Der Patient, das goldene Kalb

Philipp Temmel, Leiter Pharmaceuticals & Life Science Horváth & Partners

Philipp Temmel, Leiter Pharmaceuticals & Life Science Horváth & Partners

Gastkommentar von Philipp Temmel, Horváth & Partners Pharmaceuticals & Life Science: Die Pharmaindustrie muss sich mehr um den Patienten bemühen - auch im eigenen Interesse.

In der Medizin ist das Schlagwort vom „Patienten im Mittelpunkt“ schon seit langem Leitspruch und Richtschnur aller ärztlichen Bemühungen. Jetzt gilt das auch für die erfolgsverwöhnte Pharmaindustrie: Grund dafür ist die Digitalisierung und der Einstieg neuer Player wie Amazon, Google Health & Co, die viele Geschäftsmodelle und Lieferketten auf den Kopf stellen.

Neben dem schon immer hohen Druck regulatorischer Einflussnahme auf die Pharmabranche sind es jetzt vor allem der Trend zur personalisierten Medizin und damit neue Behandlungsmuster, die viele Hersteller zum Handeln zwingen. Bedingt durch die DNA-Dekodierung werden Medikamente und Therapien künftig immer patientenspezifischer, das Leistungsportfolio individualisierter und lokalisierter. Ein und derselbe Wirkstoff kann ja bei Patienten in Asien ganz anders funktionieren als in Europa, bei jungen Müttern anders als bei älteren Diabetikern, je nach Dosierung oder Zeitpunkt der Einnahme. Da gibt es viele Einflussfaktoren.

Hinzu kommt die Aufwertung des Patienten im Entscheidungsprozess. Informierte Patienten sind anspruchsvoller, wollen eine zweite und dritte Meinung hören – das hat Auswirkungen auf Hersteller und Großhändler ebenso wie Krankenhäuser und Ärzte. Da Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente weiter verboten bleibt, müssen sich Hersteller überlegen, wie sie die Patienten besser erreichen können. Manche haben diese Aufgabenstellung bereits erkannt und bieten Apps mit Tipps und Hilfestellung für den Therapiealltag an.

Auf dem Weg hin zum Patienten werden keine Kosten und Mühen gescheut. Indiz für das wachsende Interesse am „Endkunden“ sind auch die zunehmenden Bestrebungen, neue Geschäftsmodelle und Erlösquellen entlang der Kernkompetenzen zu entwickeln. So kommt es inzwischen durchaus vor, dass sich einzelne Hersteller Gedanken über eigene Logistikketten machen oder gleich spezialisierte Apotheken, Kliniken, Präventions- und Rehabilitationszentren für ihre Produkte und Einsatzmöglichkeiten bauen, um näher zum Patienten zu kommen.

Zukunftsmusik personalisierte Medizin

Auch wenn die Märkte und Zielgruppen aufgrund der zunehmenden Personalisierung zwangsläufig kleiner werden: Dass es generell zeitnah zu einer „personalisierten Medizin“ kommt, ist eher nicht zu erwarten. Viel realistischer sind „lokalisierte“ Anwendungen – also Anpassungen an lokale (regionale) Märkte. Der durchschnittliche indische Krebspatient ist eben ein anderer als der österreichische Krebskranke. Sicher ist jedenfalls, dass die Industrie alles Erdenkliche tun wird, um den Patienten direkt ansprechen zu können, wenn sich der Bedarf weiter individualisiert.

Die große Frage der Pharmaindustrie dabei ist, wie die zukünftige Schnittstelle zwischen Forschungslabors, Hersteller, Großhändler, Kunden und Patienten gestaltet werden soll. Eine „Patientenapp“ ist dafür bestenfalls ein Service- und Marketinginstrument, aber noch keine „Portallösung“. Manche Unternehmen gehen schon heute soweit, dass sie die gesamte Bestellkette integrieren und so die Lagerbestände bei Großhändlern und Kunden managen – so wie sie über eine App den Therapiefortschritt beim Patienten steuern – mit allen Konsequenzen.

Fazit: Wenn sich die Pharmaindustrie künftig vermehrt um den Patienten bemüht, dann liegt das durchaus im Eigeninteresse. Auch aus Patientenschutz-Sicht wird es mehr Kommunikation zwischen den einzelnen Stakeholdern brauchen. Die neue Digitalisierung ermöglicht mehr Durchblick und mehr Kommunikation, die Frage ist bloß, wem dies mehr nützt – dem Hersteller oder dem Patienten.


Zur Person

Der gebürtige Grazer Philipp Temmel ist Leiter der Sparte Pharmaceuticals & Life Science beim Managementberatungsunternehmen Horváth & Partners. Er berät Pharmaunternehmen quer durch Europa und weltweit.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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