Michael Hirschbrich: Der Präsident und die Monopole

Michael Hirschbrich, Mitbegründer Updatemi

Michael Hirschbrich - Mitbegründer Updatemi

Donald Trump und die Hardliner an seiner Seite wollen die Kontrolle über die künftig wichtigste Ressource der Weltwirtschaft: Daten! Eine Bedrohung für Europa - aber auch eine neue Chance.

Ein Präsident Donald Trump macht es einem nicht leicht, ihn richtig einzuschätzen. Wird er umsetzen, was er im Wahlkampf angekündigt hat, oder werden seine Entscheidungen von den unterstellten Narzissmus-und Borderline-Symptomen beeinflusst? Sollte Trump nicht wegen irgendeines Skandals mittels Impeachment-Verfahren seines Amtes enthoben werden, müssen wir lernen, ihn und seine Politik richtig zu analysieren. Und hier dürfen wir das Thema strategisch bedeutender "Ressourcen und Rohstoffe" nicht vergessen.

Wer eine Volkswirtschaft nach vorne bringen will, muss sich der strategischen Ressourcensicherung annehmen. Im 19. Jahrhundert steuerten wenige Personen die Entwicklung des Rohstoffes Öl, der Amerika zur führenden Wirtschaftslokomotive werden lassen sollte. Es ist kein Zufall, dass Trump den ehemaligen ExxonMobil-Chef Rex Tillerson zu seinem Außenminister kürte. "Putin- Freund ins Außenministerium", titelten die Blätter rund um den Globus, als sei die geschäftsbedingte Nähe zum Kreml das wichtigste Signal der Wahl Tillersons.

Man kann Trump vieles vorwerfen, aber als knallharter Geschäftsmann denkt er strategisch vor allem in "Resources and Business Opportunities". Aus dieser Sicht wird man Tillerson als Minister und Peter Thiel als Digitalberater im Transition-Team noch ganz anders bewerten. Denn mit diesen beiden Herren sichert sich der Präsident die aggressivsten Spitzenmanager und Investoren des bisher wichtigsten Rohstoffes, Öl, und des wichtigsten Rohstoffes der vierten industriellen Revolution, an deren Beginn wir stehen: "Daten".

Die "Pipelines" der Daten sind weniger bekannt als jene von Öl. Als YouTube vom Silicon-Valley-Investor Sequoia finanziert wurde, beachtete die ganze Welt nur ein stark wachsendes Videoportal mit gigantischen Datenmengen, die es verschickte. Aber derselbe Investor engagierte sich auch in Akamai, einem Content-Lieferanten (in der Fachsprache: Content Delivery Network). Vereinfacht gesagt ist Akamai im Fall von YouTube die Pipeline für Videos, die Inhalte in die ganze Welt transportiert und über ausgefeilte Technologien dafür sorgt, dass diese auch rasch angezeigt werden.

Schnell nutzten auch andere wichtige Valley-Größen den Akamai-Dienst. Es folgten Engagements in unzähligen Analyse-Startups, die das Auswerten und Steuern dieser Plattformdaten optimieren sollen. Man investiert(e) also nicht nur in oberflächliche Anwendungen, wie leider viel zu häufig bei uns Europäern der Fall, sondern entlang der gesamten vertikalen Wertschöpfungskette.

Wer Daten hat, diese analysieren kann und über deren Verteilung entscheidet, bestimmt Wesen und Gedeihen der digitalen Welt. So erfahren Big-Data-Anwendungen und "Machine Learning" immer größere Bedeutung. Denn mit Daten allein ist noch nichts erreicht. Sie sind wie Rohöl, das ungenützt in Tanks lagert. Gerade im Bereich "künstlicher Intelligenz" entstehen jetzt die wichtigsten Player dieser transformativen Industrie - und nach Microsoft und Co auch vollkommen neue Monopole, die im kommenden Jahrzehnt die Weltwirtschaft dominieren werden. Es sind Unmengen an Daten, womit die Maschinen lernen, "intelligent" zu werden. Etwas, das die Giganten im Silicon Valley ausreichend haben. Sie sitzen auf den größten neuen "Öl"-Reserven, wenn man so will.

Obama war sich dieser Bedeutung bewusst und hat stets den Draht zum Silicon Valley gesucht, wo zudem fast 90 Prozent der Bewohner als liberal oder offen demokratisch gelten. Aber als die ersten NSA-Skandale bekannt wurden und Edward Snowden die Welt mit seinen Enthüllungen überraschte, wurde das Verhältnis schwierig bis unerträglich. Nur wenige Wortführer wie der langjährige Google-Boss Eric Schmidt waren an Obamas Seite, viele Tech-Größen wollten sich nicht mehr mit Politikern aus Washington sehen lassen, denn die Datenskandale waren schlecht fürs Geschäft.

Den Unternehmern im Silicon Valley ist bewusst, dass Milliarden von Menschen ihnen hochsensible Daten anvertrauen, mit denen nur dann Milliarden zu verdienen sind, wenn auch das Vertrauen verdient wird. Somit sind Verschwörungstheorien über bösartige Silicon-Valley- Firmen in Bezug auf Datenmissbrauch absurd. Diese nutzen einfach ihre Fähigkeiten sowie ihren First-Mover-Status so aus, wie es ein jedes Unternehmen der Welt in ihrer Situation auch tun würde.

Die wahren Bedrohungen -Cyberattacken und Datendiebstähle - gehen überwiegend von Regierungen aus, und zwar auch von demokratischen. Opfer davon sind wir alle: Private, aber auch Firmen wie Google und Facebook oder Unternehmen bei uns in Europa. Laut einer brandaktuellen Studie entsteht deutschen Unternehmen durch Industriespionage ausländischer Geheimdienste, vor allem der NSA, jährlich ein Schaden in zweistelliger Milliardenhöhe.

Was also, wenn führende Politiker wie Trump oder sogar die Legislative diese Technologien und neuen Monopole für sich politisch nutzen möchten? Gleich zur Entwarnung sei gesagt: Die IT-Giganten werden alles tun, um die Daten ihrer User zu schützen -entgegen allen anders lautenden Gerüchten. Apple- Chef Cook wehrt sich persönlich, wenn das FBI ein iPhone auslesen möchte, um einen Kriminalfall zu lösen. Der von Facebook übernommene Nachrichtendienst WhatsApp ist mittlerweile ziemlich professionell verschlüsselt. Im Business-Bereich und bei Cloud-Diensten werden gewaltige Anstrengungen für Datenschutz unternommen.


Digitale Monopole sollen Trumps aggressive und nationalistische Strategien unterstützen

Aber gleichzeitig hat Trump gerade den Hardliner Mike Pompeo zum CIA-Chef erkoren, und dieser will die Befugnisse der NSA massiv ausbauen. Eines der ersten Dekrete des Präsidenten machte den umfassenden Privatsphärenschutz, der unter Obama zwischen den USA und Europa galt, wieder rückgängig. Der Schutz gilt ab sofort nur mehr für Amerikaner, nicht mehr für Europäer.

Auch der Facebook-Investor Peter Thiel wurde vom Trump in sein Beraterteam geholt. Der ist pikanterweise auch Co-Founder und bis vor Kurzem größter Shareholder von Palantir. Das in Palo Alto ansässige Unternehmen ist auf Big-Data-Analysen spezialisiert und bietet seine Analyse-Tools und Auswertungen Geheimdiensten, privaten Firmen, aber auch dem US-Verteidigungsministerium sowie einem Dutzend weiterer Regierungsbehörden an.

Trump hat also jenen Tech-Insider an seiner Seite, der den Rohstoff "Daten" und den Umgang damit in seiner künftigen Bedeutung vorherzusehen vermag wie kaum ein anderer. Thiel investiert seit vielen Jahren auch in künstliche Intelligenz. In seinen Büchern schwärmt er von starken, neuen Monopolen. Das mag sich jeder Unternehmer heimlich wünschen, aber bei einem Berater des US-Präsidenten erhält dies eine andere Bedeutung. Der Aussicht, Thiel könnte mit seinen Einsichten und Technologien, seinem Verständnis vom Schaffen digitaler Monopole einen Trump und Pompeo bei deren aggressiv-nationalistischen Strategien unterstützen, sollte die Aufmerksamkeit europäischer Politiker gelten.

Wer die neuen, viel intelligenteren Technologien entwickelt und besitzt, wird als Gewinner der vierten industriellen Revolution hervorgehen -darunter viele Monopole, denn die Digitalbranche lebt das Gesetz: "The winner takes it all". Die Tatsache, dass viele der IT-Giganten wie Microsoft, Apple, Google, Facebook und Co Monopole oder in ihren Märkten stark dominierend sind, ist an sich schon ein gewaltiges Problem für Europa und die Welt. Doch diese Unternehmen denken nicht volkswirtschaftlich. Es liegt ausschließlich an der Politik, die Rahmenbedingungen dafür vorzugeben, wie sich ihre Aktivitäten volkswirtschaftlich, wettbewerbsrechtlich und steuerrechtlich auswirken können (sic!). Diesen Satz kann man gar nicht stark genug betonen.

Für Europa ist Trump mit den in seinem Land beheimateten Tech-Giganten nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance. Diese Firmen werden sich mit Ausnahme einiger weniger gegen aggressive Eingriffe aus Washington wehren (müssen), und diese Ein-und Angriffe werden mit Sicherheit noch zunehmen. Trump wird die Tech-Monopole mit ihren Daten nutzen wollen. Und mit jedem Eingriff in Privatrechte und Datenbanken europäischer Unternehmen, mit jedem Akt gegen Immigranten werden europäische Konsumenten und Firmen alternative Lösungen in ihrer Heimat suchen.

Das ist Europas neue Chance für ein Vertrauenszertifikat "Technology made and hosted in Europe". Europäische Regierungen geben sinnhafterweise Geld aus, um ihre klugen Köpfe ins Valley zu senden, um dort von den Besten zu lernen. Sie sollten nun doppelt so viel investieren, um die besten Köpfe wieder zurückzuholen und selbst solche Erfolgsmodelle hervorzubringen. Dann erledigt sich auch das Problem mit den "Monopolen" ganz von selbst.


MICHAEL HIRSCHBRICH ist Co-Gründer des Mediendienstleisters updatemi. Der Oberösterreicher lebt vornehmlich im Silicon Valley und wurde von Außenminister Sebastian Kurz auch ins Beratungsgremium der Politischen Akademie berufen.


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