Emmanuel Macron und der Reiz des französischen Stils

Andreas Lampl, Chefredakteur trend: Für Christian Kern und Sebastian Kurz ist das Role Model des Emmanuel Macron Chance und Gefahr zugleich. Sie haben es selbst in der Hand.

Emmanuel Macron und der Reiz des französischen Stils

Sie müsse "von der Partei zur Bewegung“ werden, sagte Christian Kern schon kurz nach seinem Antritt als Kanzler über die SPÖ. In Frankreich hatte damals ein junger, sozialistischer Minister, der ähnliche Anzüge trägt wie Kern und ebenfalls aus der Wirtschaft in die Politik gewechselt war, gerade seine Bewegung En Marche! aus der Taufe gehoben. Nun zog Emmanuel Macron, 39, als unabhängiger und stimmenstärkster Kandidat in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft ein.

Nur ein Jahr genügte ihm, um als politischer Newcomer die traditionellen Parteien zu düpieren. Für Kanzler Kern und Sebastian Kurz, der in Österreich wohl als ÖVP-Kandidat in die nächste Parlamentswahl gehen wird, muss das ermutigend und besorgniserregend zugleich sein. Ermutigend, weil sich wieder gezeigt hat, wie rasant im Zeitalter von Social Media und sich auflösenden Parteidogmen ein Ding ins Positive gedreht werden kann. Besorgniserregend, weil genauso schnell "Altparteien“ in der Versenkung verschwinden können. Erfahrungen gibt’s ja auch hierzulande - die total unbekannte Irmgard Griss landete bei der Bundespräsidentenwahl klar vor den Bewerbern von Rot und Schwarz.

Beide, K & K, werden die eigene Person als zentrale Botschaft im Wahlkampf platzieren, so weit wie möglich weg vom ideologischen Ballast ihrer Parteien. "Nicht links, nicht rechts“, heißt es bei Macron, "nicht links, sondern pragmatisch“ bei Kern. Und Kurz wird den Job nur machen, wenn er die Möglichkeit sieht, sich ebenfalls als Bewegung zu positionieren, als eine Art Joint Venture mit der ÖVP.


Die Inszenierung der politischen Austropopstars wird ganz gut funktionieren.

Die Inszenierung der politischen Austropopstars als moderne Antithese zu den Apparatschiks wird, soweit sich das absehen lässt, in beiden Fällen ganz gut funktionieren. Ein Pizza-Flitzer erfüllt seinen Zweck jedenfalls besser als jede Parteikampagne.

Macron, der auch die große Show beherrscht, unterscheidet sich von den zwei österreichischen Politbühnen-Profis allerdings in einem kleinen, nicht ganz unwesentlichen Detail. Er hat der Partei, für die er in der Regierung saß, tatsächlich den Rücken gekehrt und auch klar gesagt, warum: um gegen Reformblockaden und verkrustete Systeme anzutreten. Einen solchen Glaubwürdigkeitsbonus haben K & K nicht. Was vielleicht im Moment verkraftbar ist, weil bei unseren nächsten Wahlen der Kabarettist Roland Düringer noch der prominenteste Unabhängige sein wird - und Grüne und Neos nicht unbedingt einen Lauf haben. Bleibt nur die FPÖ.

Aber auch wenn Kern zuweilen meint, dass Politik zu 90 Prozent Inszenierung ist, wird längerfristig auch die beste Ein-Mann-Performance nur Erfolg haben, wenn die Reform der Partei nicht nur gespielt wird, sondern wirklich passiert.

Der Kanzler hätte dafür gute Karten. Er kann - etwa in der Flüchtlingsfrage - Positionen vertreten, die seinem Vorgänger Watschen eingebracht hätten, weil Kern in der SPÖ derzeit alternativlos ist. Trotzdem ist der Weg von der Partei zur Bewegung noch ein weiter - Gastmitgliedschaften und mehr Bürgerbeteiligung in Ehren. "Die Zeiten, als die SPÖ einen Versorgungsanspruch von der Wiege bis zur Bahre gestellt hat, sind restlos vorbei“, formulierte Kern vor einem halben Jahr, wohl wissend, dass viele Genossen in den Parteiorganisationen das anders sehen. Die Realität ist eher, dass er auf seinen von der Gewerkschaft gestützten Sozialminister Druck ausüben muss, damit der wenigstens ein Gutachten zur Reform der Sozialversicherung in Auftrag gibt.

Sebastian Kurz, der sich jetzt noch mehr im Hintergrund halten muss, hat auch schon seine Erfahrungen gemacht. Seine Aktivitäten im letzten Jahr, durch Einbindung der Neos und von Irmgard Griss eine über die ÖVP hinausreichende Unterstützungsplattform zu organisieren, verliefen im Sand. Die schwarzen Bünde wussten das im Keim zu ersticken. Der Wunsch von Kurz, im Falle seines Aufstiegs an die ÖVP-Spitze mit einer Art Generalvollmacht ausgestattet zu werden und etwa bei Wahlen Einfluss auf die Kandidatenlisten der Länder zu erhalten, wurde von den Länderchefs brüsk zurückgewiesen.

Trotzdem gilt für Kurz Ähnliches wie für Kern: Im Prinzip hat er einige Trümpfe in der Hand, weil die ÖVP ohne ihn auf ein Wahldebakel zusteuert.

Der Sieg von Macron in Frankreich könnte die Veränderungsbereitschaft bei Rot und Schwarz erhöhen. Macrons Ex-Partei lag bei diesen Wahlen knapp über sechs Prozent.

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