Andreas Lampl: Christian Kern - Sieg oder flieg

Andreas Lampl, Chefredakteur trend

Andreas Lampl - trend-Chefredakteur

Leitartikel. Trotz Ansage eines Plans B: Christian Kern muss die Wahl gewinnen, oder er wird in die Wirtschaft zurückkehren.

Kurze Zeit nach seinem Amtsantritt erschien im Juni 2016 ein Interview mit Bundeskanzler Christian Kern in diesem Magazin. Nach der Möglichkeit des Scheiterns gefragt, antwortete er: "Für mich ist diese Aufgabe hier ein Projekt auf zehn Jahre." Er werde jedoch von keinen Verlustängsten geplagt, falls sich das nicht ausgehen sollte.

Viel früher, als ihm lieb ist, muss sich Kern jetzt mit dem Szenario eines drohenden Verlusts auseinandersetzen: verlorene Wahl, verlorene Macht, verlorene Funktion - das sind nicht nur von bösartigen politischen Gegnern projizierte Schreckgespenster. Im Moment sieht es gar nicht nach einem zehnjährigen Haltbarkeitsdatum für den Plan A des Kanzlers aus. Der Wahlkampf läuft bis dato für seinen Rivalen Sebastian Kurz, dem die SPÖ in ziemlich dilettantischer Weise das Heft des Handelns nicht nur überlassen, sondern geradezu in die Hand gedrückt hat. Kerns Plan B, mit dem er vergangene Woche an die Öffentlichkeit ging, ist die logische Konsequenz: Wenn die SPÖ nicht als Sieger aus der Wahl hervorgeht, solle sie in Opposition gehen und sich dort erneuern; von einer rot-blauen Koalition sei man Lichtjahre entfernt.

Letzteres sehen der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl und sein Vertrauter in der Regierung, Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, nicht so. Sie tragen die Kern-Ansage dennoch mit - um in den letzten Wochen vor der Wahl gegen Schwarz-Blau zu mobilisieren, die einzige Variante, die bliebe, wenn die Sozialdemokraten in Opposition gehen. Für Bürgermeister Michael Häupl hat diese Strategie gegen H.-C. Strache bei der Wien- Wahl 2015 funktioniert.

Natürlich heißt die Oppositionsansage aber nicht, dass Christian Kern auch tatsächlich den Oppositionsführer geben würde. Die Wahrheit ist: Er wird entweder Erster, oder sein Projekt ist nach rund eineinhalb Jahren wieder beendet. Eine Funktion abseits des Kanzlersessels ist eigentlich nicht denkbar, gleich, wie die nächste Regierung aussieht. Kern wird nicht zur Verfügung stehen, den Vizekanzler hat er indirekt ja bereits selbst ausgeschlossen. Und die SPÖ wird, auch wenn sie als Zweite aus der Wahl hervorgeht, alles tun, um wieder an der Regierung beteiligt zu sein.

Geht Türkis-Rot?

Wieso eigentlich nicht Türkis-Rot? Nach den jahrelangen Sticheleien und gegenseitigen Blockaden zwischen ÖVP und SPÖ wird die Fortsetzung einer Koalition zwischen diesen beiden Parteien derzeit weitgehend ausgeschlossen. Solange Kern der rote Parteichef bleibt, gilt das auch. Er wird unter einem Regierungschef Kurz keinesfalls den Stellvertreter machen.

Mit Doskozil anstelle von Kern sähe die Sache allerdings anders aus. Der Verteidigungsminister trat erst kürzlich in einer harmonisch geführten Doppelconferénce mit Kurz im "Standard" auf. Die SPÖ würde ein Angebot eines Wahlsiegers Kurz wohl kaum ausschlagen. Und Teile der FPÖ sind seit gemeinsamen Regierungstagen mit Wolfgang Schüssel dermaßen sauer auf die ÖVP, dass sie die Latte für Kurz zu hoch legen könnten.

Trotz der jetzigen Festlegung ist - selbst wenn die SPÖ hinter der Kurz-Bewegung aus den Wahlen geht - auch Rot-Blau nicht gänzlich unrealistisch. Im Umfeld des ÖVP-Chefs bis hin zur Industriellenvereinigung wird diese Drohkulisse jedenfalls schon fleißig aufgebaut. Ein solches Szenario würde aber aller Voraussicht nach ebenfalls mit Hans Peter Doskozil im Fahrersitz stattfinden, nicht mit Kern.

Dritte Variante: Fliegen die Sozialdemokraten tatsächlich aus der Regierung, weil sich Schwarz (Türkis) und Blau zusammentun, wäre es sehr wahrscheinlich wiederum nicht Christian Kern, der die Partei im Warteraum der Macht von innen heraus neu strukturiert. Auch für den unrealistischen Fall, dass er es überhaupt in Erwägung zöge, wäre der Druck auf ihn wohl zu groß.

Der frühere Topmanager muss siegen, oder er wird in die Wirtschaft zurückkehren. Gerüchte, er habe bereits Kontakt zu großen deutschen Konzernen, sind möglicherweise Humbug und werden im Wahlkampf gestreut, um ihm zu schaden. Dass seine Dienste in Unternehmen gefragt sind, davon kann aber ausgegangen werden. Ein Plan C - CEO oder Consulter - birgt kein großes Risiko.

Handlangerdienste im Unternehmen seiner Frau, wie er im eingangs zitierten Interview sagte, wird er nicht verrichten müssen.

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