Oliver Judex:
So wahr uns Bot helfe!

Oliver Judex:
So wahr uns Bot helfe!

Oliver Judex

Chatbots sind schlau, hilfreich und die Zukunft des Internets, sagen die Experten. In Wahrheit gefährden sie die Demokratie, sagen wir.

Sind Sie sicher, dass Sie diesen Text lesen wollen? Er wurde von niemandem "gelikt", wurde noch nie "retweeted" und enthält - bitte nicht erschrecken - eine eigene, originäre Meinung. Wichtiger aber ist: Kein Roboter und keine künstliche Intelligenz haben sich daran zu schaffen gemacht.

Noch ist das keine Seltenheit - und als Leser des trend erwarten Sie das zu Recht. Doch in den Tratsch- und Zwitscheruniversen machen Wortmeldungen vermeintlicher Chat-Partner, hinter denen in Wahrheit komplexe Computerprogramme stecken, mittlerweile einen beachtlichen Teil der Kommunikation aus.

Chatbots heißen die neuen Wunderwaffen der allmachtshungrigen Tech-Giganten - lernfähige Algorithmen, die selbstständig im Dialog mit den Usern stehen und beginnen, die Apps der Handys und Tablets abzulösen. Denn statt sich wie bisher die Informationen aktiv holen zu müssen, werden sie von den Bots frei Haus ins Chatprogramm geliefert. Facebook, Twitter oder Microsoft, sie alle unterstützen mittlerweile den Einsatz computergesteuerter Figuren oder betreiben selbst ihre Bots mit Namen wie Alexa (Amazon), Allo (Google) oder einfach "M" (Facebook).

Was Mark Zuckerberg & Co. als Segen für die Menschheit verkaufen, als harmlose Online-Heinzelmännchen, die dienstfertig Informationen und Nachrichten zusammentragen, Flüge suchen und buchen oder Blumen bestellen und bezahlen, kann rasch zur digitalen Schimäre werden, gegen die der Science-Fiction-Streifen "Die Truman Show" alt aussehen wird: Denn verkauft wird, was die Bots vorstellen. Gelesen wird, was die Bots vorgeben. Gedacht wird, was die Bots vorleben.

Genau darum geht es: Hundertschaften von Technikern versuchen, die Plapper-Roboter mit künstlicher Intelligenz auszustatten. Sie sollen menschlicher werden, leben, vorleben - und zwar genau das, was ihnen einprogrammiert wird. Kombiniert mit den persönlichen Daten und Vorlieben der User - Stichwort Big Data - ergibt das die Voraussetzung für eine Gehirnwäscherei gigantischen Ausmaßes. Im besten Fall mit dem Ziel, möglichst hohe Umsätze pro User zu erzielen und diese optimal zu servicieren, im schlimmsten Fall, um politische Ziele zu verfolgen.

Und das hat mit Science-Fiction gar nichts mehr zu tun. Ob Putin-Klone im russischen Twitter-Kosmos, die klassische Propaganda betreiben, oder die Twitter-Armaden der Präsidentschaftskandidaten in den USA - sie alle beeinflussen die öffentliche Meinung bereits in markantem Ausmaß. 4,3 Millionen der elf Millionen Follower von Donald Trump sollen bereits künstlicher Natur sein; für Hillary Clinton sind über drei Millionen Chatbots im Einsatz.

Sie tweeten und retweeten ihre Parolen, machen den Gegner lächerlich und überstreuen den eigenen Kandidaten mit Rosen. Gerüchte werden ins Netz eingepflanzt und im Pingpong-Verfahren wie eine Seuche verbreitet. Aufgeschaukelt von der Masse der Bots baut sich so binnen kürzester Zeit ein enormer Meinungsdruck von scheinbar Gleichgesinnten auf. Kein Wunder, dass nach der ersten TV-Debatte Trump in der Online-Welt als eindeutiger Sieger hervorging - er hat einfach die besseren Ingenieure beschäftigt.

An die Stelle der Medien, die als vierte Gewalt im Staat den demokratischen Diskurs vorantreiben, treten pseudointelligente Automaten. Sie filtern Informationen und Fakten nach Belieben, ignorieren Gegenargumente und manipulieren Stimmungen. Betroffen sind vor allem jene, die ihre Social-Media-Kanäle religionsartig als alleiniges Kommunikationsmedium betrachten, als die einzig gültige Wahrheit. Und die Zahl derer wächst rasant.

In Österreich sind wir davon noch weit entfernt - wenigstens einmal ein Vorteil, in digitalen Dingen nicht zur Avantgarde zu zählen. Doch die Fragestellung wird bald auch schon bei uns lauten: Wer wird künftig Wahlen gewinnen? Die Partei mit der größten Bot-Streitmacht? Mit der manipulativeren Software? Und wo ist die Lösung?

Staatlich verordnete Social-Media-Regeln fallen aus, widersprechen sie doch klar der demokratischen Meinungsfreiheit, um die es ja zu kämpfen gilt. Und Verbote sind in der digitalen Welt sowieso sinnlos.

Bleibt lediglich die Chance für Parteien und Interessenvertretungen, die Gefahr nicht zu unterschätzen und sich - abseits eines kommuniquéartigen Kanzler-Blogs - endlich ernsthaft mit der Kommunikation über soziale Medien auseinanderzusetzen, rechtzeitig selbst im Chat-Universum aktiv zu werden, Glaubwürdigkeit und Vertrauen aufzubauen, inhaltliche Alternativen zu bieten und mit Argumenten zu überzeugen. Nur so wird man verhindern können, dass die Demokratie nicht irgendwann einmal von ein paar Programmierern aus den Angeln gehoben wird - so wahr uns Bot helfe!

Dieser Text ist garantiert botfrei entstanden!

Jederzeit bereit zum Gebet mit dem eRosary am Handgelenk.

Standpunkte

E-Rosenkranz: Glauben, beten, gewinnen

Kommentar
Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Geld

Ken Fisher: Mein Rat an die Zentralbanken

Kommentar
Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Standpunkte

Thomas Cook - Eine Pleite von historischer Dimension

Lukas Sustala, Ökonom und stv. Direktor Agenda Austria

Politik

Wahlzuckerl: Süßes, und dann Saures [#NRW19]