Thomas Cook - Eine Pleite von historischer Dimension

Franz C. Bauer über den Reisekonzern Thomas Cook, der die Reisebranche revolutioniert hat. Die Insolvenz des Branchenpioniers ist mehr als ein Warnsignal.

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Im Film mit dem mäßig anspruchsvollen Titel "So reisen und so lieben wir" macht sich Drehbuchautor David Shaw über Pauschalreisende aus den USA lustig, die in einer Woche Europa "erledigen". Aussagekräftiger als die plumpe deutsche Übersetzung ist der Originaltitel "If It 's Tuesday, This Must Be Belgium" ("Wenn es Dienstag ist, muss das Belgien sein").

Die Romantik-Schnulze mit ihrem ironischen Unterton beschreibt den Europa-Trip einer Gruppe amerikanischer Touristen, die "all inclusive" die alte Welt sehen wollen. Der Film entstand 1969, also vor exakt einem halben Jahrhundert. Wir lernen: Offenbar schlug das heute heiß diskutierte Thema "Pauschaltourismus" schon damals Wellen, bloß waren sie noch nicht so hoch wie heute und eigneten sich für seichte Unterhaltung. Die Kunstform, die sich aktuell dem Tourismus widmet, heißt hingegen "Dokumentation", und wir sehen da unter anderem, wie Touristen ihre leeren Cola-Dosen zwischen Markusplatz und Mount Everest (ja, auch dorthin führen uns Pauschalreisen) verteilen.

Nun ist also der Erfinder des rudelweisen Ausrückens zur gemeinschaftlichen Belustigung in der Fremde, der Reisekonzern Thomas Cook, pleite. In gewisser Weise ist das ein historisches Ereignis. Und eines, das uns ein wenig nachdenklich stimmt.

Entstanden ist die Idee mit den Pauschalreisen schon 1855. Damals organisierte ein Australier namens Thomas Cook die erste Rundreise durch Europa. Die Route führte vom englischen Hafen Harwich nach Antwerpen und über Brüssel, Köln sowie Heidelberg nach Paris. If it's Tuesday Reise, Verpflegung und Unterkunft konnten im Paket gebucht werden. Den Teilnehmern war die historische Dimension - es war die Pauschalreisen-Premiere - vermutlich gar nicht bewusst. Bereits zehn Jahre später eröffnete Thomas Cook das erste Reisebüro auf der geschäftigen Fleet Street in London.

Reisen war damals keine Selbstverständlichkeit und vor allem den "oberen Schichten" vorbehalten. Um in den noblen Londoner "Travellers Club" aufgenommen zu werden, reichte es, einmal die Insel verlassen zu haben. Dabei musste man sich mindestens 500 Meilen von London entfernen. Das entspricht etwa der Strecke von Wien nach Genf. Weltreise ist das noch keine.

Reisen war vor allem die "Grand Tour", auf die vornehmlich junge Adelige geschickt wurden -eine Kulturreise, die nach Frankreich, Spanien oder Italien führte. Thomas Cook hingegen leitete die Demokratisierung des Reisens ein und machte dies zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell. 1869 organisierte Cook die erste Nilkreuzfahrt mit einem Dampfer, 1900 war man zum Weltmarktführer aufgestiegen, 1919 verkaufte Cook das erste Flugticket.

Demokratie setzt eine gewisse Reife voraus, und auch Bildung schadet nicht. Fehlt beides, dann kann das Ergebnis ziemlich desaströs ausfallen. Das trifft auch auf die Demokratisierung des Tourismus zu. Nicht jeder kann (oder möchte) Goethes italienische Reise nachempfinden, aber zwischen den hochgeistigen Erlebnissen des Dichterfürsten und hochprozentigen Exzessen zwischen Ballermann und Antalya (Cook war übrigens strenger Abstinenzler) gibt's ja auch noch Zwischenstufen.

Endloses Warten auf Flughäfen, Verspätungen, überfüllte Innenstädte, überteuerte Touristenfallen sind die sichtbaren Zeichen für eine Fehlentwicklung, an der Thomas Cook nicht unbeteiligt war. Längst ist der Massen-Pauschaltourismus zu einer der schlimmsten Umweltbelastungen und einem Mitverursacher des Klimawandels geworden.

Doch die Milliarden, die hier umgesetzt werden, locken Investoren an. 2015 stieg der chinesische Mischkonzern Fosun - Österreichern als Mehrheitsaktionär von Wolford wohlbekannt - mit 18 Prozent bei Cook ein. Übernahmen und ein erbarmungsloser Preiskampf hinterlassen Spuren in der Bilanz. Cook schreibt Verluste. Ein im August mit Großaktionär Fosun ausgehandelter Rettungsplan - die Chinesen sollen 450 Millionen Pfund frisches Kapital einbringen und dafür drei Viertel des Reisegeschäfts sowie ein Viertel der Airline übernehmen - scheitert. Für Hunderttausende Reisende, die irgendwo zwischen Antalya und Zakynthos gestrandet sind, ist das eine kleine Katastrophe.

Vielleicht führt diese aber zu einem Überdenken des Themas Massentourismus und damit zur Verhinderung einer viel größeren Katastrophe.

Simon Arne Manner

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