Lehrer und ihrer von der ÖVP dominierten Gewerkschaft. Ähnliches gilt für die unzeitgemäßen 50-Minuten-Unterrichtseinheiten, an denen sich die Bezahlung der Lehrer orientiert.

Fehlanzeige heißt es auch bei der Kompetenzbereinigung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden. Was etwa dazu führt, dass trotz vager Andeutungen, die Ferien-und Nachmittagsbetreuung der Schüler verstärken zu wollen, nicht ausreichend Ganztagsangebote zur Verfügung stehen werden -weil die Länder das nicht wollen. Sie haben schon das dafür zweckgebundene Geld aus der früheren Bankenmilliarde nicht abgerufen. Für die enorm wichtige Arbeit in den Kindergärten sind dank der Grünen zwar einige Verbesserungen geplant.

Kindergartenpädagogen werden aber nach wie vor weder akademisch ausgebildet noch besser bezahlt, weil Länder und Gemeinden die höheren Kosten scheuen. Dabei ließen sich die Mittel locker bei der AHS-Oberstufe einsparen, wo mit 18 Schülern um rund 25 Prozent weniger pro Klasse sitzen als international üblich.

Die Schuldirektoren will die Politik als Führungskräfte mit Personalverantwortung aufwerten. Wie das gehen soll, wenn sie keine Leistungsdifferenzierung bei den Gehältern vornehmen und ungeeignete Lehrer auch nicht kündigen können? Keine Antwort. Auch ein Jahresarbeitszeitmodell für Pädagogen, das seit den 1990er-Jahren überlegt wird und Voraussetzung für eine effiziente Ganztagsschule wäre, ist nach wie vor nicht in Sicht. Und bei der Bestellung von Direktoren spielen nach wie vor parteipolitische Faktoren und Zugehörigkeit zur Lehrergewerkschaft wichtige Rollen. Trotz der Schulstrukturreform vor ein paar Jahren, die aus den Landesschulräten nicht weniger politisch gefärbte Bildungsdirektionen machte.

"Eine Neuausrichtung unseres Schulsystems an den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts ist beim besten Willen nicht erkennbar." Sagt kein linkslinker Ideologe, sondern der ÖVP-nahe Bildungsexperte Andreas Salcher.

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