Österreich-Tourismus: Ein strenger Winter droht

Unsichere Pandemielage und Personalmangel reiben den wichtigen Wirtschaftszweig auf. Die Politik übt sich in Mikromanagement.

trend-Chefredakteur Andreas Lampl

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Die in einem trend-Gespräch aufgeworfene Frage, ob sich das Tourismusland Österreich leisten könne, beim Impftempo hinterherzuhinken, Beispiel Dänemark, entgegnete Finanzminister Gernot Blümel lapidar mit einem Verweis auf Südeuropa - der aber völlig danebenzielt.

Italien hat nämlich gerade eine 3-G-Pflicht für sämtliche Arbeitnehmer im öffentlichen und privaten Sektor eingeführt. Unternehmen müssen streng kontrollieren, Tests werden kostenpflichtig, das geht für Ungeimpfte ins Geld. Zudem müssen die damit rechnen, keine Gehaltsfortzahlung zu bekommen, wenn sie an Covid erkranken. Die Impfquote steigt rasant. Die Urlaubsländer Spanien oder Portugal liegen sogar vor Dänemark - und viel besser als Österreich.

Zweieinhalb Monate vor Start der Wintersaison zählen wir knapp unter 60 Prozent Vollimmunisierte (Stand: 20.9.). Österreich liegt im unteren Drittel der EU und weit weg von der Marke, die Experten unisono für eine nachhaltige Eindämmung der Pandemie als nötig erachten. Keinesfalls ideale Voraussetzung für einen der wichtigsten Wirtschaftszweige im Land. 15 Milliarden Euro setzten heimische Betriebe 2019 im Wintertourismus um, 30 Milliarden wurden an direkter und indirekter Wertschöpfung erzielt. Da steht einiges auf dem Spiel für die Regierung, was dringend für höheres Tempo und akribischere Vorbereitung sprechen würde. Südtirol hat derzeit nur halb so hohe Corona-Inzidenzen.

Regeln für Planungssicherheit?

Zwar veröffentlichte das Tourismusministerium jetzt Regeln, die den Unternehmen ansatzweise Planungssicherheit bieten sollen. Aber da müssen auch die (ausländischen) Gäste mitmachen. Die werden umso kritischer agieren, als Ischgl einiges an Reputation gekostet hat, die erst wieder hergestellt werden muss. Der deutsche SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat den Optimismus der heimischen Politik, dass seine Landsleute in Scharen in die österreichischen Berge strömen werden, schon einmal gebremst. Mögliche Reisewarnungen für Österreich sind keine Hirngespinste.

Nach der Wahl in Oberösterreich wird die Koalition im Bund wahrscheinlich endlich den Druck auf die Impfmuffel spürbar erhöhen. Aber alleine dass die ÖVP wegen potenzieller FPÖ-Stimmen bei einem epochalen Ereignis wie einer Landtagswahl ein solches ökonomisches Risiko in Kauf nimmt, zeugt - wieder einmal - von kleinlichem Mikromanagement. Abgesehen vom Risiko, das die Impfverweigerer für das gesamte Gesundheitssystem darstellen.

Für die Wintergäste, die kommen, könnte dann noch ein anderer Punkt zu einem wunden werden. Die Frage nämlich, ob sie alpenländischen Service auch heuer wie gewohnt genießen können. Die ersten Wirte überlegen schon konkret, ihre Skihütten nicht mehr täglich aufzusperren. Bereits im Sommer servierten im Salzkammergut manche Restaurants Essen nur noch abends, einige Hotels machten die Zimmer nur noch jeden zweiten Tag. Ähnliches könnte auch in Wintersportorten blühen. Denn Personal fehlt an allen Ecken und Enden.

Jobmarkt bremst Wirtschaft aus

Die Verwerfungen am Arbeitsmarkt, die durch die Pandemie und Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung verstärkt wurden, haben mehrere Ursachen. So kehren viele Saisoniers, vornehmlich aus Osteuropa, nicht mehr zurück. Der wesentlichste Grund ist aber: Arbeit ist in Österreich zu teuer, trotzdem verdienen die Beschäftigten zu wenig.

Und da kommt wieder der Finanzminister ins Spiel. Gernot Blümel wird in seiner Budgetrede Mitte Oktober "die größte Steuerreform aller Zeiten" abfeiern, doch die geplante Senkung der zwei Lohnsteuersätze wird kein Gamechanger sein. Der Thinktank Agenda Austria hat bereits vorgerechnet, dass damit gerade mal die kalte Progression seit der letzten Steuerreform (2016) abgegolten wird: bei niedrigen Einkommen nicht einmal ganz, bei durchschnittlichen knapp darüber.

Für eine signifikante Entlastung des Faktors Arbeit, die durch höhere Nettolöhne nachhaltig Bewegung in den Jobmarkt bringt, ist das jedenfalls zu wenig. Außerdem braucht es eine weitere Senkung der Lohnnebenkosten. Auch wenn die Budgetlage angespannt ist: Der Einnahmenentfall für den Fiskus durch geringere Abgaben auf Arbeit wäre deutlich produktiver als manch gießkannenartige Coronahilfe und vor allem viele strukturelle Ausgaben, die genügend Sparpotenzial böten.

Das Problem ist umso drängender, als wegen der steigenden Inflation die kalte Progression in den kommenden Jahren noch deutlich stärker zuschlagen wird. Die jährliche automatische Anpassung der Steuertarifstufen gemäß der Inflationsrate wäre überfällig -was die Politik aber scheut, weil sie dem Wahlvolk lieber alle paar Jahre eine super Steuerreform vorgaukelt. Womit wir wieder beim Mikromanagement wären.

lampl.andreas <AT> trend.at

Simon Arne Manner

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