Martin Eisenhut: Ohne Bildung keine Algorithmen

Martin Eisenhut: Ohne Bildung keine Algorithmen

Martin Eisenhut - Managing Director Central Europe A.T. Kearney

Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts. Erfolgreich werden daher nur jene Volkswirtschaften sein, die jene Forscher, Entwickler und Experten haben, um diesen Schatz zu heben. Der Haken: Österreichs Bildungssystem hat derzeit nicht das Potenzial, diese Fachleute auch zu liefern.

Katastrophale PISA-Ergebnisse bei heimischen Schülern, keine Austro-Universität unter den besten 150 der Welt. Österreich ist von einer Bildungsrevolution weit entfernt. Die findet mittlerweile an ganz anderen Orten statt. Zum Vergleich: 41.924.198 eingeschriebene Studierende gibt es in China. An österreichischen Hochschulen sind es nur 381.000. Angesichts der absoluten Zahlen kann das für Österreich nur bedeuten, dass wir jedes einzelne Kind bestmöglich ausbilden müssen und kein einziges Talent verschwenden dürfen.

Aber ist diese Botschaft in der österreichischen Politik auch angekommen? Ich fürchte nicht. Statt einen Teil der üppigen Steuereinnahmen in Schulen, Ausbildungsstätten, Hochschulen und Fortbildungsprogramme zu investieren, geizt die Regierung dort mit Investitionen. So werden in Österreich fünf Prozent des BIP für Bildungseinrichtungen verwendet, in der OECD sind es im Schnitt 5,2 Prozent.

Aber Österreich braucht eine doppelte Bildungsrevolution, denn zu den schon lange bekannten Defiziten in der Bildungslandschaft ist eine neue Dimension hinzugekommen: die digitale Transformation. Die Ausgangslage ist dramatisch. Während in anderen Ländern die Digitalisierung mit Tablet und WLAN längst Einzug in die Klassenzimmer gehalten hat, träumt man in Österreich noch von der "Schule 4.0". Gerade einmal 2,4 Millionen Euro steckt das Bildungsministerium in die Umsetzung einer digitalen Grundausbildung - und das erst bis 2020!

Doch nicht nur die Infrastruktur ist analog. Softwaregestützte Einstufungstests, die individuelle Förderkonzepte für jedes Kind von Beginn an ermöglichen, sind genauso Mangelware. Weder sind Lerninhalte digitalisiert gedacht, noch wird genügend in die digitale Fortbildung von Lehrkräften investiert. Wie sollen aber Schüler mit Schlüsseltechnologien wie 3D-Druck, Robotics, Augmented oder Virtual Reality vertraut gemacht werden, wenn es weder die Technik noch das passende Lernkonzept oder die entsprechend gut geschulte Lehrkraft gibt? Wollen wir wirklich, dass kommende Generationen ihre digitale Kompetenz nur durch "Pokémon Go", "Wargame", Snapchat oder Instagram erwerben?

Dies ist eine grob fahrlässige Haltung für ein Hochlohnland wie Österreich, in dem sich schon heute die Wirtschaft ernsthaft darum sorgt, dass sie nicht mehr genügend qualifizierte Fachkräfte findet, die mehr können, als digitale Maschinen und Prozesse lediglich zu bedienen. Erfolg werden wir nämlich nur dann haben, wenn die Beschäftigten einerseits auch die Programmierkenntnisse erworben haben, um aus einer Idee mittels der richtigen Algorithmen echte Wertschöpfung für Unternehmen zu generieren. Oder wenn sie andererseits die fachliche Kompetenz haben, unter den immer komplexeren IT-Systemen samt Cloud Computing die richtigen für ein Unternehmen auszuwählen, zu implementieren oder gar weiterzuentwickeln.

Egal welche Bundesregierung ab Oktober regieren wird, sie muss eine breit angelegte, digitale Bildungsoffensive starten, die im Gegensatz zu den letzten Plänen der bisherigen Koalition auch diesen Namen verdient. Im Mittelpunkt muss die digitale Infrastruktur von Bildungseinrichtungen genauso stehen wie die Förderung innovativer Lehrkonzepte und die Entwicklung von zeitgemäßen Lehrplänen.

Das Erlernen der newtonschen Gesetze, das Auswendiglernen des Datums der Schlacht des Xerxes bei Salamis oder das Herunterbeten der Unterschiede zwischen gotischen und romanischen Sakralbauten allein wird jedenfalls nicht reichen, um Österreich auf der Erfolgsspur zu halten.

Vielmehr geht es darum, zu einem humboldtschen Ideal 2.0 zu kommen, das individuell fördert, altes und neues Wissen vereint und noch dazu Neugierde zum Forschen und Ausprobieren weckt.

Daten sind DER Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Erfolgreich werden jene Volkswirtschaften sein, die jene führenden Forscher, Entwickler und Fachkräfte haben, die diesen Schatz entdecken, heben und verarbeiten können. Das ist nicht nur eine Aufgabe für die Politik allein. Manchmal wirkt es, als hätten auch viele Entscheidungsträger der Wirtschaft noch immer nicht verstanden, worum es geht: ohne Bildung keine Algorithmen - und ohne Algorithmen kein Wohlstand.


Martin Eisenhut , 53, ist Managing Director Central Europe der Unternehmensberatung A. T. Kearney und damit auch für Österreich verantwortlich. Der Industrieexperte arbeitete zuvor für Roland Berger und lebt im Süden von München.


Der Gastkommentar ist im trend. Ausgabe 37/2017 vom 15. September 2017 erschienen.
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