Der echte Siebenfachjackpot [Essay]

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Vergessen Sie die Reichen-Listen diverser Magazine, vergessen Sie den Traum vom Lottojackpot, die Sehnsucht nach Manolo Blahniks oder Ferraris. Richtiger Reichtum sieht anders aus, meint Andreas Salcher in seinem Essay.

Eine neue Bewertungsmethode menschlichen Reichtums zu entwickeln, ist eine bestechende Idee, eine, die nicht auf dem Besitz von Geld basiert. Das „Really Rich Project“ (reallyrichlist.com) ging dabei von einer Vielzahl an internationalen Studien aus, die den Einfluss von Faktoren wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Kinderanzahl usw. auf das Glück der Menschen untersucht haben.

Steve Henry und sein Team interviewten tausend repräsentative Leute in England, um eine Relation zwischen einem Lottogewinn von 110.000 Euro und einzelnen anderen Erlebnissen zu ermitteln. Das ist natürlich jetzt nur eine sehr oberflächliche Wiedergabe ihrer ausgefeilten Vorgehensweise. Viel spannender als die absolute Höhe der Geldbeträge sind die Reihung der 50 einzelnen „Güter“ und deren Verhältnis zueinander. Was glauben Sie, macht Menschen in deren eigener Einschätzung am reichsten?

Erraten, Geld spielte eine geringe Rolle, weder der Kauf von Manolo Blahniks noch der von Ferraris war auf der Liste zu finden, nicht einmal das neueste iPhone kam vor. Den Menschen wurde bewusst, dass es zum großen Teil Dinge waren, die sie gar nicht zu kaufen brauchten beziehungsweise nicht kaufen konnten, um sich damit wirklich glücklich zu fühlen.

Die wahre Glückszahl: 578.349 Euro und 67 Cent

Hier einige der interessantesten Ergebnisse: Eine gute Gesundheit steht mit 198.628,04 Euro an der Spitze der Liste. An zweiter Stelle folgt, „Ich liebe dich“ gesagt zu bekommen. Ein Kind zu haben ist mit 135.937,60 Euro mehr wert als ein Haustier, ­ immerhin. Schokolade zu essen ist wichtiger als gut auszusehen, kein Kommentar dazu … Sex zu haben (115.719,43 Euro) an einem sonnigen Tag (98.577,64 Euro) in einer wunderschönen Landschaft (81.732,83 Euro), während man in den Ferien ist (100.924,81 Euro) mit jemandem, der einen liebt (181.394,96 Euro), ist mit einer Summe von 578.349,67 Euro im wahrsten Sinne der Siebenfachjackpot – und leider käuflich nicht zu erwerben.

Man könnte jetzt lange über die Relevanz der Ergebnisse der Methode diskutieren. Hilfreicher ist wohl, uns selbst zu fragen, ob wir nicht tatsächlich die Freuden des täglichen Lebens viel zu sehr unter- und die materiellen Dinge zu sehr überschätzen. Um nicht missverstanden zu werden, Geld kann vieles, es beruhigt und schafft Freiheit und sorgt gerade im Alter für bessere medizinische Versorgung, aber es macht eben nicht glücklicher. Nur bei sehr armen Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, gibt es einen Zusammenhang zwischen Geld und Glück, wie zum Beispiel der leider viel zu früh verstorbene Hans Rosling in seinem Buch „Factfulness“ eindrucksvoll dokumentiert. Sobald eine Grundversorgung gewährleistet ist, hat mehr Geld kaum Auswirkungen auf das Glückserleben. Unzählige Studien sind immer wieder zu diesem Ergebnis gekommen. Warum ist das so?

Der Jackpot zum Glück

Offensichtlich gewöhnen wir uns sehr schnell an einen Zustand, wenn bestimmte existenzielle Bedürfnisse befriedigt sind. Alle haben sicher erlebt, dass die Freude über das neue, schönere Auto schnell wieder vergeht, sogar das erträumte Haus wird bald zur Selbstverständlichkeit, und wenn es mit hohen Krediten finanziert ist, kann es sogar zur Belastung werden. Trotzdem fiebert immer wieder fast das ganz Land dem Jackpot entgegen, wissend, dass dieser den glücklichen Gewinner mit der gleichen Wahrscheinlichkeit trifft wie ein Blitz dreimal hintereinander. Beim Thema Geld klaffen unser theoretisches Wissen und unser praktisches Handeln so auseinander wie sonst nur beim Thema ­ gesund leben.

Fazit: Man muss kein Zen-Mönch sein, um zu verstehen, dass wir uns nicht glücklicher fühlen, wenn wir ständig Dinge kaufen und unser ganzes Leben dem Gelderwerb unterordnen. Ein Einkaufszentrum für Zen-Mönche wäre wohl ein finanzielles Desaster, die handeln nämlich auch so, wie sie denken. Daher eine Frage zum Abschluss: Wenn Sie etwas außer Geld wählen könnten, das Ihnen für den Rest Ihres Lebens garantiert wird, was wäre das?


Buchtipp

Andreas Salcher, "Das ganze Leben in einem Tag"

Andreas Salcher, "Das ganze Leben in einem Tag"

  • Das ganze Leben in einem Tag
  • Autor: Andreas Salcher
  • Verlag: Ecowin, 376 Seiten, 24 €
  • Jetzt kaufen

Zur Person

Andreas Salcher ist Bildungsexperte, Bestsellerautor, Unternehmensberater und regelmäßiger trend-Autor.


Der Essay ist ursprünglich in der trend-Ausgabe 47/2018 vom 23. November 2018 erschienen.

Standpunkte

Robin Lumsden: Neues vom großen Meister Francis Fukuyama

Kommentar
Karl Sevelda

Standpunkte

Neue Retropolitik der Regierungsparteien

Kommentar

Standpunkte

Der wahre Grund für den Handelskrieg