Sexuelle Belästigung: Was ist da so schwer zu verstehen?

Martina Bachler

Martina Bachler

trend-Redakteurin Martina Bachler über die komplett absurde Befürchtung, Männer "dürften jetzt gar nichts mehr".

Tausende Frauen haben in den vergangenen Tagen gesagt, dass sie sexuell belästigt wurden. Schauspielerinnen, Mitarbeiterinnen des EU-Parlaments, unzählige Frauen in den sozialen Medien berichteten mutig von ihren Erfahrungen. Sofort folgte das große Lamento: Was dürfe man als Mann heute denn überhaupt noch? Ist es nicht schon gefährlich, mit einer Frau allein im Lift zu stehen? Steuern wir etwa auf einen krassen Puritanismus zu?

Die Reflexhaftigkeit, mit der Männer (und ein paar Frauen) mit diesen Aussagen um sich schlagen und damit mal eben Täter und Opfer vertauschen, ist so absehbar wie erschütternd. Das Problem sind nicht die Frauen und auch keine ominösen Triebe, sondern das Problem liegt dort, wo Männer ihr Selbstbewusstsein offenbar immer noch daraus ziehen, anderen ihren Willen aufzwingen zu können - und damit durchkommen.

Das Gejammere, man würde sich als Mann gar nicht mehr auskennen, ist unter den Umständen offensichtlichen Systemversagens lächerlich. Was, bitte, ist da so schwer zu verstehen? Jeder darf, wozu ihm sein Gegenüber das Einverständnis gibt, ohne dass es sich auch nur im Ansatz dazu genötigt fühlt. Wer gerne jemandem einen Klaps auf den Po gibt, soll halt jemanden finden, der ihn auch will. Schluss mit den Ausreden. Wir müssen ein Umfeld schaffen, das Übergriffen keinen Platz einräumt. Den Anfang machen wir bitte, indem wir die Opfer endlich ernst nehmen. Nur so entdecken wir Missstände, und nur indem wir darüber reden können, decken wir vielleicht auch Missverständnisse auf.

bachler.martina <AT> trend.at


Den Kommentar finden Sie auch in der trend-Ausgabe 43/2017 vom 26. Oktober 2017.

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