Othmar Pruckner: Betrifft Wirtschaftsmigration

Es führt kein Weg daran vorbei: Die Krisenländer der Welt müssen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Othmar Pruckner: Betrifft Wirtschaftsmigration

Othmar Pruckner, trend-Redakteur

Schön, dass es einen EU-Gipfel gibt, schön, dass Bundeskanzler Werner Faymann zum Vorab-Gipfel der "Willigen“ lädt, schön, dass überhaupt noch irgendwer versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Aus heutiger Sicht scheint es nämlich unmöglich, die gewaltige Völkerwanderung, die da begann, irgendwie zu stoppen.

Gut, der Krieg in Syrien blutet vielleicht in einigen Jahren aus. Aber im Nahen Osten, in Nordafrika ebenso wie südlich der Sahara ist auch ohne Bürgerkrieg die Hölle los. Es fehlt an allem, zum Beispiel an produzierender Industrie. Es fehlen allein in Nordafrika hundert Millionen Arbeitsplätze. Es mangelt an Demokratie, es mangelt an Geburtenkontrolle und an Wasser. Der Grundwasserspiegel in Nordafrika und im Nahen Osten sinkt rapide. Die Länder vertrocknen von Süden nach Norden, wobei die Wassernot auch einem verschwenderischen Wassermanagement geschuldet ist. Oasen verdorren, Landwirtschaft wird unmöglich. Rette sich, wer kann! Wenn irgendetwas sicher ist in diesen unsicheren Zeiten, dann dieses: Die Push-Faktoren der aktuellen "Wirtschaftsmigration“ werden über die nächsten Jahre nochmals deutlich stärker werden.

Ja, natürlich: Europa muss dem aktuellen Zuzug kurzfristig etwas entgegensetzen. Aber Lösung? Machen wir uns nichts vor. Auch Hotspots und zehn Meter hohe Zäune quer durch Europa werden diese massive Elendsflucht nicht dauerhaft aufhalten, ebenso wenig ein offiziell erklärtes "Ende der Willkommenskultur“ in Merkels Deutschland.


Der Glaube an die gute Globalisierung ist mausetot.

Wir stehen an einer Zeitenwende: Der Glaube an die gute Globalisierung ist mausetot. Nicht der nord-westliche Reichtum diffundiert in den Süden, sondern die süd-östliche Armut flutet nach Norden. Nach wie vor regieren in den meisten Krisenländern feudalistische Regimes. Interventionen des Westens in Afghanistan, dem Irak oder in Libyen haben die Lage vor Ort erst recht außer Kontrolle gebracht.

Gibt es überhaupt eine Lösung? Diplomatisches Geschick und langer Atem sind das eine. Das andere aber: Wahrscheinlich sollten sich die Welten voneinander entkoppeln. Die Krisengesellschaften müssen sich wohl oder übel am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, in dem sie stecken. Sie brauchen keine für Industrienationen passenden Automatentechnologien. Sie brauchen Lowtech, dezentrale, clevere, smarte Lösungen. Sie brauchen eigenständige Entwicklungswege - nur so könnten sie Beschäftigung schaffen, die Menschen im Land halten und nebenbei zu seriösen Handelspartnern westlicher Technologieexporteure reifen. It’s the economy, stupid - dieser Satz muss neu interpretiert werden.

Ja, es ist hart, sich mit dem Gedanken der Entkopplung anzufreunden. Dennoch wird nichts anders übrig bleiben, denn die bisherigen "Entwicklungspfade“ haben direkt in die Katastrophe geführt. Es wäre also hoch an der Zeit, dass auf EU-Gipfeln nicht nur über trostlose Flüchtlings-Abwehrkämpfe nachgedacht wird, sondern auch über einen globalen ökonomischen Paradigmenwechsel, selbst wenn dieser vielen nicht in den ideologischen Kram passen mag.

Simon Arne Manner

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