Strategien gegen Angst: Wie Sie klarer denken und entscheiden

Christine Bauer-Jelinek, Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin

Christine Bauer-Jelinek, Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin

Christine Bauer-Jelinek, Wirtschaftscoach, Pyschotherapeutin und Autorin: "Wir leben in einer Gesellschaft mit ansteigendem "Angst-und Wut-Pegel". Bei vielen wächst die Sehnsucht nach dem Machtwort eines 'starken Mannes', bei anderen die Ohnmacht. Was der Einzelne tun kann."

Die in vielen Ratgebern vorgeschlagene Einteilung von Ängsten in solche, die realistisch, und jene, die diffus oder irrational sind, ist in Krisenzeiten nicht mehr hilfreich. Niemand kann Wahrscheinlichkeiten angeben, mit denen Ereignisse eintreten, und entscheiden, ob Ängste und Wut begründet oder "nur" eingebildet sind, wie etwa im Hollywood-Blockbuster "Fletchers Visionen": Zuerst hält man den Hauptdarsteller für verrückt, um dann mit Beklemmung festzustellen, dass er der einzige ist, der die Lage richtig einschätzt.

Krankhafte Angststörungen, Phobien, Panikattacken behindern eine Teilhabe am "normalen" Leben und benötigen professionelle Behandlung durch Ärzte und Psychotherapeuten.

Viele leichte bis mittelschwere Formen von Angst und Wut lassen sich aber kurzfristig durch praktische Maßnahmen zur Verringerung der realen Bedrohung reduzieren. Meine Tipps aus dem Coaching laufen darauf hinaus, Handlungsspielräume auszuloten und zu nutzen. Wir können zwar die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung nicht unmittelbar beeinflussen, und selbst wenn der Umschwung sichtbar wird, dauert es viele Jahre, bis der "Angst-und Wut-Pegel" sinkt. In der Zwischenzeit können wir einerseits sofort Maßnahmen ergreifen, die den persönlichen Druck verringern und andererseits an der Entwicklung und Stärkung unseres mental-emotionalen Systems arbeiten.

GESUNDHEIT: Werfen Sie Ballast ab.

Anstatt sich durch Ehrgeiz, Lifestyle-Angebote, Diätvorschriften und unzählige Verhaltensregeln noch mehr zu stressen, werfen Sie lieber Ballast ab. Dazu muss man einfach nur weniger essen und sich mehr bewegen. Auch hilft es, die Anzahl der Gegenstände, die man besitzt, deutlich zu reduzieren, indem man sich von Kleidung, Büchern und was sonst noch die Räume füllt, radikal trennt. In westlichen Industrienationen besitzt jede Person einige Tausend Gegenstände. Man muss ja nicht gleich -wie Extremisten versuchen -mit 250 Gegenständen auskommen wollen, aber weniger Teile bedeuten weniger Arbeit für den Ankauf, für die Instandhaltung oder Aufbewahrung sowie für die Entsorgung -daher weniger Stress.

Und wenn Ihnen wieder einmal alles zu viel geworden ist, machen Sie die Zeitlupenübung: Führen Sie jede Bewegung des Alltags halb so schnell aus wie sonst (das klingt banal, hat aber große Wirkung bei geringem Zeitaufwand).

BERUF: Wählen Sie eine Doppelstrategie.

Geben Sie die Illusion auf, dass Ihr Job sicher wäre, nur weil Sie kompetent und fleißig sind. Es gibt heute keine Garantie mehr auf kontinuierliche Erwerbstätigkeit. Anstatt sich permanent Sorgen zu machen, behalten Sie diskret Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt im Auge. Lesen Sie die Stellenanzeigen, reden Sie mit Headhuntern, nehmen Sie sich Zeit, ein Netzwerk aufzubauen -sowohl firmenintern mit Kollegen als auch außerhalb.

Bei Konflikten mit Vorgesetzten und Kollegen brauchen Sie eine dickere Haut -man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Auch wenn Sie verständlicherweise menschliche Anerkennung, eine gute Arbeitsatmosphäre, eine interessante Tätigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten schätzen, so sollten Sie doch überlegen, ob sich der Aufwand für einen Wechsel lohnt.


Dass Arbeit Spaß machen muss oder Berufung sein soll, ist ein veraltetes Konzept aus den Jahren der Vollbeschäftigung.

Setzen Sie Ihre Mehrarbeit und Loyalität in Szene, sonst wird man Sie nicht wahrnehmen. Wenn Sie meinen, eine Prämie verdient zu haben, müssen Sie diese einfordern und durchsetzen, man wird sie Ihnen nicht automatisch geben. Dasselbe gilt für Gehaltserhöhungen.

Allgemein gilt die Empfehlung: Streben Sie weniger nach Selbstverwirklichung und beachten Sie verstärkt den Status und die Position der Beteiligten - auch wenn die offizielle Unternehmenskultur mit ihren flachen Hierarchien "Partnerschaftlichkeit" nahelegt. Verlagern Sie Ihre Bemühungen um Nähe, Offenheit und Vertrauen in Ihre privaten Beziehungen. Lernen Sie Leistungsbeziehungen von Herzensbeziehungen zu unterscheiden und Kooperation, Kampf und Versöhnung im stetigen Wechsel zu akzeptieren.

Entscheiden Sie sich auch bei großer Unzufriedenheit pragmatisch für die Doppelstrategie "Bergwerk und Ehrenamt": Machen Sie im Brotjob Ihre Arbeit so gut wie möglich, ohne sich dabei völlig zu verausgaben, nehmen Sie die "Lohntüte" in Empfang und suchen Sie den Sinn in einem freiwilligen sozialen oder politischen Engagement - oder in der Familie. Leben Sie Ihre rebellischen Ambitionen nicht im Job aus, denn der soll ihre Miete bezahlen. Dass Arbeit Spaß machen muss oder Berufung sein soll, ist ein veraltetes Konzept aus den Jahren der Vollbeschäftigung - und diese sind bekanntlich vorbei.

GELD: Sichern Sie sich für den Ernstfall ab.

Haben Sie sich schon einmal mit dem Worst-Case-Szenario auseinandergesetzt, mit dem schlimmsten Fall, der in Ihrer finanziellen Situation eintreten könnte? Wer dramatische Vorfälle schon im Vorfeld einmal durchdacht hat, den trifft der Schock dann möglicherweise nicht so hart, sollte etwas davon eintreten. Eine besonders schwierige Frage in Krisenzeiten lautet: Wie soll ich Geldreserven anlegen und wie sicher ist mein Besitz?

Anstatt ständig zu grübeln, machen Sie eine Bestandsaufnahme aller Ihrer Vermögenswerte: Aktien, Wertpapiere, Unternehmensanteile, Versicherungsverträge, Konten, Sparbücher, Bargeld, Gold, Antiquitäten, Kunst, Immobilien etc. Lösen Sie sich bei dieser Analyse gedanklich vom Wunsch nach der Vermehrung des Vermögens - was ja meist der ursprüngliche Grund für diese Anlageform war. Entscheiden Sie sich, welchen Anteil Sie für die Absicherung der Ernstfalls verwenden wollen.


Dass Arbeit Spaß machen muss oder Berufung sein soll ist ein veraltetes Konzept aus den Jahren der Vollbeschäftigung.

Das Spektrum der Vorsorge reicht (abgesehen von einigen Extremisten, die sich mit Survival-Trainings auf ein Überleben in freier Natur vorbereiten) vom Anstreben der völligen Autarkie bis zur Aufgabe jeglichen Sicherheitsdenkens. Im ersten Fall erwirbt man einen Bauernhof mit einer eigenen Quelle, stellt die Energieversorgung über Generatoren oder Sonnenkollektoren sicher, lagert Lebensmittel, Saatgut, Hygieneartikel und Medikamente ein, plant die Anreise zu diesem Ort auch nach dem Zusammenbruch der öffentlichen Verkehrsmittel, sorgt für unterschiedliche Zahlungsmittel wie Bargeld in Münzen und kleinen Scheinen sowie Goldmünzen in kleinen Stückelungen, erwirbt einen Waffenschein oder erlernt Selbstverteidigungstechniken.

Zudem ist der "Fluchtrucksack" mit den wichtigsten Dokumenten und den notwendigsten Utensilien stets fertig gepackt. Das mag vielleicht übertrieben klingen, doch die Verbraucherstatistiken dieser Artikel zeigen einen deutlichen Trend in diese Richtung auf.

Menschen mit weniger finanziellen Möglichkeiten folgen zumindest den allgemeinen Katastrophenschutzplänen und richten sich in ihrer Wohnung, in ihrem Garten so ein, dass sie diese im Falle einer plötzlichen Krise zumindest einige Tage nicht verlassen müssen. Am wichtigsten ist jedoch die Auseinandersetzung damit, wie man ganz ohne materielle Sicherheiten leben könnte. Wir tun gut daran, die Vorstellung abzulegen, dass unser gewohnter Wohlstand und unsere Sicherheiten für immer garantiert sind, und uns mental darauf vorzubereiten, wie wir dann leben würden.

Viele Menschen haben in guten Zeiten ihre laufenden Kosten bis knapp unter oder oft auch über die Belastungsgrenze hinaufgeschraubt. Schon minimale Veränderungen der Lebenslage können das ganze System zum Kippen bringen. Nach einer Durchforstung des Haushaltsbudgets sollten die Fixkosten daher so gestaltet werden, dass sie bei Bedarf leicht zu reduzieren sind. Damit gerät auch die Frage ins Bewusstsein, worauf man keinesfalls verzichten möchte, was eigentlich lebensnotwendig ist. Man kann aber auch zu dem Schluss kommen, dass es keinen Sinn macht, auf finanzielle Sicherheit zu setzen, und sich entscheiden, lieber jetzt das Leben zu genießen. Dann kann man mit gutem Gefühl erst recht konsumieren oder investieren. Wer nichts mehr besitzt, muss keine Angst mehr haben, es zu verlieren, und kann sich auf kreative Lösungen konzentrieren.

GESELLSCHAFT UND WELTLAGE: Engagieren oder bewusst abwarten.

Man benötigt Zeit für die Suche nach Informationen, um Manipulation von Fakten unterscheiden zu können. Machen Sie sich ein Bild von der gesellschaftlichen und politischen Lage und entscheiden Sie erst dann, wofür Sie sich aktiv engagieren: Treten Sie einer Partei bei, gründen Sie eine neue oder eine zivilgesellschaftliche Initiative, ganz im Sinne des Bändchens "Empört Euch!" von Stéphane Hessel. Oder betreiben Sie einen Blog.

Wenn Sie sich nicht engagieren wollen, genießen Sie die Annehmlichkeiten, die unser System noch bietet, denn die Entwicklung schreitet durch die Summe aller Aktivitäten auch ohne Sie voran.

Zur Autorin:

CHRISTINE BAUER-JELINEK ist Wirtschaftscoach in Wien, Psychotherapeutin, Gastdozentin an der Donau-Univerisität Krems, Vorstandsmitglied im Club of Vienna und Bestsellerautorin.


Buchtipp:

CHRISTINE BAUER-JELINEK: MACHTWORT Angst, Wut und Ohnmacht überwinden . Klarer denken und entscheiden. Widerstandskraft stärken.
176 Seiten, Ueberreuter. 19,99 €.


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