Franz Ferdinand Wolf: Die Reise nach Jerusalem

Franz Ferdinand Wolf

Franz Ferdinand Wolf

Gastkommentar von Franz Ferdinand Wolf, Journalist und trend-Autor: Das Spiel um Macht, Mandate und Moneten fördert Politikverdrossenheit und Populisten.

Was verbindet so unterschiedliche Politikertypen wie Martha Bißman, Matthias Strolz, Eva Glawischnig, Peter Pilz, Rudi Kaske, Renate Brauner, Peter Kolba, Alfred Gusenbauer sowie die beiden neuen Pilzlinge Wolfgang Zinggl und Bruno Rossmann?

Jede/-r leistet im Rahmen ihrer/seiner Möglichkeiten einen entscheidenden Beitrag, die Glaubwürdigkeit von Politikern und das politische System insgesamt zu ramponieren. Sie alle befeuern den schlichten Stammtischbefund: Denen allen geht es eh nur ums Geld.

Bei Martha Bißmann ist die Absicht, die nächsten vier Jahre weiter ein stattliches Abgeordnetengehalt zu beziehen, hinter verschwurbelten Argumenten von Jugend, Frau, Klimawandel und Umwelt zu greifen, bei der ehemaligen Grünen Frontfrau Glawischnig der Wechsel ins Zockerlager nicht anders als mit Geldgewinn zu erklären, bei Alfred Gusenbauer ist seine Klientel seit Jahren Beleg dafür. Das Klubobmann-Duo wiederum hat den Wunsch nach angemessen komfortabler Bezahlung von jeweils knapp 15.000 Euro selbst lautstark angemeldet und erst nach einem öffentlichen Aufschrei den Bettel von gut 11.000 Euro monatlich akzeptiert.

Beim zornigen Abgang von Konsumentenschützer Peter Kolba war's nicht das Geld, sondern offenbar das Erstaunen, wie hart man in der politischen Realität aufschlagen kann, was auch keine Empfehlung für das politische System ist. Bei Matthias Strolz ist es wohl der Zwang zur permanenten Selbstdarstellung und sein übergroßes Ich, das ihn trotz jüngsten Wählerzuspruchs vor der wenig glanzvollen und nur mäßigen Erfolg versprechenden Oppositionsarbeit der nächsten Jahre flüchten ließ. Seine Wähler sind ge- und enttäuscht.

Peter Pilz wiederum spielt mit Mandaten und Mandataren seine Reise nach Jerusalem.


Die etablierten politischen Eliten versagen. Das ist kein Zufall.

Der soeben offiziell aus eigenem Antrieb zurückgetretene Arbeiterkammer-Präsidenten Rudi Kaske peilt den Umstieg in den Bundesrat als dessen Präsident wahrscheinlich aus Angst vor politischer Bedeutungslosigkeit an, Renate Brauner wiederum, an deren langjähriger Amtsführung als Gesundheits- und später Finanzstadträtin noch Generationen laborieren werden, verdingt sich in nächster Zeit als wohlbestallte Beraterin der Gemeinde Wien für "Daseinsvorsorge und Kommunalwirtschaft" - schließlich fehlen ihr noch drei Jahre bis zur Pension. Die Motive, sich in die öffentlichen Hand zu begeben oder gegen die eigenen politischen Absichten Jobs anzunehmen, mögen verschieden sein, das Ergebnis ist in jedem Fall desaströs für Politik und Demokratie.

Wäre es nicht so ernst, könnte man von einer überparteilichen Initiative zur Förderung der Politikverdrossenheit sprechen.

Wahrscheinlich ist die derzeitige Häufung von, zurückhaltend formuliert, Unerquicklich- und Seltsamkeiten, die alle Parteien umfasst, kein Zufall, sondern dem System geschuldet. Die etablierten politischen Eliten versagen.


Das ewige politische Wechselspiel kennt nur einen Verlierer: Die Masse selbst.

Die Theorie vom Kreislauf der Eliten scheint nicht bloß für Regierende zu gelten, sondern für die Politik insgesamt. Der Elite der Macht, schrieb der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Vilfredo Pareto bereits zur vorletzten Jahrhundertwende, steht stets eine Reserveelite gegenüber. Sie versammelt in sich jene Eigenschaften, die von der herrschenden Gruppe strukturell vernachlässigt werden. Die Reserve aber vermag durch Mobilisierung der Massen zur neuen Elite zu werden. Das ist das ewige politische Wechselspiel, das nur einen Verlierer kennt: Die Masse selbst. Sie übernimmt nie die Herrschaft.

Derzeit erleben wir unter tatkräftiger Mithilfe der sozialen Medien gerade wieder einen schleichenden Machtwechsel. In den gefestigten Demokratien laufen Modernisierungsverlierer oder, wie es wenig freundlich heißt, die Abgehängten in hellen Scharen der bereit stehenden Reserveelite zu.

Diesmal sind es Populisten jeglichen Zuschnitts, die mit Hilfe der Masse der Globalisierungsängstlichen und Politikverdrossenen die Macht erobern. Was sie damit machen, kann man von Trumpland über Italien bis nach Orbistan beobachten.


Der Kommentar ist der trend-Ausgabe 23/2018 vom 8. Juni 2018 entnommen.

Kommentar
René Bossert, Procurement-Experte bei Horváth & Partners

Management Commentary

Was Einkauf mit Risikomanagement zu tun hat

Helmut A. Gansterer

Standpunkte

Globetrottel und Kosmoproleten

Kommentar
Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

Standpunkte

Wähl den, der lügt: das Drama der Bayern-Wahl