Sepp Schellhorn: Aufsperren alleine ist keine Lösung

Gastkommentar von Unternehmer und NEOS-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn: Wenn Österreichs Tourismusbranche überleben soll, dann braucht es ein Timeout für alle Zahlungen und Abgaben an den Staat. Grenzen nur für deutsche Gäste zu öffnen, ist naiv und wird die Saison sicher nicht retten.

Sepp Schellhorn

Sepp Schellhorn

Kellner mit Handschuhen und Mundschutz, Gäste, die den Desinfektionsspray auspacken, bevor sie sich auf die Sonnenliegen legen oder schnell eine Runde Boccia mit den Hotelkugeln spielen. Schwimmen geht nur mit Mundschutz oder sehr, sehr großem Abstand, die Wellnessbereiche sind gesperrt, gleiches gilt für die Kinderspielplätze, außer, das Kinderhotel hat jemanden abgestellt, Schaukeln, Puzzles und Bobbycar nach jeder Benützung zu desinfizieren.

Es gibt keine Buffets, keinen Nachmittagskuchen, keine Zeitungen, und die Stühle an der Hotelbar sind im Abstand von zwei Metern aufgestellt. Wenn also jemand von der Bar kippt, dann wird er heuer hart fallen. Willkommen im Sommer unseres Lebens.

Für die, die in Österreich Urlaub machen, aber auch für den Tourismus insgesamt. Darum ist es sehr nett, dass die Tourismusministerin darüber philosophiert, dass man die Grenzen für deutsche Urlaubsgäste öffnen könnte - aber es ist auch sehr naiv. Nur weil wir offen haben, heißt das ja nicht, dass auch wirklich Gäste kommen. Noch habe ich jedenfalls nichts von wütenden Deutschen gelesen, die sich in Kiefersfelden mit den Grenzern prügeln, weil man sie an der Einreise nach Ischgl hindert.


Nein, Aufsperren allein ist keine Lösung.

Ich verstehe das auch. Wer will in so einer Hochsicherheitszone Urlaub machen? Wer fährt dort hin, wo er behandelt wird wie die Maus im Labor, auch wenn das Labor vier oder fünf Sterne hat? Vor allem, wenn es drum herum kein Angebot gibt: keine Salzburger Festspiele, keine anderen Großveranstaltungen, nichts.

Wie soll ein Stadthotel ohne Kongresse über die Runden kommen? Davon abgesehen: Selbst an den besten Tagen sorgen österreichische und deutsche Gäste nur für knapp die Hälfte unserer 150 Millionen Übernachtungen. Sogar wenn alle Stammgäste Lust auf Ferien im Ausnahmezustand haben, geht die Auslastung um 50 Prozent zurück.

Nein, Aufsperren allein ist keine Lösung, und das sehen auch die vielen Kollegen so, mit denen ich täglich telefoniere und die alle um ihre nackte Existenz bangen. Im Moment rechnet jeder, womit er mehr Geld verliert: Wenn er zugesperrt lässt und keine Einnahmen hat. Oder wenn er den Betrieb hochfährt, aber nie kostendeckend wird.


Die Hilfen, die es bisher gibt helfen genau gar nichts.

Keiner kann sich leisten, Geld zu verlieren, gerade in unserer Branche ist die Eigenkapitalquote ganz besonders niedrig, weil jeder permanent sein Haus auf dem neuesten Stand halten muss. Dieser Sommer, wie ihn die Regierung vorhat, wird für einen Kahlschlag im heimischen Tourismus sorgen mit allen negativen Konsequenzen für die Landwirtschaft und die vielen regionalen Zulieferer und Gewerbetreibenden, die von den Investitionen der Hotellerie leben.

Die Hilfen, die es bisher für uns gibt, helfen nämlich genau gar nichts. Die Kurzarbeitsregelung ist keine Hilfe, sondern eine Falle, weil ich alle Mitarbeiter nach wenigen Monaten wieder habe - selbst dann, wenn ich durch das langsame Hochfahren weniger brauchen würde und mir auch gar nicht alle leisten kann, weil ich deutlich weniger Umsatz habe. Außerdem werden wir alle ein massives Liquiditätsproblem haben, und auch dafür gibt es keine Hilfen. Weil jeder dringend Cash braucht, wird jeder jedes Bett auf den Markt werfen. Was das für die Preise heißt, ist klar: Wir kannibalisieren uns.


Es braucht einen Timeout für alle Zahlungen.

Natürlich wäre es umgekehrt sinnvoller: weniger Gäste heißt weniger Betten heißt weniger Personal und halbwegs vertretbare Preise. Das wäre für alle gesünder: für die Gäste wie die Hoteliers. Aber das geht in der Praxis nicht, jeder muss auf die eigene Liquidität schauen.

Wenn man den Tourismus wirklich retten will, dann braucht es eine Sonderregelung: einen Freeze. Ein Timeout für alle Zahlungen, egal, ob das Kreditraten sind oder Abgaben an den Staat und Krankenkassen. Diesen Freeze braucht es, bis es ein Medikament gegen Corona gibt, mindestens ein Jahr. Die Hoteliers hätten dann Luft zum Atmen und müssten diesen Sommer keine Harakiriaktionen starten, um über Wasser zu bleiben, was ohnehin nicht gelingen wird.

Wir könnten dann in diesem Sommer für alle, die in Österreich Urlaub machen wollen, ein vernünftiges Angebot schaffen, und alle Kollegen, bei denen es sich mit einer geringeren Auslastung einfach nicht rechnet, könnten ihre Betriebe zu lassen und sich gut auf einen Neustart im nächsten Jahr vorbereiten. Alles andere ist Selbstmord für eine Branche, die Österreich dringend braucht.

Zum Autor

Sepp Schellhorn, 52, ist Unternehmer, Gastronom und Hotelier sowie Wirtschaftssprecher der Neos. In seinen Betrieben in Salzburg beschäftigt Schellhorn rund 120 Mitarbeiter.


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