Quantitative Easing, Förderer des Populismus

James Butterfill, Head of Research & Investment Strategy ETF Securites

James Butterfill, Head of Research & Investment Strategy ETF Securites

Populistische Parteien führen in zahlreichen Industrieländern die Meinungsumfragen an. Sie profitieren von der herrschenden Ungleichheit, der schwachen Konjunktur und desillusionierten Wählern. Ungleichheit und Quantitative Lockerung der Notenbanken scheinen Hand in Hand zu gehen. Doch folgt das eine aus dem anderen? Und wie können Anleger können ihre Portfolios schützen?

Die moderne Politik erlebt eine ungewöhnliche Entwicklung, die eine Destabilisierung der etablierten Parteien in den Industrienationen bewirken könnte. In den Medien ist aktuell immer wieder das Schlagwort „Populismus“ zu hören, obwohl der Begriff oftmals nicht eindeutig definiert wird. In einer Studie von Ionescu und Gellner aus dem Jahr 1964 wird Populismus als „Verehrung des Volkes“ beschrieben, wobei die Autoren die Frage aufwerfen, ob hierbei eine zugrundeliegende Einheit existiert oder der Begriff zahlreiche unterschiedliche Tendenzen einschließt. In mancherlei Hinsicht bezeichnet der Begriff keine Ideologie, sondern eine politische Ausdrucksform, die selektiv und strategisch eingesetzt wird, um die Zustimmung der breiten Masse zu erlangen.

Im heutigen Kontext wird der Ausdruck insofern ganz ähnlich verwendet, dass er unterschiedliche demografische Schichten erfasst, die politisch sowohl dem rechten als auch dem linken Spektrum zuzuordnen sind. Populistische Thesen zeichnen oftmals das Bild der Unterdrückung des einfachen Bürgers durch eine entfremdete Elite, nicht selten im Kontext von Einwanderung oder nationaler Souveränität. Das EU-Referendum in Großbritannien hat gezeigt, wie vermeintlich unverfängliche Themen zu einer zentralen Denkrichtung heranwachsen können. Nicht nur in Großbritannien sind populistische Politiker erfolgreich – auch in anderen Industrienationen finden populistische Parteien immer mehr Zuspruch und führen teilweise sogar die Umfragen an.

Umfragewerte populistischer Parteien

Umfragewerte populistischer Parteien

Populismus – warum jetzt?

In den letzten Jahren haben populistische Parteien in der EU deutlichen Zulauf erhalten. In der Regel propagieren Populisten einen Bruch mit den etablierten politischen Parteien. Sie tendieren zu euphorischen Wahlversprechen und präsentieren ihren Zuhörern massentaugliche und vermeintlich einfache Lösungsansätze, die oftmals in der Realität nicht umsetzbar sind.

Doch was macht diesen Trend gerade jetzt möglich? In der Tat scheinen gerade mehrere Faktoren den Aufstieg populistischer Parteien zu begünstigen, insbesondere die herrschende Ungleichheit infolge des schwachen Wirtschafts- und Lohnwachstums in Kombination mit der wachsenden Durchmischung unterschiedlicher Kulturen. In Großbritannien legen dagegen traditionelle Indikatoren wie beispielsweise der GINI-Koeffizient eine allmähliche Annäherung der Einkommen nahe, wobei dieser Wert durchaus missverständlich sein könnte.

Ungleichheit und Stimuli

Während Ungleichheit sich ohnehin nur sehr schwer messen lässt, ist der GINI-Koeffizient als traditionelle Messgröße im Kontext des Populismus nur bedingt tauglich, da er die Unterschiede zwischen extrem reich und extrem arm unberücksichtigt lässt. Populismus stützt sich oftmals auf das Bild des einfachen Bürgers, der durch eine ferne Elite unterdrückt wird. Somit eignet sich beispielsweise die Palma Ratio besser als Messgröße für Ungleichheit, da sie das Verhältnis der reichsten 10% einer Bevölkerung zu den ärmsten 40% angibt. Der Entwickler der Messgröße, Gabriel Palma, erklärte in seiner Arbeit, dass die Globalisierung eine Verteilungssituation schafft, in der es vorrangig auf das Einkommen ankommt – der Anteil der reichen relativ zur armen Bevölkerung, die in zunehmend „flexiblen“ Arbeitsmärkten immer stärker von prekären Arbeitsverhältnissen abhängig sind.

Palma-Ratios

Palma-Ratios

Die Palma Ratio belegt, dass einige der Länder in der OECD mit dem höchsten Maß an Ungleichheit gleichzeitig einen besonders starken Anstieg populistischer Strömungen erleben.

Ungleichheit und Quantitative Easing

Ungleichheit und Quantitative Easing

Die Quantitative Lockerung in der Geldpolitik scheint eine Zunahme der Ungleichheit zu begünstigen. In den Ländern, in denen populistische Parteien die höchsten Umfragewerte erzielen (Österreich, Frankreich, Italien und Spanien), besteht eine positive Korrelation zur durchschnittlichen Palma Ratio.

Ungleichheit und Quantitative Lockerung scheinen Hand in Hand zu gehen. Doch folgt das eine aus dem anderen? Diese Frage können wir noch nicht beantworten. Es steht jedoch fest, dass die Aktien- und Anleihenmärkte maßgeblich von der QE-Politik profitiert haben, wobei lediglich relativ wohlhabende Teile der Bevölkerung Zugang zu diesen Märkten haben.

Populismus – Auswirkungen auf Investitionen und Konjunktur

Zu den unmittelbar spürbaren Auswirkungen des Populismus zählt eine wachsende Unsicherheit, die eine verstärkte Nachfrage nach qualitativ hochwertigen und defensiven Aktien generiert. Historisch besteht eine enge Korrelation zwischen wachsender Unsicherheit und der Nachfrage nach defensivstarken Aktien. Auch die Nachfrage nach Gold als vermeintlich sicherer Hafen steigt in Zeiten gefühlter Unsicherheit, wenngleich die Korrelation hier weniger deutlich ausfällt.

Wo Populisten in Schwellenländern als Wahlsieger hervorgegangen sind, folgte oftmals eine Ausweitung der Infrastrukturausgaben, die vorübergehend die Produktion, die Reallöhne und den Arbeitsmarkt belebt hat. In der weiteren Entwicklung droht jedoch eine Hyperinflation, die alle erzielten Fortschritte wieder zunichtemacht. In den Industrienationen sind populistische Parteien jedoch erfolgreicher in der Opposition als in der tatsächlichen Regierungsverantwortung. Die zentralen Figuren verfügen oftmals über keine nennenswerte politische Erfahrung, und die Hürden bei der Umsetzung der angestrebten Reformen erweisen sich als zu hoch.

Ungeachtet der tatsächlichen Wahlerfolge von Populisten können populistische Strömungen jedoch ein mächtiger Katalysator für Reformen sein, da sich die etablierten Parteien gezwungen sehen, dem Verlust von Wählerstimmen etwas entgegenzusetzen. Das Ergebnis ist in der Regel eine Ausweitung der Infrastrukturinvestitionen zur Belebung der Konjunktur und soziale Initiativen zur Bekämpfung der Ungleichheit. Die Erhöhung der Investitionen in Infrastrukturprojekte generiert zusätzliche Nachfrage, und Sozialprogramme führen in aller Regel zu einem Anstieg der Konsumausgaben, was auf lange Sicht einen Anstieg der Inflation erwarten lässt.

Auswirkungen der Unsicherheit

Auswirkungen der Unsicherheit

Steigende Inflationswerte infolge populistischer Maßnahmen könnten den ohnehin starken Inflationsdruck in den USA weiter erhöhen. Auch eine Verknappung des Rohstoffangebots könnte zu einem Anstieg der Inflation beitragen. In Phasen mit starken inflationären Tendenzen verzeichnen indexgebundene Anleihen in der Regel eine gute Wertentwicklung. Angesichts der aktuell sehr niedrigen Inflationserwartungen bietet sich für langfristig orientierte Anleger derzeit eine gute Chance für ein Engagement in inflationsgeschützten Produkten.

Populistische Maßnahmen in den USA (darunter voraussichtlich Steuersenkungen, die eine Ausweitung des Haushaltsdefizits nach sich ziehen dürften), könnten in den nächsten Jahren eine Schwächung des USD bewirken. Darüber hinaus könnte eine protektionistische Politik den internationalen Handel und die Investitionen belasten und zudem die Volatilität an den globalen Währungsmärkten verstärken, was die Marktteilnehmer zusätzlich verunsichern würde.

Im kommenden Jahr stehen in mehreren Ländern Wahlen an, in denen populistische Parteien zuletzt starken Zuspruch gefunden haben. Da sich die herrschende Ungleichheit nicht über Nacht korrigieren lässt, rechnen wir auch im kommenden Jahr mit einem erhöhten Maß an Unsicherheit, was wiederum für risikoarme Vermögenswerte mit geringer Volatilität sprechen würde. Obwohl populistische Trends in der Politik nicht automatisch mit einer Niederlage der etablierten Parteien enden, zielen einige populistische Maßnahmen ausdrücklich darauf ab, enttäuschte Wähler zu beschwichtigen, und nicht selten bewirken derartige Programme einen Anstieg der Inflation.

Anleger können ihre Portfolios schützen, indem sie sich bei Vermögenswerten engagieren, die von inflationären Tendenzen profitieren, wie beispielsweise Aktien, inflationsgeschützte Anleihen, Edelmetalle oder Infrastruktur.


Zur Person

James Butterfill ist Head of Research & Investment Strategy ETF Securites
james.butterfill <AT> etfsecurities.com

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