Der Sommer als Sanatorium der Spitzenkräfte

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Ein Essay von Helmut A. Gansterer: Neues aus der Schönwetterreparaturwerkstätte.

Dieser Tage, in Vorbereitung eines Vortrags, musste ich ermitteln, wie viele Unternehmer und Topmanager in Unternehmerrang ich bisher genauer kennenlernte.

Konservativ geschätzt waren es weltweit 3.000. Damit ist das Stichproben- Minimum einer seriösen Marktforschung vielfach überboten. Woraus wir schließen, dass meine Beobachtungen die genauesten sind. Sie entsprechen Wägungen auf Goldwaagen.

Wobei die feine Skala in den meisten Fällen gar nicht nötig ist. Denn im Darwin'schen Sinne als Art, Gattung und Familie gesehen, ergeben die Unternehmerpersönlichkeiten ein harmonisches Innenbild.

Ein Individualismus ist meist an Äußerliches gebunden. Und auch das erst, seit man den Kleider-und Frisurenzwang gelockert hat -ein schleichender Prozess, den wir heute in blutjungen Konzernen und Start-ups beobachten.

In namhaften Alt-Konzernen, zumal in Japan und USA, erkennt man den obersten Boss nach wie vor nicht an der Kleidung, sondern nur an der Körpersprache. Auch in Deutschland schätzt man unverändert das Alte.

Ich habe vor Rührung geschluchzt, als sich jüngst beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans der halbe Porsche-Vorstand samt VW-Konzernchef Matthias Müller in der Boxenstraße einfand, um seine demokratische Nähe zum fahrenden und schraubenden Volk der Marke zu zeigen.

Man gab sich unsteif und casual-sportlich: dunkle Hose mit Bügelfalte, kein Sakko, kurzärmelige, schneeweiße Hugo-Boss-Hemden, solides Maßschuhwerk, ein Wagemutiger trug Designer- Sneakers von der Art, die 700 Euro kostet. Sehr schön der Moment, als der dritte Porsche-Sieg en suite feststand. Während italienische Teams bei solchen Anlässen einander praktisch begatten, haben sich die nordisch-germanischen Manager, Mechaniker und Piloten von Porsche eher scheu umarmt, in der Art von Gesellschafts-Ladys, die ihr Make-up nicht ruinieren wollen.

Äußerliche Ähnlichkeiten der unternehmerisch tätigen Menschen mögen ein Lächeln verdienen. Doch die Wesensähnlichkeit ist ein Kompliment. Denn sie entspringt starken und klaren Quellen: von Einfallsreichtum (Produktfindung) und Risikobereitschaft (Wagnis des eigenen Besitzverlustes) bis zur höchsten Wettbewerbsbereitschaft. Die, anders als in Le Mans, nicht nur einen Tag und eine Nacht umfasst, sondern viele Jahre.

Um die Firmenprodukte global zum Erfolg zu führen und dort zu halten, sind alle Tage und Nächte gefragt. So sieht dann auch das Leben an der Spitze aus. Unabhängig vom Land, der Branche, dem Geschlecht und dem Alter. Die vollendete Dedication, die bedenkliche Merkmale einer Aufopferung zeigt, sieht allerdings von außen oft härter aus, als sie von den Beteiligten empfunden wird. Wie jedes Wettrennen ist sie auch kurzweilig und spannend, schenkt ein ständiges Feedback der eigenen Leistung. Und im Erfolgsfall gibt es Momente der Freude und des Triumphs (und des Vermögenszuwachses), die in normalen Berufen nur schwer zu kriegen sind.

Doch gibt es Schatten zum Licht. Einer "Kritik der reinen Vernunft" (Kant) sowie den Forderungen eines idealen Familienlebens und der Gesundheit hält das Leben von Unternehmern und Topmanagern nur selten stand. Man verzeichnet überdurchschnittlich viele zerrüttete Privatverhältnisse. Und der einst als Modekrankheit verspottete "Burnout" wurde zur medizinisch-offi ziellen Seuche.

Doch siehe: Die neuen Zeiten brachten darin auch neues Gutes.

Früher war der journalistische Versuch, bei den 3.000 Rendezvous mit Topleuten die "Privatperson dahinter" freizulegen, meist unergiebig. Es gab sie nicht. Sie war bei lebendigem Leib im Beruf verbrannt.

Nur selten überraschten berufsfremde Leidenschaften. Eine Autotechnik-Liebe bei Carlo de Benedetti (Olivetti), angeregt durch seine gepanzerten Mercedes- S-Limousinen. Eine sachverständige Naturliebe beim Canon- & WWF-Präsidenten Ryuzaburo Kaku. Eine Liebe zu erstklassigen Bildern (und Leidenschaft für effektive Aids-Hilfe) bei Bill Gates. Daheim in Österreich war Klaus Woltron eine Ausnahme. Er führte staatliche (SGP) und internationale (ABB) Konzerne und eigene Privatfirmen. Dennoch fand er die Muße, zum Philosophen zu reifen, den Denker-"Club of Vienna" mitzugründen und glänzende Bücher zu schreiben. Da ihn dies putzmunter hielt, gilt dies bis heute, wo er als vitaler Startup-Engel "Minas" (siehe Internet) wirkt, mit Temperament für die aufstrebende Elektrik-Mobilität.

Doch zurück in die finsteren Zeiten. Bei den meisten Wirtschaftsmächtigen fand man zwischen Haut und Fleisch nur volle Terminkalender. Dies lockte die Kritik junger Wirtschaftswissenschaftler, die offenbar eine kritische Masse erreichte. Denn ohne äußeres Ereignis kam es zu einem Umdenken der Unternehmer in ihrem Lebensstil. Sie lebten fortan effektiver und gesünder.

Keineswegs wegen der rotäugigen Gesundheitshysteriker, die eine Pest dieser Zeit sind. Sie machen keine Gefangenen. Sie geben erst Ruhe, bis jeder Hedonismus und jede Lebensfreude ausgerottet sind. Sie machen uns kränker, nicht gesünder.

Es gab aber kluge Helden der Gesundheitsbewegung, mit psychologischem Sachverstand. Kabarettist Bernhard Ludwig, der schon vorher das Thema "Sex" entspannt hatte ("Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit"), propagierte amüsant den Wert des abwechselnden Fastens und Völlerns. Und irgendwann stand der "Wert der Pause" und des "Innehaltens" im Raum. Aber nicht als dummes Diktum von Eiferern, sondern als Verheißung, die auch Unternehmern gefiel.

"Wer kluge Pausen einlegt", so hieß es dort, "verliert weder Zeit noch Geld. Er kriegt beides doppelt nachgeliefert."

Diese Erkenntnis fand ihre Fortsetzung im Millennium. Unternehmer gingen erstmals mit gutem Gewissen auf Urlaub. Sie wählten logisch den Sommer. Da waren auch die Mitarbeiter weg. Und die Werkzeugmaschinen der Fabrik wurden auf die neuen Modelle umgerüstet.

Manche entdeckten Segeltörns im kroatischen Limski-Fjord, an der italienischen Riviera, der französischen Côte d'Azur, in der griechischen Ägäis oder auf Österreichs Zauber-Seen. Die Familien, vor allem die Kinder, erlebten erstmals den Vorteil, eine Unternehmerin als Mutter oder einen Unternehmer als Vater zu haben.

Man wurde braun, jung und fit wie in jungen Jahren. Und weil danach die Umsätze und Gewinne tatsächlich stiegen, schob man im Winter noch die österreichischen Skiparadiese nach.

Diese waren in ihrer Einzigartigkeit sowieso gut gebucht. Doch nun erholte sich auch der ärmere Sommer- Fremdenverkehr durch Inlandsgäste. Zumal er, wie durch Fügung, durch Technik-Innovationen so attraktiv ist wie nie zuvor.

Um dies zu überprüfen, scheute trend keine Kosten und Gemeinheiten. Sie schickte schon 2016 den Essayisten als Tester auf die Piste. Dies war infam, da ich bisher auf Barhockern (Schreibpult, Hotelbars) lebte. Nun fand ich mich in fremde Welten der Frischluft, Entsagung und Bewegung gestürzt. Da ich über keinen Charakter verfüge, gehorchte ich der Obrigkeit. Hier die ersten Kurz-Protokolle.

Tech-Motivation Nr. 1 Die Activity Trackers

Wir sind Controlfreaks. Zumindest ich. Ich glaube an Motivation durch Zahlen. Activity Trackers liefern sie. Das sind schlaue Armbanduhren. Sie liefern deine Bewegungswerte (z. B. "Schritte") an eine Smartphone-App, die sie attraktiv aufbereitet. Ich habe zwei Favoriten. Einen europäischen und einen amerikanischen. Runtastic (Ö/D) mit Adidas (D), Apple (US) mit Nike (US). Beide ganseln mich seit dem Vorjahr auf. Ich erhöhte den täglichen Schritt-Schnitt von 1.400 auf 3.100. Mein Maximum: 7500. Ideal: 10.000 pro Tag.

Gewichtsvorteil: enttäuschend. Oder auch nicht. Knie, Bänder, Sehnen und Knöchel sind jetzt muskulöser und belastbar, Ich zeige Fußfesseln wie ein Reh (so behaart). Dazu erstmaliger Gewichtsstillstand. Jahrzehntelang war mein Motorrad-Leder über Silvester eingegangen. Erstmals konnte ich das alte wieder verwenden. Das ist nicht viel, aber nicht nichts. Vor mir liegt ein ambitionierter Sommer. Danach eine Extra-trend- Test-Story über die Activity Trackers.

Tech-Motivation Nr. 2 Das Elektrofahrrad

Für mich schon jetzt das Produkt des Jahrhunderts. Zwei österreichische Namen, KTM und Puch, haben mich überzeugt. Sie erlauben übergewichtigen Ehrgeizigen einen sportlichen Wiedereinstieg ohne Herzinfarkt. Und ohne Langeweile: Hügellandschaften ohne den tödlich öden Donau-Radwanderweg.

Tipp 1: Die Wagram-Route. Der Wagram nahe Wien ist eine Geländefalte entlang der Donau und voller Wunder.

Tipp 2: Investieren Sie in einen Fahrradträger Ihres Cabrios. Und in eine Gefährtin, die alle Heimfahrten gern gewinnt. Dann können Sie die schönsten Sternfahrten suchen. Und die derzeit beste Land-Vinothek namens "Weritas" in Kirchberg am Wagram.

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