Pandemiemanagement: Datenschutz lockern statt Ausgang beschränken

71 Prozent der deutschen Bevölkerung würden personenbezogene Daten zur Verfügung stellen, wenn es der Pandemiebekämpfung dient. Die Hälfte ist sogar bereit, ihre Gesundheitsdaten samt Vorerkrankungen freizugeben. Ist das Vertrauen in die Politik doch besser als ihr Ruf?

Thema: Management Commentary
Simon Arne Manner

Simon Arne Manner, Partner Managementberatung Horváth

Quer durch Europa ist die Kritik an falschen, überzogenen – oder aber viel zu späten beziehungsweise zu laxen – Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie laut und vehement. Vor allem die Schließung des öffentlichen Lebens entzweit die Bürger/innen. In den vergangenen Wochen gingen Zehntausende gegen beschlossene Einschränkungen auf die Straßen. Viel ist davon die Rede, dass die Spaltung der Gesellschaft schon so weit vorangeschritten sei, dass ein Dialog über Sinn und Notwendigkeit von Pandemiemaßnahmen nicht mehr möglich wäre.

Doch ein Blick hinter die Kulissen deckt sich nicht mit der vermeintlich radikalisierten Stimmung. Eine Mehrheit würde den Staat bei der Pandemiebekämpfung sogar noch weitreichender unterstützen und ihm dazu umfangreiche Daten anvertrauen. 71 Prozent wären bereit, für genauere Prognosen des Pandemiegeschehens sowie zur zielgerichteteren Aussteuerung von Maßnahmen freiwillig aktuelle persönliche Daten zur Verfügung zu stellen. Dies sind Ergebnisse einer repräsentativen Horváth-Befragung unter 1.000 Personen quer durch Deutschland.

Große Bereitschaft zur Freigabe von Gesundheitsdaten

Gerade im dynamischen Pandemiegeschehen kommt es auf aktuelle, genaue Daten zur Prognostizierung der weiteren Entwicklung sowie zielgerichteten Aussteuerung von Maßnahmen an. Die Daten auskunftswilliger Bürgerinnen und Bürger würden jedenfalls eine ausreichende Basis für Big-Data-gestützte Analysen geben, die als Grundlage für die zu treffenden Managemententscheidungen herangezogen werden können – so wie es in Unternehmen mit noch deutlich sensibleren Kundendaten tausendfach stattfindet.

Am größten ist die Bereitschaft, Gesundheitsinformationen freizugeben. Von den auskunftswilligen Befragten würden zwei Drittel nicht nur ihren aktuellen Impfstatus, sondern auch detaillierte Informationen zu Vorerkrankungen zur Verfügung stellen. Dies entspricht knapp 50 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ein Viertel aller Befragten wäre sogar bereit, Bewegungsprofile via Handyortung auslesen zu lassen.

Ebenso viele würden umfangreiche personenbezogene Daten aktuell zur Verfügung stellen, etwa Beruf, Anschrift oder Religionszugehörigkeit. Ein Datenausschnitt von einem Viertel der Bevölkerung wäre bereits eine solide Basis, um wichtige Schlussfolgerungen zu ziehen und vor allem, möglichst genaue Prognosen zur weiteren Ausbreitung zu erstellen.

Die Gesundheitsbehörden könnten so – ähnlich wie bei Natur- und Umweltkatastrophen – über SMS beziehungsweise Apps direkt mit der Bevölkerung in Kontakt treten. Sie könnten zusätzlich zum Impfstatus in der Bevölkerung flächendeckend, tagesaktuell und in der notwendigen Qualität personenbezogene Daten erheben, um sichere Prognosen zur weiteren Entwicklung zu errechnen oder Rückschlüsse auf Ursachen regional unterschiedlicher Entwicklungen zu ziehen.

Datenschutzbestimmungen lockern

Als Grund für die Bereitschaft zur umfangreichen Datenfreigabe geben die meisten Befragten (63 Prozent) an, dass sie pandemiebedingte Einschränkungen wie Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen als stärkeren Eingriff in ihre persönliche Freiheit empfinden als die systematische Nutzung ihrer personenbezogenen Daten durch die Behörden.

59 Prozent der Befragten geben an, dass der Datenschutz im Fall von Pandemien oder Naturkatastrophen grundsätzlich gelockert werden sollte, um ein besseres Krisenmanagement und zielgerichtete Maßnahmen von Bund und Ländern zu unterstützen. Wenn also die Möglichkeit geschaffen wird, personenbezogene Daten zur Steuerung von Krisen und Katastrophen freiwillig und aktiv anzugeben, würden das sehr viele Menschen tun und noch mehr könnten davon profitieren.

Fazit: Datenschutz lockern statt Ausgang beschränken: Auf diese einfache Formel könnte man das Ergebnis der Horváth-Befragung herunterbrechen. Das Vertrauen in den Staat ist deutlich größer als das in einen Konzern, das Vertrauen in die Politik besser als ihr Ruf. Die so gewonnenen Gesundheitsdaten könnten mit den vorhandenen Big-Data-Technologien jedenfalls dazu beitragen, das Management in Pandemien und anderen Krisen zu verbessern.


Der Autor

Simon Arne Manner ist Partner bei der Managementberatung Horváth und Leiter des Competence Center Public Sector & Health Care in Hamburg.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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