Sind Unternehmer auch Künstler? Aber ja, und was für welche

Essay von Helmut A. Gansterer: Der Unternehmer ist in dreifacher Form als Künstler zu sehen: Als Regisseur komplexer Prozesse. Als Impresario von Innovationen. Als ästhetischer Neuerer, der die Schönheit ins Zweckmäßige integriert.

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

"Kunst ist jetzt nicht mehr Gottesdienst, sondern Menschendienst. Sie arbeitet nicht mehr an Gottes, sondern an des Menschen Räumen."
(Kurt Lüthi, Literaturwissenschaftler, Schweiz)

Um beim Einfachsten anzufangen, was die drängende Frage nach eventuellen Verwandtschaften von Künstlern und Unternehmern betrifft, ist eine Annäherung des äußeren Erscheinungsbildes zu beobachten. Noch nicht dramatisch auf breiter Front, aber doch so, dass ein Trend spürbar ist.

Vorbei die Zeit, da man einen jungen Künstler und einen jungen Unternehmer auf einen Kilometer Entfernung unterscheiden konnte -der eine war nackt ohne Schal, der andere nackt ohne Krawatte. Da kann man sich heute nicht mehr sicher sein.

Wirklich klischeehaft als Künstler gekleidet sind nur noch Anfänger der Malerei, die sich in einem Montmartre-1920er-Look geborgen und den Großen zugehörig fühlen, mit Schlapphüten wie Toulouse-Lautrec und Degas.

Noch krasser jene Touristen, die das berühmte Wiener Künstlerlokal "Hawelka" mit mobilen Staffeleien besuchen und einander als vermeintliche Künstler bewundern, derweil die echten Künstler oft ins "Alt Wien" oder ins "Engländer" weiterwanderten, wo noch Aschenbecher auf den Tischen stehen.

Ein angenehmes Beispiel für eine optische Annäherung von Künstlern und Unternehmern ist der nun in höchsten Rängen gehandelte Objektkünstler Erwin Wurm. Wenn er neben feschen Galeristen und jungen, industriellen Sammlern auf einer Party der Biennale Venedig steht, könnte man unmöglich sagen, wer wer ist. Hier wie da gepflegte, schlanke Herrschaften in gut geschnittenen Anzügen und offenen Hemden, gern auch mit Dreitagebärten, die mehr Pflege brauchen als die Betondauerwellen älterer Damen.

Früher waren die oft schmuddeligen Künstler (wie heute eigentlich nur noch Julian Schnabel) ein Schwiegersohn- Horror. Wurm ist heute ein Beispiel für modernen Schwiegersohn-Traum, nicht nur wegen der Preise, die er heute erzielt, auch wegen seiner Bildung und seiner aggressionsfreien Intelligenz, die selbst strenge Kunstkritiker wie Frido Hütter ("Kleine Zeitung") bezaubert.

Generell darf gesagt werden, dass eine neue Generation von angenehmen Jungunternehmern ziemlich locker auf eine neue Generation angenehmer Kunstgranden trifft. Beide Gruppen haben gelernt, zehn Sätze ohne "Ich" zu sagen. Und man wetteifert nicht mehr mit dem Statussymbol Auto.

Dies fällt deshalb auf, weil Sportwagen und Luxuslimousinen lange Zeit die ersten Statussymbole der bürgerlichen Gesellschaft waren, denen auch die angekommenen Künstler nicht widerstehen konnten.

Den Anfang machten französische Schreibkünstler. Albert Camus zerschellte im Facel Vega seines Verlegers. Françoise Sagan machte in Jaguars und Aston Martins die Straßen von Paris unsicher. John le Carré fährt immer noch sportliche Bentleys.

Am witzigsten blieb auch diesbezüglich Ernst Fuchs in Erinnerung. Oft weniger verehrt für seine großformatige, bunte "Feinmalerei", galt er als Vorbild für Kampfeswillen, Zuversicht und Selbstdarstellung. In Paris lebte er mit zirka 13 Kindern in Armut, lachte aber unbekümmert: "Bringt der Herr 's Haserl, bringt er auch 's Graserl."

Bald lachte er aus seinem eigenen Rolls-Royce und der heutigen "Fuchs- Villa", bewusst die Pracht der bürgerlichen Gesellschaft übersteigernd. So wie auch Markus Lüpertz. Der Maler wetteiferte mit dem Schauspielkünstler Philipp Noiret um den Ruf, der bestgekleidete Gentleman diesseits des Ärmelkanals zu sein, jedenfalls besser gekleidet als die einstige Feindesklasse der Unternehmer.

Wie sich die Künstler im Erfolgsfall der Unternehmerwelt anverwandeln, ist hiermit anekdotisch illustriert. Und da war noch nicht die Rede von ultrareichen Weltkünstlern, die wie Jeff Koons und Anselm Kiefer ihre Objekte und Riesen- Installationen mit privaten Businessjets besuchen. Oder die Arbeiten ihrer "Werkstätten"-Mitarbeiter kontrollieren, die längst in unternehmerischer, arbeitsteiliger Weise die eigentliche Objektarbeit erledigen, so wie einst in den Werkstätten von Rembrandt in Holland und Hokusai in Japan.

Genug davon. Denn uns als treue trend-Abonnenten interessiert viel mehr das Spiegelbildliche: Was nämlich moderne Unternehmer mit der schillernden Welt der Kunst verbindet. Und zwar nicht nur in der eingeschliffenen Rolle als kunstsinnige Sammler und Mäzene. Sondern in der Rolle als eigene alltägliche Kunstschaffende.

Der Gedanke, Unternehmer könnten ihrerseits als Künstler gewertet werden, ist nie aufgekommen. Nicht einmal in der romantisch-katholischen Unternehmerwelt Österreichs. Schon gar nicht in den kühl-protestantischen Gegenden Deutschlands oder der kalt-calvinistischen Schweiz, wo man aus reiner Zahlenreligion ("Reichtum ist ein Zeichen von Gottesliebe") die Vorstellung des Unternehmers als Künstler als blasphemischen Schmuddel-Porno empfände.

Weil dies seit jeher so war, gibt es keine Anekdoten dazu wie beim Wandel des Künstlers zum Unternehmer. Man muss mühsam in wissenschaftliche Tiefen steigen -zunächst bis 1845.

Damals wurde der Denker Jean-Baptiste Say noch verlacht. Er billigte den Unternehmern zwei neue, löbliche Produktionsfaktoren zu. Neben den klassischen Faktoren Grund und Boden, Arbeit und Kapital auch Risikofreude und Fantasie.

Erst Österreichs Nationalökonom Joseph A. Schumpeter verschaffte diesem Gedanken hundert Jahre danach, 1949, den Durchbruch. Er propagierte die "schöpferische Zerstörung" durch "neue Kombinationen" als dynamisch-kreative Geistesleistung der Unternehmer. Sie berechtige neben dem Lohn (für Arbeit) zusätzlichen Unternehmerlohn vulgo Gewinn. Später kam noch Industriedesign als kreativer Faktor dazu -die Versöhnung von Form und Funktion (verdient einen eigenen, späteren Essay).

Und immer noch war keine Rede von Kunst. Obwohl Der Unternehmer nun schon dreifach als Künstler erkennbar war: als Regisseur komplexer Prozesse. Als Impressario von Innovationen. Als ästhetischer Neuerer, der die Schönheit ins Zweckmäßige integriert.

Was freilich nur für die Besten gilt. Nicht für die Billigmeier, die den Planeten mit Schundlawinen zumüllen, aber in Österreich kein Biotop vorfinden. Als kleines Land sind wir gottlob zu Hochpreis-Spitzenqualitäten gezwungen. Die unsere 250.000 KMU seit Jahrzehnten liefern. "Made in Austria" hat wie "Swiss Made" und "Made in Germany" den hellsten Klang in den globalen Märkten. In diesem deutschsprachigen Dreieck werden mehr Industrie-Kunst-Werke pro Kopf produziert als irgendwo sonst.

Fazit: Mit April 2017 erklärt das Wirtschaftsmagazin trend jeden guten Unternehmer dieses Triangels zum Künstler. Zumal er, im Gegensatz zu herkömmlichen Künstlern, auch die Kunst der Menschenführung beherrschen muss. Er arbeitet also mit dem edelsten und zugleich schwierigsten Element, gegen das Marmor, Stein und Eisen wie fügsames Wachs sind.


Der Essay ist ursprünglich in der trend-Ausgabe 13/2017 erschienen.
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Andreas Lampl, Chefredakteur trend

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