Der Schüler Gerber und der Mythos Matura [Essay von Andreas Salcher]

Als Antagonisten in seinem Klassiker "Der Schüler Gerber" wählte Friedrich Torberg nicht zufällig einen Mathematikprofessor, genannt "Gott Kupfer". Kein anderer Gegenstand verursacht bei so vielen Schülern Angst vor der Matura und verleidet ihnen die Freude an der Schule. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Andreas Salcher

Andreas Salcher

Es sind die Gleichungen der Asymptoten der Hyperbel 4x2 9y2 = 36 aufzustellen und ihre Winkel mit der Abszissenachse zu berechnen.

So lautete eine der beiden Aufgaben der mündlichen Mathematikmatura in Friedrich Torbergs Roman "Der Schüler Gerber hat absolviert". Das 1930 erstmals erschienene Werk erzählt vom tragischen Machtkampf zwischen dem begabten, aber sensiblen Schüler Kurt Gerber und seinem zynischen Mathematiklehrer "Gott Kupfer". Torberg selbst fiel 1927 bei der Matura durch und wurde erst beim zweiten Versuch 1928 für "reif" erklärt.

Ein Zeitsprung ins 21. Jahrhundert: Im Jahr 2018 scheiterte fast jeder fünfte Schüler bei der schriftlichen Mathematikklausur. "Gerettet" wurden viele von ihnen durch die mündliche Kompensationsprüfung. Hätten Schüler mit den negativen Noten diese nicht bei "ihrem" Lehrer mündlich ausbessern können, so wäre in vielen Klassen weit über die Hälfte in Mathematik durchgefallen. Als Reaktion darauf änderte das Bildungsministerium die Gewichtung zwischen den Aufgaben und reduzierte die vielfach kritisierte Textlastigkeit der Beispiele. Daraufhin verbesserten sich die Ergebnisse der Mathematikmatura 2019 signifikant. Wurden Österreichs Schüler auf wundersame Weise innerhalb eines Jahres tatsächlich wesentlich kompetenter in Mathematik?

Offensichtlich nicht, denn die schriftliche Mathematikmatura fiel im Jahr 2020 trotz einiger Corona-bedingter Erleichterungen wieder ähnlich schlecht wie 2018 aus. Trotz dieses ernüchternden Rückschlags mussten 2020 in den AHS nur 2,5 Prozent und in den BHS nur 1,3 Prozent tatsächlich die Mathematikmatura wiederholen. Für 2021 sind ähnliche Zahlen zu erwarten. Diese wundersame Transformation ursprünglich negativer in am Ende positive Noten ist zwei "Korrekturmechanismen" zu verdanken: erstens der zuvor beschriebenen mündlichen Kompensationsprüfung und zweitens der 2020 erstmals eingeführten Einbeziehung der Jahreszeugnisnote in die Gesamtbeurteilung.

Der Wert der Matura

Ist die Matura heute daher wertlos oder gar geschenkt? Gerechterweise muss man zugestehen, dass es der diesjährige Maturajahrgang besonders schwer hatte, weil es fast keinen Präsenzunterricht gab und der Verlust der sozialen Beziehungen dauerhaft nicht durch qualitativ höchst unterschiedliches Distance Learning ersetzbar war.


Unternehmen vertrauen nicht mehr auf die Aussagekraft der Matura.

Um den Wert der Matura heutzutage unabhängig von der Pandemie beurteilen zu können, sollte man sich die beiden historischen Funktionen der Matura bewusst machen: erstens die Berechtigung zu studieren und zweitens der privilegierte Zugang zu qualifizierten Jobs. Beide Voraussetzungen haben sich grundlegend verändert. Mittlerweile gibt es für fast alle begehrten Studien Aufnahmetest. Jener für das Medizinstudium ist sicher wesentlich schwieriger als die Matura. Unternehmen und öffentliche Institutionen vertrauen ebenfalls nicht mehr der Aussagekraft eines Maturazeugnisses, sondern führen eigene selektive Aufnahmeverfahren durch.

Beide Entwicklungen werden sich verschärfen, das heißt, selbst wenn die Matura heute wahrscheinlich einfacher als zu Zeiten des Schülers Gerber ist, bedeutet diese nicht wie früher eine automatische Zulassung zu jedem Wunschstudium oder den Einstieg in eine aussichtsreiche Berufskarriere, sondern eher die Eintrittskarte zu weiteren Auswahlverfahren. Dem erkennbaren Vertrauensverlust in die Qualität der Matura wollte man mit der Einführung der Zentralmatura entgegenwirken. Warum ist das offensichtlich nicht gelungen?

Das absehbare Ende der Zentralmatura

Im Frühjahr 2008 kündigte die damalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) an, die Matura in Zukunft nach einheitlichen Standards durchzuführen. Der Grundgedanke dieser "Zentralmatura", Schüler nicht mehr dem Wohlwollen einzelner Lehrer auszusetzen, sondern allen die gleichen Aufgaben zu stellen, erschien durchaus sinnvoll. Inoffiziell wollte man auch die an manchen Schulen übliche "Matura-Show" abstellen, bei der die Schüler die Aufgaben teilweise oder vollständig vorab kannten, um dann vor der Maturakommission sich selbst und die Schule bestens zu präsentieren.


Wir brauchen eine ideologiebefreite Diskussion über den Wert und Sinn der Matura im 21. Jahrhundert.

Getreu dem Motto "Nur nicht hudeln" dauerte es sechs Jahre an den AHS und sieben Jahre an den BHS, bis die Zentralmatura flächendeckend gegen massive Widerstände umgesetzt wurde. Findige Lehrergewerkschafter durchschauten nämlich den Versuch, nicht nur die Leistungen aller Maturanten, sondern auch die ihrer Lehrer vergleichbar zu machen. Jedenfalls kämpfte die Zentralmatura nicht nur mit zahlreichen Kinderkrankheiten, sondern litt an einem Geburtsfehler. Ein wesentliches Element einer echten Zentralmatura ist, dass eben nicht derselbe Lehrer, der die Schüler auf die Matura vorbereitet, deren Leistungen beurteilt, sondern eine objektive Kommission. Bei der Führerscheinprüfung wird der Kandidat auch nicht von seinem Fahrlehrer geprüft.

Die österreichische Zentralmatura war von Anfang ein Zwitterwesen. Zwar gab es zentrale Aufgaben für die schriftlichen Klausuren, diese wurden aber vom Klassenlehrer bewertet und dieser prüfte dann ebenfalls bei der mündlichen Matura. Den angekündigten fairen Standards widersprach zum Beispiel eine groteske "Zweijahresanomalie" bei den Mathematikklausuren. Jedes zweite Jahr fielen diese wesentlich schlechter aus, obwohl es keine wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, dass jeder zweite Jahrgang mathematisch doppelt so unbegabt ist wie der vorhergehende. Die nun erfolgte Einbeziehung der Jahresnote widerspricht massiv dem Konzept jeder Zentralmatura. Die subjektive Sicht des Lehrers wird wieder ein entscheidender Faktor. "Gott Kupfer" feiert seine Auferstehung.

Matura abschaffen oder retten?

Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass viele "Erleichterungen" nach der Pandemie bleiben werden. Die Mehrheit der Öffentlichkeit wird darauf mit stoischer Gelassenheit oder deren österreichischer Interpretation "a scho wurscht" reagieren. Umso heftiger zeichnet sich eine ideologisch aufgeladene Debatte ab. Die linksliberal Bewegten werden argumentieren: "Schaffen wir die Matura endlich ab, sie verschärft ohnehin nur die Diskriminierung der bildungsfernen Kinder." Das wird reflexartig zum Aufschrei der Traditionalisten führen, die der Matura wieder jenen Wert geben wollen, den sie einst hatte.

Alle, die jetzt erwarten, dass ich nun (endlich) selbst klar Stellung beziehe, muss ich enttäuschen. Denn was unser Land mit Sicherheit nicht benötigt, ist nach der Gesamtschuldebatte den nächsten Religionskrieg über die Matura. Vielmehr brauchen wir eine ideologiebefreite Diskussion über den Wert und Sinn der Matura im 21. Jahrhundert:

Soll jeder durchschnittlich begabte Schüler jedenfalls die Matura erhalten? Soll die Matura primär Studienberechtigung sein? In beiden Fällen dürfen wir uns nicht länger davor drücken, das Niveau zu definieren, das alle Maturanten erreichen müssen. Das führt unweigerlich zur Frage, ob jeder Maturant Differential- und Integralrechnung beherrschen muss. Wenn ja, dann sollten wir dafür sorgen, dass unsere Mathematiklehrer ihren Schülern diese Kompetenzen so beibringen, dass diese sie tatsächlich verstehen. Andererseits müssen wir akzeptieren, dass nicht alle Menschen über die kognitiven Voraussetzungen verfügen, um höhere Mathematik zu begreifen, auch dann nicht, wenn sie vom pädagogisch besten Lehrer unterrichtet werden. Dürfen wir den mathematisch wenig, aber dafür sozial hoch Begabten den Weg zu höheren Sozial-und Gesundheitsberufen versperren? Und was tun wir mit den einseitig künstlerisch Begabten wie Friedrich Torberg?

Als Leitlinie für Antworten möge ein Zitat von Wilhelm Busch dienen: "Also lautet ein Beschluss: Dass der Mensch was lernen muss."


Andreas Salcher ist Bildungsexperte, Bestsellerautor, Unternehmensberater und regelmäßiger trend-Autor. Sein jüngstes Buch mit dem Titel "Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde" ist im August 2019 erschienen. Andreas Salcher beschreibt darin, wie Schulen zu Orten werden könnten, an denen Kinder jeden Tag mit Freude lernen.

andreassalcher.com


Der Essay ist ursprünglich in der trend. EDITION vom 11. Juni 2021 erschienen.

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