Österreich braucht eine Kultur der zweiten Chance

Insolvenzen sind trotz Krise momentan Mangelware. Das muss sich ändern, damit wirklich gerettet wird, was auch gerettet werden kann.

Österreich braucht eine Kultur der zweiten Chance

Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870-Gruppe

RAUS AUS DEM DILEMMA: DIE 2. CHANCE. Wir befinden uns inmitten der größten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg. Viele Unternehmen sind aufgrund der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie in finanzielle Schieflage geraten, trotzdem ist die Zahl der Insolvenzen äußerst niedrig. Was muss jetzt getan werden?

Seitdem Covid-19 im Frühling auch Österreich erreicht hat, Mitte März die Rollbalken in den Geschäften runtergegangen sind, Schulen und Kindergärten nur noch in Ausnahmefällen zur Verfügung standen und Homeoffice nahezu selbstverständlich wurde, befinden wir uns in einem Wettstreit gegen die Zeit -aus gesundheitlicher und wirtschaftlicher Sicht. Doch mittlerweile wird versucht, diesen Wettkampf mit stumpfen Waffen zu gewinnen.

Zum Ende des dritten Quartals verzeichneten wir beim KSV1870, der heuer übrigens sein 150. Jubiläum feiert, um rund ein Drittel weniger Firmenpleiten als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Und das während der größten Wirtschaftskrise der Neuzeit und obwohl ein Großteil der Unternehmen schwer angeschlagen ist.

Zu Beginn war es richtig, auf Maßnahmen zu setzen, die in ihrer Kurzfristigkeit zielführend waren. Ich denke hier an die Ausdehnung der Insolvenzantragspflicht von 60 auf 120 Tage oder den finanziellen Rettungsschirm, der über die Unternehmen gespannt wurde. Gleichzeitig war es richtig, dass die größten Insolvenzantragsteller des Landes, die Österreichische Gesundheitskasse und die Finanz, auf Anträge verzichteten, um Unternehmen die Chance zu geben, den wirtschaftlichen Turn-around zu schaffen.

Doch es ist höchste Eisenbahn, zu einer wettbewerbsorientierten Volkswirtschaft zurückzukehren. Warum? Mittlerweile zeigt sich, dass auch wirtschaftlich gesunde Unternehmen sukzessive in die Abwärtsspirale gezogen werden, weil sie zum Beispiel unter dem Preisdumping der anderen leiden. Vielerorts wird ein Strukturwandel künstlich aufgehalten, weshalb es einer sinnvollen Kurskorrektur bedarf.


Es ist sinnvoll, rechtzeitig zu sanieren und es nicht aufzuschieben.

Ähnliches gilt für die aktuelle Stundungspolitik: Eine Verlängerung von bestehenden Abgabenstundungen bis 31. März 2021 führt am Ende des Tages dazu, dass der ohnehin schon mit finanziellen Außenständen prall gefüllte Rucksack der Unternehmen noch weiter aufgefüllt wird - dieser wird danach jedoch kaum gestemmt werden können.

MUT ZUR SANIERUNG. Über Jahrzehnte hinweg wurde in Österreich eine Kultur geschaffen, die keine zweite Chance zulässt. Einmal insolvent, haftet einem dieser Stempel ein Leben lang an. Viele Unternehmen hängen am finanziellen Tropf und versuchen daher krampfhaft, sich über Wasser zu halten. Doch das ist nicht zielführend.

Wir wissen nicht, wie lange uns diese Situation noch begleiten wird. Es macht daher Sinn, rechtzeitig den Mut zur Sanierung aufzubringen. Denn es ist ganz ohne Zweifel notwendig, sich als redlicher Unternehmer frühzeitig darum zu kümmern, dass gerettet wird, was noch zu retten ist. Dabei geht es um das eigene Unternehmen, dabei geht es um Geschäftspartner, und dabei geht es um Menschen und ihre Arbeitsplätze. In einigen Monaten fehlen mitunter bereits die finanziellen Mittel für ein Insolvenzverfahren.

Die Folge: Das Unternehmen muss zu 100 Prozent liquidiert werden, die Arbeitslosenzahlen steigen weiter dramatisch. Jetzt besteht vielerorts noch die Möglichkeit einer Entschuldung von bis zu 80 Prozent. Und was für ehrliche Unternehmer genauso relevant ist: Die Bereitschaft zur Sanierung ist auf Gläubigerseite überdurchschnittlich hoch, zumal die Gründe aktuell weniger in Managementfehlern liegen, sondern in der Covid-19-Krise.

Wir benötigen Mut, sinnvolle Kurskorrekturen vorzunehmen, um Österreichs Wirtschaft nachhaltig zu unterstützen. In Österreich haben wir mit dem aktuellen Insolvenzrecht, das eigentlich Sanierungsrecht heißen sollte, ein erprobtes Werkzeug. 30 Prozent aller eröffneten Insolvenzen münden in einer erfolgreichen Sanierung. Ein Wert, der weltweit seinesgleichen sucht. Nützen wir dieses Instrument, um den Wirtschaftsstandort Österreich in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Bleiben wir aktiv und halten wir das Ruder fest in der Hand.


Zur Person

Ricardo-José Vybiral ist seit vier Jahren CEO der KSV1870-Gruppe. Zuvor leitete er die Wundermann Gruppe Deutschland und Österreich.



Simon Arne Manner

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