Oliver Holle zu Türkis-Grün: Old News

Oliver Holle, CEO Speedinvest

Oliver Holle, CEO Speedinvest

Die Pläne der Regierung sind sinnvoll - doch in anderen europäischen Ländern längst umgesetzt.

Das Start-up refurbed ist unser schnellstwachsendes heimisches Portfolio-Unternehmen. Tier, bekannt für seine E-Scooter, wuchs 2019 schneller als überhaupt jedes Unternehmen in der Geschichte von Speedinvest. Beide sind Teil einer "Green Tech"-Welle, die die Start-up-Welt voll erfasst hat. Einen ähnlichen "Sense of Urgency" benötigt es, wenn wir doch noch im Digitalbereich vorne mitspielen wollen. Mit etwas Glück und viel politischem Willen lassen sich diese zwei Herausforderungen vielleicht sogar zu einer Chance für Österreich verbinden.

Start-up- und Digitalisierungsagenden sind heute Kern moderner Industriepolitik und müssen als hochkompetitive Standortpolitik verstanden werden. Nur wer sich im immer intensiver geführten globalen "War for Talents" behauptet, wird die Leitbetriebe von morgen in seinem Land haben. Die USA, aber auch UK, Frankreich oder Skandinavien haben das erkannt und investieren seit Jahren in entsprechende regulative wie finanzielle Anreize. Während Europa so in den letzten Jahren einen Aufwärtstrend erleben durfte, ist Österreich ganz klar ins Feld der Nachzügler gerutscht.

So muss man - trotz aller positiven Überraschung - auch das Regierungsprogramm lesen. Die Maßnahmen sind sinnvoll und umfassend. Der Punkt ist, dass zwei Drittel davon quer durch Europa bereits vor Jahren umgesetzt wurden. Ob Fund-of-Fund-Modell, steuerliche Anreize für Investoren, einfachere Modelle für Kapitalgesellschaften oder Sandbox-Modelle - "Old News" müsste man im internationalen Kontext sagen. Ist das Regierungsprogramm deswegen schlecht? Nein, es zeigt nur, wo wir nach einer Dekade des politischen Stillstands in Wahrheit stehen.

Wie kommen wir nun von einer unverbindlichen "Best of Start-up Policy"-Liste zu einem roten Faden, der auch politisch kommunizierbar ist? Hier ein Versuch:

"Best Practice"-Sprint: so schnell wie möglich, am besten noch 2020, international anerkannte Maßnahmen umsetzen, die seit Jahren am Tisch liegen. Eine Vielzahl der im Regierungsprogramm aufgelisteten Punkte fällt unter diese Rubrik.

Aktiv Stellung beziehen im "War for Talents": Was soll eine Topgründerin aus dem Ausland dazu bewegen, nach Wien zu ziehen? Nur wenn wir diese Frage klar beantworten können, spielen wir mit. Die Antwort kann nur eine Kombination aus Exzellenz des Talentepools, Zugang zu Kunden und Kapital sein. Hier kann der Staat als Katalysator einiges bewirken. Als thematischer Anker wären Klimaschutz und die Circular Economy durchaus spannend, aber auch das Thema "Female Entrepreneurship" wäre ein noch unbesetztes Thema. Wir sprechen von einem proaktiven Ansiedlungsprogramm - also exakt dem Gegenteil dessen, was wir die letzten Jahre erlebt haben.

Strategische Stärkefelder strukturell verankern: Der nachhaltige Aufbau von glaubwürdigen Schwerpunkten ist ein langfristiges Projekt. Absolut zentral ist hier ein Fokus auf universitäre Ausgründungen. Hier lassen wir seit Jahrzehnten enormes Potenzial liegen. Mit Cambridge, ETH Zürich oder TU München gibt es klare Vorbilder, wie das funktionieren kann.

Wie auch immer die Storyline aussieht, sie muss kohärent und mit Leidenschaft kommuniziert werden. Die Frage drängt sich auf, wer in dieser Regierung den Mut hat, hier persönlich politisches Kapital zu investieren, um dies zu kommunizieren und in die Tat umzusetzen.

Der US-Starinvestor Ben Horowitz hat gerade ein Buch mit dem Titel "What you do is who you are" veröffentlicht -für mich ein schönes Motto für den noch zu benennenden Mr. oder Mrs. "Digital".


Zur Person

Oliver Holle ist Gründer und CEO des Frühphasenfonds Speedinvest, des größten heimischen Risikofinanzierers von Start-ups.


Türkis-Grün - die große Chance, aber richtig


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