Rüdiger Wischenbart: Globalisierung ist unumkehrbar

Rüdiger Wischenbart: Globalisierung ist unumkehrbar

Rüdiger Wischenbart

Eine Entkopplung von reichen Industrienationen und armen Entwicklungsländern ist kontraproduktiv. Globalisierung lässt sich nicht rückabwickeln, meint Rüdiger Wischenbart als Replik auf Othmar Pruckners Kommentar "Betrifft Wirtschaftsmigration" im trend 07/2016.

Wenn es um widersprüchliche Herausforderungen geht, überlege ich meist, wie sich das jeweilige Problem bei Büchern, Buchverlagen oder Medien allgemein darstellt. Denn diesen Ausschnitt kenne ich einigermaßen, auch im größeren internationalen Zusammenhang.

Einerseits sind in den letzten zwei, drei Jahrzehnten Hunderte von Millionen Menschen in die Lage gekommen, Bücher zu lesen, um sich zu bilden und zu unterhalten, vorwiegend in den Städten Dutzender Schwellenländer von Brasilien, Indien oder China, in Malaysia, Thailand, Südafrika, am arabischen Golf, auch in Saudi Arabien. Andererseits konnten sich in diesen Städten nur vergleichsweise selten lokale Buchverlage so weit professionalisieren, dass ihre Bücher von den neuen Bildungsschichten und Mittelklassebürgern als eine gute Alternative zu den Importen aus England oder Amerika angenommen werden.

Deshalb sind im selben Zeitraum die ganz großen Verlagskonzerne vom Schlage Elsevier oder Pearson bei Wissensinhalten oder Random House und Hachette bei Unterhaltungslektüre zu globalen Akteuren geworden, gegen die zu konkurrieren selbst für smarte lokale Verlage sehr schwierig ist. Doch auch die Verlagsriesen sind klein im Vergleich zur neuesten Riege der Internetkonzerne, die mit einer Mischung aus Milliarden an Usern und Investmentkapital sowie entsprechenden Riesenmengen an Content ihre Netze aufspannen. Diese massive Umschichtung und Verschiebung in Zugang und Kontrolle bei Wissen, Bildung und Entertainment ist eine zentrale Fehlentwicklung in den Wissensgesellschaften im 21. Jahrhundert.

Wenn ich nun aber einem sehr nachdenklichen Kommentar von Othmar Pruckner ( "Betrifft Wirtschaftsmigration") im trend folge, lautet die Antwort auf solche Verzerrungen: "Wahrscheinlich sollten sich die Welten voneinander entkoppeln."

Entschiedener Einspruch!

Eine Rückabwicklung der Globalisierung des späten 20. Jahrhunderts würde rasch darauf hinauslaufen, dass wenige Wohlhabende dieser zu trennenden Welten sich weiterhin den Zugang zu Wissen und Unterhaltung aus der "Ersten Welt" würden erkaufen können, während der Rest durch Grenzregime, Obergrenzen, eben Entkoppelung, außen vor bleibt. Die sich schon jetzt die Ausbildung ihrer Kinder in Europa oder Nordamerika leisten, hätten dieses Privileg noch exklusiver. Die von Pruckner reklamierten "Lowtech-, dezentralen, cleveren, smarten Lösungen" kämen auf der Rückseite der entkoppelten Welten mit dem Geruch von Lösungen zweiter Klasse an. Und wer hier bei uns könnte deren Wohlhabens- und Machteliten die Visa, Konten, Flugtickets und Uniplätze systemisch verwehren? Entkoppelung als simple Rückabwicklung von Globalisierung funktioniert so wenig wie Türln mit Seitenteilen oder Obergrenzen.

Lowtech und smart können hingegen durchaus funktionieren, wenn sie verknüpft bleiben mit den globalen Netzen. Es geht um einen smart - im Sinn von umsichtig, transparent und fair - geregelten Grenzverkehr inklusive Migrations- und Entwicklungspolitik.

Zurück zu den Beispielen mit den Büchern. Für solche aus Buchkonzernen hat Indien eine "indische Preisgestaltung" erzwungen, sodass dort ein Buch von Random House oder Hachette etwa ein Zehntel des Preises von Paris oder London kostet. Amazon bekam lange Zeit keine Lizenz in Indien, bis sich lokale Onlinehandelskonzerne fit machen konnten - und jetzt ist ein ganz massiver Kampf mit Amazon um die Markthoheit entbrannt. Ideal ist diese Welt noch lange nicht.

Für Buch- und Bildungsinhalte in Afrika experimentiert eine NGO wie Worldreader.org mit cleveren Ansätzen, die Content auf der Höhe der Zeit bis in die Dörfer auf Lowtech-Handys über 2G-Netze bringt, aus Konzern-wie aus lokalen Verlagen. Dahinter steckt smarte Hightech-Technologie für die Vernetzung und ironischerweise ein Initiator, der als rechte Hand von Jeff Bezos Amazon mit aufgebaut hatte.

Entkoppelung ist auch deshalb ein fragwürdiger Ansatz, weil er uns in der Illusion wiegt, wir könnten doch noch einmal davonkommen, im warmen Nest von Wohlstandseuropa, ohne durch die Krisen der Welt behelligt zu werden. Die Globalisierung lässt sich nicht rückabwickeln. Sie lässt sich im besten Falle steuern, miteinander, und auch dies erfordert erhebliche Anstrengungen.


Zur Person

Rüdiger Wischenbart war lange Jahre Pressesprecher bzw. Kommunikationsdirektor der Frankfurter Buchmesse. Heute analysiert er internationale Buch- und Medienmärkte und organisiert dazu Fachkonferenzen. Mehr unter www.wischenbart.com.

Kommentar
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