Reisefreiheit für Geimpfte: Die Enkel bleiben zu Hause?

Reise- und andere Freiheiten an eine Covid-Impfung zu binden, würde Jüngere massiv diskriminieren und käme einer staatlich verordneten Ungleichbehandlung gleich. Das kann so nicht funktionieren und würde Unmut zu Zorn entfachen, argumentiert trend-Chefredakteur Andreas Lampl.

trend-Chefredakteur Andreas Lampl

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Mitte März will die EU den Entwurf eines grünen Passes für Covid-Genesene und Geimpfte vorlegen. Bundeskanzler Sebastian Kurz sieht darin die Chance, europaweit die Reisefreiheit und damit ein Stück Normalität zurückzuerlangen. Er macht Druck, noch vor dem Sommer startklar zu sein. Für die Regierung zeichnet sich jedoch mit diesem an sich positiven Signal das nächste große Dilemma schon ab.

Es ist allzu verständlich, dass Hoteliers, Fluglinien, Reiseveranstalter und andere Dienstleister auf Modelle drängen, die ihnen erlauben, ihre Geschäfte wieder hochzufahren. Eine schrittweise Öffnung ist für das gesamte Wirtschaftssystem (über-)lebensnotwendig. Der Kreislauf muss sich in allen Branchen rasch wieder drehen, um noch größere Wohlstandsverluste zu vermeiden. Wirtschaftspolitisch ist die Sache klar.

Reise- und andere Freiheiten an eine Covid-Impfung zu binden, hieße aber gleichzeitig: Genau die Bevölkerungsgruppen, für die eine Covid-Infektion ein relativ geringes Risiko darstellt und die trotzdem seit nunmehr einem Jahr massive Einschränkungen auf sich nehmen mussten, um ihre älteren Mitbürger zu schützen, bleiben weiter in einer Art Lockdown (light) - während jene, für die sie ihre Opfer in erster Linie gebracht haben, ihr altes Leben zurückbekommen. Das wird unter Berufung auf wirtschaftliche Notwendigkeiten so nicht gehen, weil es für die Betroffenen - also die Jüngeren - eine inakzeptable Schieflage wäre.

Bürger zweiter Klasse?

In Ländern wie den USA, wo der Präsident jedem erwachsenen Bürger, der das will, eine Impfung bis Ende Mai garantiert hat und dieses Versprechen wohl auch einhalten kann, machen solche Überlegungen viel Sinn. Aber Österreich wird bis zum Sommer von der Durchimpfung der Bevölkerung noch weit entfernt sein. 20-Jährige bekommen auf Anfrage von den Gesundheitsbehörden derzeit die Auskunft, dass sie allerfrühestens im September, wahrscheinlich erst im Spätherbst an der Reihe sind. Sie bis dahin als Bürger zweiter Klasse zu behandeln, wäre absolut unzumutbar.

Würde die Impfung möglicherweise auch Voraussetzung für den Besuch von Sport- und anderen Großveranstaltungen oder für den Aufenthalt in einem Hotel, könnte der Opa ins Fußballstadion gehen und sich die Oma ein paar Tage Erholung an einem österreichischen See gönnen. Aber die Enkel müssen zu Hause bleiben? Schwer vorstellbar. Genauso wie Eltern in ihren 30ern oder 40ern, die den Kindern erklären müssen, dass der Urlaub auch diesen Sommer ausfällt, während die Nachbarn auf eine Insel fliegen, weil sie die von Airlines verlangte Impfung vorweisen können.


Der Unmut der Jüngeren würde in Zorn umschlagen.

Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass unter solchen Rahmenbedingungen der ohnehin wachsende Unmut der Jüngeren ganz schnell in richtigen Zorn umschlagen würde. Zu Recht. Zumal sich die Politik in der Pandemie schon kaum um die Erhaltung der Ausbildungsqualität an den Universitäten oder die Corona-bedingten Hürden für Berufseinsteiger gekümmert hat. Die "Generation Corona" wird weitere Benachteiligungen nicht hinnehmen.

Staatlich verordnete Ungleichbehandlung

Wenn notorische Impfgegner sich - und damit andere - nicht schützen wollen, werden sie Restriktionen in Kauf nehmen müssen. Aber solange nicht alle, die eine Impfung haben möchten (die weit überwiegende Mehrheit), auch eine kriegen können, ist jede staatlich verordnete Ungleichbehandlung eine ganz heikle Angelegenheit, die nicht nur den Generationenkonflikt vertiefen kann.

Umso mehr, als sich inzwischen herumgesprochen hat, dass der Mangel an Impfstoff in Österreich kein unabwendbares Schicksal ist, sondern auch haarsträubenden Fehlern der EU-Staaten bei der Beschaffung geschuldet ist. Dazu kommen logistische Schwächen in Österreich und die Verwendung steinzeitlicher IT-Systeme, die innerhalb von Berufsgruppen nicht differenzieren können, wer tatsächlich erhöhten Risiken ausgesetzt ist, sodass es im öffentlichen Sektor einfacher ist, zu einer Impfung zu kommen, als im privaten.

Auswege aus dem Dilemma, die auch die Wirtschaftsinteressen berücksichtigen, sind schwierig zu planen. Mit viel Glück löst die warme Jahreszeit das Problem. Möglicherweise sinkt auch das Risiko schwerer Krankheitsverläufe und Covid-Todesfälle so massiv, sobald jeder über 50 geimpft ist, dass für alle geöffnet werden kann. Ob so ein Weg zu verantworten wäre, müssten aber Experten beurteilen. Wenn nicht, wird sich die Regierung den Kopf über andere Modelle zerbrechen müssen, bei denen der Grad der persönlichen Freiheit nicht allein vom Alter abhängt - und davon, wann jemand im behördlichen Impfplan aufscheint.

Der Bundespräsident nutzt seine Rolle als beliebtester der Unbeliebten und las der Regierung bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele die Leviten.

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