Richard Straub - Damit KI uns nicht k. o. schlägt

Richard Straub - Damit KI uns nicht k. o. schlägt

Richard Straub, Gründer und Organisator des Global Peter Drucker Forums (www.druckerforum.org)

Künstliche Intelligenz braucht menschliches Maß. #GPDF18

Peter Drucker bezeichnete den Computer einst als "Trottel". Ein Kompliment - denn genau genommen ist der Computer, der weder über Bewusstsein noch über Persönlichkeit verfügt, nicht einmal das. Was Drucker damit meinte, ist, dass eine Maschine nur "dumm" ausführen kann, wofür sie programmiert wurde.

Die neuesten Entwicklungen in Sachen künstliche Intelligenz (KI) lassen allerdings die Frage offen, ob Computer in all ihren zunehmend komplexen, vernetzten und leistungsfähigen Ausformungen tatsächlich Dummköpfe sind. Oder ob sie nicht irgendwann in der Lage sein werden, ihre Erfinder zu übertreffen oder gar zu dominieren, wie es etwa der Futurologe Ray Kurzweil so eloquent voraussagt.

Die Entwicklungssprünge innerhalb der KI-Systeme beeindrucken jedenfalls: Vor nicht allzu langer Zeit verfügten Supercomputer gerade einmal über die Leistung unserer aktuellen Smartphones. Und tatsächlich hat uns die digitale Technologie enorme Fortschritte etwa in den Bereichen Robotik, autonomes Fahren, Sprachund Bilderkennung oder maschinelles Lernen beschert. Die "Digital Personal Assistants" wie Siri, Alexa, Cortana, Bixby oder Google Assistant legen davon beredtes Zeugnis ab.

Leben ist mehr als "Data Points"

Doch lässt sich hier wirklich von Intelligenz sprechen? Intelligenz ist ein zutiefst menschliches Merkmal, das die Fähigkeiten miteinschließt, vernünftig, in Zusammenhängen, disziplinübergreifend und zielorientiert zu denken, Werte und ethische Erwägungen bei Entscheidungen zu berücksichtigen, Beziehungen zu entwickeln, emotional zu reagieren und nicht zuletzt Fehler zu machen und daraus zu lernen - eine vitale Voraussetzung für Kreativität und Innovation. Bei aller Ehrfurcht, die diese neuen Technologien hervorrufen mögen, dürfen wir daher nie vergessen, dass Maschinen nur spezifische Aufgaben erledigen können. Selbst die großen Durchbrüche wie Deep Blue und AlphaGo konnten nicht im Sinne einer allgemeinen KI angewandt werden.

Tatsächlich fußt die Metapher der künstlichen Intelligenz auf einer mechanistischen Vorstellung vom Menschen, die davon ausgeht, dass wir quasi Computer mit "fleischgewordener Hardware" sind, die von einer geistigen Software kontrolliert wird. Dies - verbunden mit dem Glauben, dass die Welt über Daten komplett erfasst und verstanden werden kann - führt zu einem reduktionistischen Weltbild, das Jahrtausende von Geistesgeschichte über Bord wirft. Clayton Christensen, einer der führenden Managementdenker unserer Zeit, brachte es beim Drucker Forum 2015 mit einer humoristischen Feststellung auf den Punkt: Im Himmel, meinte er, werde man keine Daten finden, da diese immer lügen! Daten spiegelten nicht unsere Lebensrealität wider, sondern nur beschränkte Aspekte. Leben ist eben so viel mehr als "Data Points".


Nicht die KI selbst ist die Bedrohung für die Menschheit, sondern die Art und Weise, wie wir Technologie ermächtigen, für uns zu handeln und wesentliche Entscheidungen zu treffen.

Für mich ist die Beschwörung von Computer-Intelligenz als quasi übermenschliche Intelligenz in höchstem Maße gefährlich: gefährlich deshalb, weil wir Fähigkeiten in sie hineinprojizieren, die sie nicht haben kann. Nicht die KI selbst ist dabei die Bedrohung für die Menschheit, sondern die Art und Weise, wie wir Technologie ermächtigen, für uns zu handeln und wesentliche Entscheidungen zu treffen. Das sogenannte "Black-Box-Syndrom" trägt zu diesem blinden Glauben an die Maschine bei: Wir verstehen nicht, was hinter dem Algorithmus steckt, aber weil es ein Computer ist, muss es richtig sein. Computer funktionieren scheinbar fehlerfrei - zumindest was Berechnung und algorithmische Problemlösung betrifft.

Bedrohlich ist auch die Macht, die Megaunternehmen à la FANG (Facebook, Amazon, Netflix, Google) eingeräumt wird, die künstliche Intelligenz nutzen: Während sie dank sogenannter Netzwerkeffekte bereits Quasimonopolstellungen erreicht haben, zementieren sie ihre Position mit den ungeheuren Datenmengen, auf die nur sie Zugriff haben, auch noch ein. Das "Öl des 21. Jahrhunderts" - nämlich unsere Daten -ist in den Händen weniger "Digital Robber Barons".

Maschine unterstützt Mensch

Dies ist eine Mahnung zur Vorsicht, kein Plädoyer für Technologiefeindlichkeit: Eine realistische Positionierung von KI sollte in der Lage sein, das Misstrauen abzubauen, das sich in weiten Kreisen der Bevölkerung breitmacht. Tatsächlich glauben laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts YouGov lediglich 15 Prozent der Deutschen, dass der Nutzen der KI gegenüber den Risiken überwiegt.

DOWNLOAD - Peter Drucker Forum 2018 SPECIAL in [English] und [Deutsch]

In der Tat sind jedoch die Synergieeffekte zwischen Mensch und Maschine schon jetzt nachhaltig positiv und zeugen von gewaltigem Wertschöpfungspotenzial. Als Beispiel sei ein KI-System für Dermatologie erwähnt, das an der Universität Heidelberg entwickelt wurde: Beim Detektieren von gefährlichen Hautveränderungen gewann KI mit 95 versus 86,6 Prozent. Bei harmlosen Veränderungen aber lagen die Ärzte häufiger richtig (71,3 Prozent versus 63,8 Prozent). Mensch plus Maschine scheint in diesem Fall der lohnendste Ansatz zu sein.

Was wir heute mit Sicherheit sagen können, ist, dass Computersysteme unbestreitbare Stärken haben, wenn es darum geht, große Datenmengen zu analysieren, Muster und Trends wiederzuerkennen oder komplexe Rechnungen in kürzester Zeit durchzuführen. Dies allein reicht nicht aus für die menschengerechte Nutzung der Technologie. Worum es heute wirklich geht, ist, zu lernen, wie wir die neuen Technologien zur Ergänzung und Stärkung der menschlichen Intelligenz einsetzen können. Dies benötigt zuallererst ein besseres Verständnis der menschlichen Fähigkeiten und ihrer Grenzen. Daher lohnt es sich, nicht nur die MINT-Kompetenzen zu fördern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), sondern ebenso die Human-und die Sozialwissenschaften.

Allein die Einschätzung der wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Fragen, die aus dem autonomen Fahren oder etwa der Robotisierung in Kranken-und Altenpflege resultieren, darf nicht den Technokraten, den Fachexperten und der Marktlogik überlassen werden.

Nicht zuletzt müssen auch unsere politischen und öffentlichen Institutionen in die Lage versetzt werden, mit diesen Entwicklungen umzugehen. Manager als "most important leadership group in society", wie sie Peter Drucker nannte, haben hier einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Manager als "Bastion der Vernunft"

Tatsächlich sind die Führungskräfte, die an den Schaltstellen von Organisationen und Institutionen sitzen -ob öffentlicher, privater Bereich oder Zivilgesellschaft -, die vielleicht letzte Bastion gegen die Fehlpositionierung der KI als bessere Version der menschlichen Intelligenz. Manager sind in der Lage, eine problematische Entwicklung noch weiter anzuheizen oder zu einem "Reframing" der KI-Systeme beizutragen. Und zwar, indem sie die "menschliche Brille" aufsetzen und die Systeme auf ihre ausschließlich dienende Funktion verweisen. Dazu gehört nicht zuletzt die Schaffung neuer Rahmenbedingungen, die verhindern, dass KI außer Kontrolle gerät - wie etwa die "Open AI"-Bewegung oder die Bestrebungen zur Öffnung der "Black Box" durch Übersetzung der Algorithmen-Logik in verständliche Sprache. Auf diese Weise könnten auch Laien, also praktisch wir alle, verstehen und einschätzen, was geschieht.

Die US-Ingenieurin Arati Prabhakar, ehemalige Leiterin des United States Defense Advanced Research Projects Agency, spricht davon, dass wir uns in Richtung einer symbiotischen Verbindung von Mensch und Maschine bewegen. Das ist zweifellos richtig - umso entscheidender ist, dass wir uns das Zepter von den Silicon-Valley-Gurus und anderen Technologiepropheten nicht aus der Hand nehmen lassen.

Das zehnte Peter Drucker Forum hat sich dem Thema des "menschlichen Maßes" verschrieben. Im Sinne dieses Leitgedankens soll die Diskussion von der Technologie hin zum Menschen gelenkt werden. Denn ein Umdenken ist hoch an der Zeit, damit die Vernunft, das menschliche Potenzial und somit letztlich die menschliche Würde wieder als das gesehen werden, was sie sind: unsere größte gemeinsame Chance und Verantwortung.


Zur Person

Richard Straub ist Gründer und Organisator des Global Peter Drucker Forums (www.druckerforum.org ). Das 10. Global Peter Drucker Forum findet am 29. und 30. November 2018 in Wien in der Hofburg statt. Zum trend Themenspecial "Global Peter Drucker Forum 2018"

Kommentar
Franz Ferdinand Wolf

Standpunkte

Politik in Zeiten des Trumpismus

Kommentar
Peter Pelinka

Standpunkte

Pamela Rendi-Wagner: ihre wirklichen Probleme

Kommentar
Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer Horváth & Partners

Management Commentary

Wie die Digitalisierung Umsatz bringt