Der Preis der Freiheit

Die Industriestaaten müssen sich aus der Abhängigkeit von Ländern, in denen "westliche Werte" mit Füßen getreten werden, lösen.

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Für Finanzminister Magnus Brunner war es vor allem ein Grund zur Freude. Die Ratingagenturen S& P und Fitch bestätigten jüngst Österreichs Bonität mit AA+. Österreich findet sich also nach wie vor ganz oben in der Liga der weltbesten Schuldner auf dem gleichen Niveau wie Finnland, Neuseeland und die USA. Nur elf Länder, darunter Deutschland, die Schweiz und Liechtenstein, sind besser und schaffen das begehrte "Triple A".

Ein wenig getrübt wird die Freude freilich durch den -in der Öffentlichkeit etwas weniger beachteten - Ausblick, den die Agenturen gleichzeitig mit ihrem Rating aktualisieren und veröffentlichen. Da stufte S&P Österreich von "positiv" auf "neutral" zurück. Noch strenger blickt Fitch auf die Solvenz unserer Heimat. Was langfristige Fremdwährungsschulden betrifft, kippte das zum Hearst-Konzern gehörende Ratingunternehmen Österreich von " neutral" auf "negativ".

Als Begründung für die kritischere Beurteilung von Österreichs Zukunft nennen beide Agenturen die im internationalen Vergleich überdurchschnittliche Abhängigkeit von Importen russischen Erdgases. Selbst bei annähernd gleich bleibenden Lieferbedingungen sei für das kommende Jahr mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent zu rechnen, so Fitch. Es droht eine Rezession. Deshalb, so Finanzminister Brunner in einem Interview mit der APA, arbeite die Bundesregierung ja auch "weiter intensiv an der Reduzierung der Abhängigkeit von russischem Gas". Die Senkung des Ausblicks sei "vor allem eine Warnung Richtung Zukunft".


Erdölimporte der Industrieländer kommen überwiegend aus Staaten, denen Demokratie und Bürgerrechte fremd sind.

Nein, hier irrt der Finanzminister. Sie ist eine Warnung vor der Gegenwart. Einer Gegenwart, in der so gut wie alle Entscheidungsträger der Industriestaaten beharrlich ihre Augen davor verschließen, wie sehr wir abhängig sind von politischen und ökonomischen Beziehungen zu Ländern, in denen Demokratie, Menschenrechte und faires Wirtschaften über - sagen wir - Entwicklungspotenzial verfügen. Die gelegentlich das mit Füßen treten, was wir gern als "westliche Werte" bezeichnen.

Das beginnt bei den ganz Großen. Die USA finanzieren ihr ausuferndes Außenhandels-und Budgetdefizit zu einem beachtlichen Teil mit Anleihen, die China kauft - ein Land, dem die USA regelmäßig Menschenrechtsverletzungen vorwerfen. Die Erdölimporte der Industrieländer kommen überwiegend aus Staaten, denen Demokratie und Bürgerrechte (oft auch Gleichberechtigung) fremd sind. Autokonzerne erzielen immer größere Teile von Umsatz und Gewinn in Quasidiktaturen oder Ländern mit Regierungen, deren Legitimation bestenfalls als "zweifelhaft" bezeichnet werden kann. Und wir alle freuen uns über günstige Mobiltelefone, TV-Geräte oder Jeans, die aus Staaten kommen, in denen korrupte Behörden oder autoritäre Regime verhindern, dass die dort Beschäftigten selbst die primitivsten Regeln für den Arbeitnehmerschutz durchsetzen.

Die latente russische Drohung, Europa das Gas komplett abzudrehen, die nun zur Verschlechterung des Bonitätsausblicks für Österreich geführt hat, ist somit nichts anderes als das Manifestwerden einer geradezu universellen Abhängigkeit von problematischen Partnern.


Wir sind Gefangene unseres Strebens nach immer mehr Konsum zu immer niedrigeren Preisen.

Der für seine radikal-liberalen Thesen gleichermaßen berühmte wie berüchtigte Träger des Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften Milton Friedman wählte für eines seiner Bücher einst den Titel "There's no such thing as a free lunch". Verkürzt könnte man sagen: Es gibt nichts gratis. Auf Erdgas bezogen: Die Lieferungen preisgünstiger Energieträger aus Russland haben wir mit dem, nur durch wohldosierte Alibiaktionen unterbrochenen, Schweigen zu Völkerrechts-und Menschenrechtsverletzungen bezahlt. Doch dieses Schweigen droht nun monetarisiert zu werden, und zwar in Form einer möglichen Herabstufung der Bonität Österreichs, die höhere Zinsen für unsere Staatsschuld zur Folge hätte. Nur am Rande sei an dieser Stelle erwähnt, dass Gleiches ja auch für die Bewertung von Aktien gilt: Analysten müssten den Anlegern künftig sagen, welchen Anteil von Gewinn und Umsatz ein Unternehmen in problematischen Regionen erzielt, und gegebenenfalls vor einem entsprechenden Risiko warnen.

Die Lösung? Was die Energie betrifft, hätte eine rechtzeitige Diversifizierung auf Lieferantenseite möglicherweise zu höheren Preisen geführt, aber nicht einmal das ist sicher. Einigermaßen sicher ist allerdings, dass man sich die Preisexplosion der vergangenen Monate erspart hätte.

Wir sind Gefangene unseres Strebens nach immer mehr Konsum zu immer niedrigeren Preisen. Dies hat zu verhängnisvollen - bei Medikamenten sogar lebensgefährlichen - Abhängigkeiten geführt. Sich daraus zu lösen, wird seinen Preis haben. Aber es ist der Preis der Freiheit.


Der Kommentar ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 14.10.2022 entnommen.

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