Der Sinn des Lebens in der zweiten Hälfte [Essay von Andreas Salcher]

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Worum es in der zweiten Hälfte des Lebens wirklich geht. Loslassen, Ballast abwerfen und eine neue Identität erfinden, die einen zufriedenstellt. Ein kleiner Leitfaden von Andreas Salcher, wie das alles gelingen kann.


Leitfaden: 4 Fragen und Antworten für die zweite Lebenshälfte



Ich will nicht an meinem Arbeitsplatz sterben, sondern an einem Strand.

Jack Ma, Gründer von Alibaba

Es ist eine angenehmere Vorstellung, wenn wir von der Zeit ab unserem 60. Lebensjahr als "der zweiten Hälfte des Lebens" reden statt von der letzten Lebensphase, auch wenn das statistisch (noch) nicht ganz korrekt ist. Vor 100 Jahren war man mit 60 seit 13 Jahren tot. Wer im Jahr 2018 seinen Sechziger feiert, der hat mit etwas Glück und gesunder Lebensweise vielleicht sogar noch 30 Jahre vor sich.

Spätestens bei diesem Gedanken werden viele Menschen, vor allem jene aus der Privatwirtschaft, zu rechnen beginnen und sich fragen: Wie lange werde ich mir meinen Lebensstandard mit meiner staatlichen Pension leisten können? Worauf muss ich vielleicht verzichten?

Blicken wir aus einer optimistischen Perspektive auf unsere "zweite Lebenshälfte", so bietet diese die einmalige Chance, nicht einfach nur älter zu werden, sondern uns zu vervollkommnen. Untersuchungen zeigen, dass viele Menschen gerade mit 60 so zufrieden mit ihrem Leben sind wie in keiner Phase davor. Sie machen sich weniger Druck, zwanghaft Ziele in der Zukunft zu erreichen, statt Möglichkeiten in der Gegenwart dankbar zu nutzen. Idealerweise haben wir nach einem fordernden, manchmal mühsamen Aufstieg ein Hochplateau erreicht, und unsere weitere Reise erhält den Charakter einer Ausdehnung und Weitung.

Wer allerdings seine Wertschätzung primär über seine Leistung in einer bestimmten Rolle mit 50 bis 60 Wochenstunden bezogen hat, der sieht sich vor die Aufgabe gestellt, eine neue Identität für sich zu finden. Viele müssen sich erst andere Quellen schaffen, um ihr Selbstwertgefühl zu speisen, andere können bereits vorhandene Quellen, die bisher aber vernachlässigt wurden, besser nutzen. Es bietet sich die Chance, die erste Hälfte unseres Lebens nicht einfach zu wiederholen, sondern unsere Geschichte in der zweiten Hälfte neu zu schreiben.

Es empfiehlt sich, an vier immer wiederkehrenden Fragen zu arbeiten.

1. Wer bin ich?


Die Frage "Wer bin ich?" hilft uns, unsere Identität zu finden, indem wir unsere bisherige Geschichte reflektieren, sie auseinandernehmen, um sie anschließend neu zusammenzusetzen. So wird es uns möglich, die Zeit, die wir für die falschen Dinge verloren haben, für die richtigen zurückzugewinnen. In der archetypischen Heldenreise des berühmten Kulturanthropologen Joseph Campbell kehrt der Held nach vielen Abenteuern an den Ausgangspunkt seiner Reise zurück.

Die Mitte des Lebens ist ein idealer Zeitpunkt, das zu tun, nicht um sich dort ängstlich einzuschließen, sondern um zu begreifen, wie sehr sich unsere Hoffnungen und Ängste seit dem frühen Erwachsenenalter verändert haben. Wenn wir unsere Identität erneuert haben, dann brechen wir wieder auf zur zweiten Hälfte unserer Geschichte, die genauso lebendig und spannend sein kann wie die erste. Die Dichterin Emily Dickinson hat das poetisch formuliert: "Wir werden nicht älter mit den Jahren, wir werden neuer jeden Tag."

2. Wo gehöre ich hin?


Die Frage "Wo gehöre ich hin?" verlangt von uns, unseren Platz in der Gemeinschaft neu zu finden. Gerade erfolgreiche Menschen landen am absehbaren Ende ihrer Karriere oft in der Rigiditätsfalle. In ihr befinden sich die eisernen Verteidiger des Status quo, Menschen, die sich in ihrer erreichten Position einmauern und auf Kosten anderer nicht loslassen können. Selbst wenn sie innerlich wissen, dass es nicht ewig so weitergehen kann, finden sie immer eine Rechtfertigung für sich, den Neuanfang hinauszuschieben. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sie sich nicht mehr halten können, meist tief fallen und hart aufschlagen, weil niemand da ist, der sie auffängt. Alle ihre in sechs Jahrzehnten erworbenen Fähigkeiten und Erfahrungen interessieren niemanden mehr.

Nach ihnen drängt eine Generation, die oft schon in jungen Jahren Verantwortung übernommen hat, weil sie smart, bestens ausgebildet, risikofreudig und energiegeladen ist. Das Einzige, das diesen jungen "Überfliegern" manchmal fehlt, ist die soziale Kompetenz, um überhaupt zu erkennen, dass ihnen soziale Kompetenz fehlt.

In dieser Lebensphase nützt es wenig, sich wehmütig an die guten alten Zeiten zu erinnern und den Werteverlust der Gegenwart zu beklagen, sondern es geht darum, seine Weisheit den Jüngeren so nahezubringen, dass sie Nutzen daraus ziehen können. Wer sich schon lange davor in seiner Rolle als Mentor für Jüngere wohlgefühlt hat, wird sich leichter tun. Er konnte bereits erfahren, wie viel man zurückbekommt.

3. Was ist mir wichtig?


Die Frage "Was ist mir wichtig?" fordert von uns, mit unseren Gaben und Fähigkeiten auch in der zweiten Lebenshälfte etwas Sinnvolles anzufangen. Stärke zeigt sich nicht mehr dadurch, woran man festhält, sondern was man loslassen kann. Das fängt damit an, all den Ballast an Dingen und Verpflichtungen, die man im Laufe seines Lebens angehäuft hat, kritisch zu prüfen und sich vom nicht Notwendigen zu trennen.

Mit weniger Gepäck kann man sich schneller weiterbewegen. Ist man bereits in Pension, steht man auf einmal vor der Situation, dass der Tag nicht wie bisher durch Arbeit und eine Vielzahl von Verpflichtungen strukturiert ist, sondern man diesen theoretisch völlig nach seinen Wünschen gestalten könnte.

Am Anfang wird das vielleicht als die Freiheit erlebt, alles nachzuholen, was man versäumt hat, Reisen, Lesen, Sport und andere Hobbys. Doch wir Menschen sind soziale Wesen, wir wollen gebraucht, gesehen und gehört werden. Es benötigt einen guten Grund, jeden Tag mit Freude aufzustehen, und der sollte mehr sein, als fernzusehen oder Zeitung zu lesen. Und bei allem Respekt, auch Golfspielen ist als einziger Lebenssinn nicht erfüllend, vor allem, wenn man sein mühsam erworbenes Handicap am Ende des Tages nicht mitnehmen kann.

Ein häufige Hürde auf dem Weg, sich neue ambitionierte Ziele zu setzen und diese mit Leidenschaft zu verfolgen, ist die Vorstellung, es sei "zu spät" dafür. Nun, wo nie das Feuer der Leidenschaft gebrannt hat, wird es nur schwer möglich, dieses neu zu entfachen. Wer dagegen immer eine Berufung gespürt hat, der kann sie erneuern und auf die zweite Hälfte ausrichten. Im Wort Berufung steckt das Wort "Ruf", deshalb nennt man es im Englischen "Calling". Diesen Ruf zu hören und ihm zu folgen, ist die wahre Lebensaufgabe.

4. Was ist mein Lebensziel?


Die Frage "Was ist mein Lebensziel?" soll uns ermutigen, darüber nachzudenken, was wir weitergeben wollen. In der zweiten Lebenshälfte sind wir viel freier, uns neue Ziele zu setzen, die uns wirklich erfüllen und begeistern.

Vielleicht hilft es, die Frage konkreter zu stellen: Wofür lebe ich in der zweiten Lebenshälfte? Ein Mensch sollte einen Lebensmittelpunkt haben, etwas, worin er gut ist und was andere Menschen brauchen, wie die Arbeit eines Lehrers, Schusters, Bäckers genauso wie die Aufgabe als Eltern oder ehrenamtlicher Nachwuchstrainer. Das ist sicherlich etwas Gewöhnliches, aber gleichzeitig etwas Heiliges. Sobald unser Leben primär nicht mehr von diesen Rollen bestimmt wird, müssen wir unseren Lebenszweck neu bestimmen.

Je besser wir unser Wesen, unsere Werte und unsere Gaben kennen, desto leichter werden wir uns dabei tun. Versuchen Sie einmal, nachzudenken, in welchen der folgenden Fähigkeiten Sie sich unabhängig von Ihrer beruflichen Funktion am besten wiedererkennen: inspirieren, entdecken, erwecken, entzünden, organisieren, umsetzen, kreieren, unterstützen, planen, beraten, ermächtigen, entwickeln, helfen, zuhören, vernetzen, entwerfen, verstärken, provozieren, lernen, heilen. In all diesen Wörtern steckt das aktive Tun, und in ihm findet sich die Antwort nach dem Lebenssinn.


Zu tun gibt es genug auf dieser Welt. Nach Viktor E. Frankl finden wir den Sinn des Lebens nicht, indem wir diesen in uns selbst suchen, sondern in der Arbeit und der Liebe. Das sich Einlassen auf die Sinnfrage bedeutet den Beginn eines spannenden Abenteuers, das einen nie wieder ganz loslassen wird, ja: das mit zunehmendem Lebensalter sogar noch an Bedeutung gewinnt.


Buchtipp

Andreas Salcher, "Das ganze Leben in einem Tag"

Andreas Salcher, "Das ganze Leben in einem Tag"

  • Das ganze Leben in einem Tag
  • Autor: Andreas Salcher, Bildungsexperte, Bestsellerautor, Unternehmensberater und regelmäßiger trend-Autor.
  • Verlag: Ecowin, 376 Seiten, 24 €
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Der Essay ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 50-52/2018 vom 14. Dezember 2018 entnommen.

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