Österreich braucht Talente-Scouts

Markus Hengstschläger, Universitätsprofessor für medizinische Genetik.

Markus Hengstschläger, Universitätsprofessor für medizinische Genetik.

Analyse von Markus Hengstschläger, Universitätsprofessor für medizinische Genetik: Um international mithalten zu können, brauchen wir Ideenbringer und Innovationstreiber. Eigens ausgebildete und bezahlte Scouts sollen dabei helfen, diese ausfindig zu machen.

Unser Uni-Institut hat im Wesentlichen drei Aufgaben: Forschung im Bereich der Genetik, genetische Diagnostik bzw. Beratung von Patienten und Lehre. Und frei nach Qualtinger frage ich mich dabei immer:"Wie legt man es an?"

Einerseits glaube ich, dass langfristiger Erfolg immer die höchstmögliche Bereitschaft zur Teamarbeit voraussetzt. Man muss dabei Projekte bearbeiten, die vielleicht nicht so spektakulär, dafür aber auch nicht so riskant sind und darum die solide Basis bilden können (Security). Zusätzlich braucht es Projekte, die vielleicht auch riskant sind, die aber -wenn erfolgreich -von höchster Innovationskraft sind (Flexibility). Die nahezu tägliche Adaptierung der Relation dieser beiden Ansätze zueinander (Flexicurity) ist aus meiner Sicht ein aufwendiger, aber erfolgsversprechender Weg.

Ob nun sichere oder riskante Projekte: Die Basis dafür ist immer eine Idee. Wie aber kommt man zu einer Idee? Ich hatte im Jahr 2016 auf vielen Wissenschaftsund Wirtschaftstagungen die Gelegenheit, genau diese Frage zu diskutieren, nicht selten mit den Erfolgreichsten ihrer Zunft. Open Innovation -Radical Collaboration -Design Thinking: So lautet der unwidersprochene Tenor, in den (Innovations-)Manager weltweit aktuell einstimmen. Oder, übersetzt: "Jeder, auch der eigentlich Fachfremde, muss in einen effi zienten Prozess von der Ideengenerierung bis hin zur Austestung von Prototypen inkludiert werden!" Dem wäre nicht viel hinzuzufügen, würde in meiner Brust nicht so etwas wie ein "Genetikerherz" schlagen, das mich immer wieder zur Hauptthese des Buches "Der Weg zu den Besten" von Jim Collins führt: Erst wer, dann was!

Genetische Leistungsvoraussetzungen zu entdecken und durch harte Arbeit in eine besondere Leistung umsetzen, führt zu Erfolg", lautet meine These. Irgendwie beschleicht mich aber in letzter Zeit manchmal das Gefühl, dass beide Komponenten dieses Konzeptes vielen Menschen heute immer weniger attraktiv erscheinen.


Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar. Die Geschichte schreibt jeder selbst.

Auf den ersten Blick erscheint der Punkt mit den "genetischen Leistungsvoraussetzungen" heute immer öfter von Appellen wie "Jeder soll beruflich machen, was er will" torpediert zu werden. Natürlich soll gerade im Berufsleben und speziell im Innovationsbereich viel freie Entwicklung möglich sein. Und ja, es kommt immer noch mehr dabei heraus, wenn jemand in einem Bereich, für den er vielleicht nicht die idealen Voraussetzungen hat, sehr fleißig ist, als bei jemandem, der zwar gute Voraussetzungen hat, aber gar nichts daraus bzw. dafür macht. Frei nach dem Motto: "Der Mensch ist auf seine Gene nicht reduzierbar, sie sind nur Bleistift und Papier, die Geschichte schreibt jeder selbst."

Ein wenig Ehrlichkeit ist aber oft hilfreicher, als man denkt: In der Firma sitzen ein Affe, eine Schlange und ein Elefant. Der Chef stellt allen Mitarbeitern die Aufgabe, auf einen Baum zu klettern. Bei aller Bereitschaft, hart zu arbeiten - haben Sie schon einmal einen Elefanten auf einem Baum gesehen? Egal, ob es sich um ein Forschungsprojekt, ein Start-up-Unternehmen oder einen Plan A für das ganze Land handelt, die Frage des Erfolges hängt doch immer davon ab, wer mit welchem Engagement bereit ist, daran zu arbeiten. Intrapersonelle Intelligenz (jeder Mensch muss wissen, was er kann bzw. will), interpersonelle Intelligenz (soziale Kompetenz, Teamfähigkeit), gemeinsam mit der Bereitschaft, hart zu arbeiten, sind unverzichtbare Zutaten des Rezeptes für Innovation.

Auch die Akzeptanz der zweiten Komponente der oben genannten These muss hinterfragt werden dürfen. Wie steht es mit der Bereitschaft, wirklich hart an einer Idee zu arbeiten?

Um international mithalten zu können, ist vielleicht mehr davon notwendig (extra miles), als so manchem in unserem Land recht ist. Ich sehe dabei allerdings nicht die Berufsneulinge in alleiniger Schuld. Ich unterrichte nun schon seit über einem Vierteljahrhundert junge Menschen (18+) an Universitäten und schließe mich mit meinem Eindruck voll und ganz Kerstin Bund an, der Autorin des Buches "Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen": Die wollen arbeiten, nur anders.

Wir am Uni-Institut wollen in der Lehre zwei Aufgaben erfüllen. Einerseits natürlich, allen Studierenden die Grundlagen der Genetik näherzubringen. Andererseits aber auch, jene junge Kollegen zu identifizieren, für die Genetik nicht nur ein Fach von vielen ist, sondern vielleicht ihr Beruf werden könnte.


Was zum Beispiel bei Slalomfahrern oder Opernsängerinnen vollkommen akzeptiert ist, hat aber in unserem Wirtschaftsund Bildungssystem noch nicht wirklich Einzug gehalten: Talent und harte Arbeit.

Für Erstere fungieren wir mehr als Lehrer, bei Zweiteren fühlen wir uns mehr als Scouts, deren Aufgabe es ist, sie "zu entdecken". Es gilt, mit einer höchstmöglichen Trefferquote jene jungen Menschen zu entdecken, die entweder gute Voraussetzungen mitbringen, also entsprechende Talente haben, oder die überdurchschnittliches Interesse und auch die Bereitschaft haben, hart in diesem Bereich zu arbeiten. Im Idealfall beides.

Diesen jungen Menschen wollen wir ein Angebot zur Weiterentwicklung an unserem Institut machen, das sie natürlich annehmen und ablehnen können. Was zum Beispiel bei Slalomfahrern oder Opernsängerinnen vollkommen akzeptiert ist, hat aber in unserem Wirtschaftsund Bildungssystem noch nicht wirklich Einzug gehalten.

Jeder Mensch kann Elite sein, nur jeder eben woanders. Ob im Handwerk, im Sport, in der Wissenschaft oder beispielsweise in Pflegeberufen - der erste Schritt in die richtige Richtung ist die "Entdeckung". Die Familie ist gefordert, aber oft auch überfordert -wer kann bei seinen Kindern ein Talent entdecken in einem Gebiet, das ihm selbst fremd ist? Pädagogen (vom Kindergarten bis zur Oberstufe) sind gefordert, aber oft auch überfordert -hat man die Zeit und die Infrastruktur, sich neben seiner Aufgabe, allen die Grundkenntnisse zu vermitteln, auch noch die herausragende Talente optimal zu fördern?

Um die Ideenbringer und Innovationstreiber der Zukunft entdecken und speziell fördern zu können, brauchen wir in Österreich eigens dafür ausgebildete und bezahlte Scouts. Um den Stein einmal ins Rollen zu bringen, könnte man bei den derzeit diskutierten neuen Ganztagsschulkonzepten die Schaffung von Stellen für Scouts mitdenken, die von Schule zu Schule auf Entdeckungsreise wandern.


Über den Autor

MARKUS HENGSTSCHLÄGER , 48, wurde 35-jährig zum jüngsten Uniprofessor für Medizinische Genetik berufen. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler ist Autor mehrerer Bestseller. Mitte Jänner erhielt er das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik.

Kommentar
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