Klaus Hölbling: Österreich auf der Kriechspur

Analyse. Die Telekommunikationsbranche ist Treiber der Digitalisierung und steht zugleich selbst vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte. Höchste Zeit, die notwendigen Schritte einzuleiten, um nicht selbst Opfer der digitalen Revolution zu werden.

Klaus Hölbling: Österreich auf der Kriechspur

Klaus Hölbling - Managing Director von AlixPartners

Vor einigen Tagen verkündete Jean-Yves Charlier, CEO von VimpelCom, dem weltweit sechstgrößten Mobilfunkunternehmen, dass sein Unternehmen von nun an Veon heiße und dass Telefongespräche und Datenübertragungen für Kunden des Unternehmens künftig gratis seien. Damit ist ein weiterer Meilenstein in der Zerstörung des traditionellen Geschäftsmodells der Telekommunikationsbranche erreicht.

Mit ihren Datenautobahnen machen die Telekommunikationsunternehmen die digitale Revolution erst möglich. Doch nun scheint diese Revolution gerade jene zu bedrohen, die sie vorantreiben. Denn obwohl die Unternehmen ihre Netze ständig auf-und nachrüsten, um das wachsende Datenvolumen transportieren zu können, gehen Umsätze und Margen aus dem Verkauf von Sprach-und Datenverkehr kontinuierlich zurück und werden - wie im Falle von VimpelCom/ Veon - womöglich in Kürze ganz verschwinden.

Die Großen der Branche werden sich neu erfinden müssen. Eine aktuelle Studie von AlixPartners errechnet für die Telekommunikationsunternehmen einen Optimierungsbedarf von 30 bis 60 Prozent bei Kosten und Investitionen -damit steht die Telekommunikationsbranche vor einer grundlegenden Restrukturierung. Es ist nachrangig, welche und wie viele Mehrwertservices die traditionellen Telekommunikationsunternehmen zusätzlich anbieten, denn zunehmend verlieren sie auch die direkte Kundeschnittstelle an die großen Internet-Player. Zunächst geht es daher um die Restrukturierung und Digitalisierung ihres Kerngeschäfts, um im Wettbewerb mit Google, Facebook und Netflix überhaupt bestehen zu können.

Weltweit hat der Datenverkehr heute pro Sekunde ein Volumen von rund 25 Terabyte, also 25.000 Gigabyte. Bis zum Jahr 2020 wächst der globale Datentransfer voraussichtlich auf 60 Terabyte -und bei 25 Milliarden vernetzten Objekten im künftigen Internet der Dinge wären es jede Sekunde sogar 125 Terabyte.

Österreich ist dafür nicht gerüstet und hinkt in allen wichtigen Bereichen den führenden Nationen hinterher. Meist erreicht Österreich nicht einmal den europäischen Durchschnitt. Die durchschnittliche Datenrate von gerade einmal 12,7 Megabit pro Sekunde (Mb/s) liegt weit hinter den rund 20 Mb/s in Norwegen und Schweden. Zudem verfügen weniger als zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung überhaupt über einen schnellen Breitband-Internetzugang. Europäische Spitzenreiter liegen bei circa 24 Prozent, global führende Nationen wie Südkorea erreichen bereits 35 Prozent.

Der Aufholbedarf beim Ausbau von Glasfaserleitungen sowie leistungsfähigen Mobilfunknetzen (Stichwort 5G) ist gewaltig, es bedarf deshalb einer konzertierten Anstrengung. Angesichts der massiven Verwerfungen in der Telekommunikationsbranche und der Größe der Restrukturierungsaufgaben, die den Unternehmen bevorstehen, ist auch die Politik gefordert: Sie muss die richtigen Rahmenbedingungen für eine digitale Aufholjagd schaffen.

Die Regierungsparteien haben dazu in ihrem unlängst vereinbarten "Arbeitsprogramm" Maßnahmen für den Ausbau der erforderlichen 5G- und Glasfaser-Infrastruktur vereinbart. Als Ziel haben sie ausgerufen, dass Österreich "Digitaler Vorreiter" werden soll. Bis zum Jahr 2020 sollen 75 Prozent der Bevölkerung ultraschnelles Internet nutzen, 2025 soll flächendeckend zehn Gigabit pro Sekundeverfügbar sein.

Ein guter Plan - doch entscheidend ist die Umsetzung!

Selbst bei gutem Willen aller Beteiligten wird es sicherlich schwierig, die erforderliche "nationale Kraftanstrengung" zum Erfolg zu führen. Sie erfordert ein schlüssiges Zusammenwirken der beteiligten Ressorts. In vielen Unternehmen hilft dabei ein Chief Digital Officer, der die verschiedenen Aufgaben der Digitalisierung steuert, koordiniert und zielgerichtet vorantreibt. Vielleicht ist das auch ein Modell für die Politik: Die Installation eines zentralen Koordinators, bei dem die Fäden zusammenlaufen und der im Auftrag der Bundesregierung die Digitalisierung des Landes vorantreibt.


Zur Person

Klaus Hölbling , (47), ist Managing Director beim globalen Beratungsunternehmen AlixPartners. Er berät seit vielen Jahren Unternehmen der Telekommunikations- und Hightech-Branche zur Geschäftsstrategie und zu Transformationsfragen.


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