Mit mehr Verantwortung in die digitale Zukunft

Dirk Helbing, Professor f. Computational Science, ETH Zürich

Dirk Helbing, Professor f. Computational Science, ETH Zürich

Gastkommentar. Wir benötigen einen neuen digitalen Zeitgeist mit sozialen, kulturellen, ökologischen und ethischen Werten.

Die Welt stöhnt unter dem Ansturm technologischer Umwälzungen: Innovationen wie datenintensive Analysen, künstliche Intelligenz (KI), Robotik, das Internet der Dinge, die Blockchain, 3D-Druck und virtuelle Realität verändern die Art, wie unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften funktionieren. Jede einzelne dieser Technologien hat das Potenzial, etablierte Produkte, Dienstleistungen und die zugrunde liegenden Netzwerke völlig zu verwandeln. Gemeinsam werden sie alte Geschäftsmodelle und Institutionen ablösen und eine neue Ära der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Geschichte einleiten. Wie können wir auf diese Entwicklung reagieren?

Große wirtschaftliche Übergänge bringen normalerweise weitreichende Veränderungen mit sich: Während der ersten industriellen Revolution im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert führten neue Produktionsprozesse letztlich zu enormen Verbesserungen der menschlichen Lebensqualität. Mit der steigenden Produktivität stiegen auch die Löhne und Lebensstandards. Aber zu Beginn hatte die Mechanisierung negative Folgen wie Arbeitslosigkeit, Kinderarbeit und Umweltzerstörung.

Die sozialen und politischen Effekte der momentanen digitalen Revolution könnten sogar noch dramatischer ausfallen: Kriege und Revolutionen könnten ausbrechen, und Werte wie die Menschen-und Bürgerrechte könnten untergraben werden. Meine Kollegen und ich stellen in einem aktuellen "Scientific American"-Artikel eine These auf: Je mehr die Computer über uns wissen, "desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Entscheidungen frei und nicht von anderen beeinflusst sind" - solange wir nicht in der Lage sind, frei über unsere Informationen zu bestimmen.


Je mehr die Computer über uns wissen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Entscheidungen frei und nicht von anderen beeinflusst sind.

Glücklicherweise ist ein solcher Verlust individueller Autonomie nicht unvermeidlich. Es ist möglich, eine digitale Zukunft zu schaffen, die von stärkerem Verantwortungsbewusstsein geprägt ist. Aber wir müssen sofort damit beginnen, entsprechend zu handeln. Dazu gehören ein öffentlicher Diskurs, digitale Vernunft und Emanzipation sowie eine stärkere Berücksichtigung der technologischen Risiken. Der Wandel, vor dem wir stehen, ist größer, als dass er von einem Land oder einer Organisation allein bewältigt werden könnte. Für uns alle geht es um nicht weniger als um unsere Zukunft.

Lassen wir zu, dass der momentane Wandel vom technologischen Fortschritt selbst geleitet wird, birgt dies offensichtliche Gefahren. 2008 meinte der "Wired"-Herausgeber Chris Anderson noch, auch ohne Wissenschaft oder Theorie werde Big Data letztlich die gesamte Wahrheit enthüllen. Dies ist ganz offensichtlich nicht geschehen. Haben Forscher mehr Daten zur Verfügung, finden sie mehr Muster, die sie untersuchen können. Und um zu beurteilen, welche davon bedeutsam und welche irreführend sind, ist die Wissenschaft nötig. Auch die Erwartungen, menschliche Schwächen wie Voreingenommenheit würden durch die KI überwunden, wurden enttäuscht. Viele heutige KI-Systeme behandeln die Menschen ungerecht und können sogar manipuliert werden.

Andere Prognosen über die neue "digitale Gesellschaft" lagen ähnlich daneben. Auch sogenannte intelligente Städte -in denen das urbane Leben automatisiert abläuft -konnten bis jetzt die Erwartungen nicht erfüllen. Dies liegt daran, dass Städte nicht nur riesige Lieferketten sind, sondern Räume zum Experimentieren, für Kreativität, Innovationen, Lernen und Interaktion.

Zwar hat die "Plattformökonomie", die auf Internet, Computern und Daten aufbaut, einige der wertvollsten Unternehmen der Welt geschaffen, aber sie hat auch viele Bürger zu passiven Konsumenten gemacht. Die Ironie dieser extremen Vernetztheit liegt darin, dass die Menschen nicht nur die von ihnen gekauften Produkte weniger kritisch betrachten, sondern auch die Informationen, die sie konsumieren. Letztlich war es diese "Aufmerksamkeitsökonomie", die zu "Fake News" geführt hat.

Einfach ausgedrückt: Unsere digitalen Utopien verwirklichen sich nicht von selbst. Wir brauchen einen ethischeren Zugang zur Entwicklungstechnologie, der künstliche und autonome Systeme mit verfassungsrechtlichen, kulturellen und moralischen Normen und Werten verknüpft. Alle Aspekte der technologischen Entwicklung -von intelligenten Endgeräten bis hin zu der Software, auf der unsere Regierungen und Märkte aufbauen -benötigen einen ethisch ausgerichteten und wertsensitiven Entwicklungsansatz.

Soll beispielsweise die Demokratie eine realistische politische Option bleiben, müssen die Informationssysteme der demokratischen Regierungen so beschaffen sein, dass sie Menschenrechte, Würde, Selbstbestimmung, Pluralismus, Gewaltenteilung, Transparenz, Fairness und Gerechtigkeit unterstützen.

Will die Welt eine solche demokratische digitale Zukunft schaffen, muss sie ihre Denkweise über neue Technologien ändern. Wir müssen offene Informationsökosysteme entwickeln, an denen jeder in der globalen Wirtschaft teilnehmen und Ideen, Talente und Ressourcen beisteuern kann. In einer vernetzten Welt, in der alles, was wir tun, auch unsere Mitmenschen beeinflusst, müssen wir lernen, über uns selbst hinauszudenken und Zusammenarbeit, gemeinsame Entwicklung und kollektive Intelligenz anzustreben.

Auf diese Weise könnte die vierte industrielle Revolution inklusiver als die erste werden -jedenfalls ist dies die Art von Zukunft, die meine Kollegen und ich anstreben. Beispielsweise entwickeln wir an der Universität für Technologie im niederländischen Delft sozial verantwortungsvolle Kommunikationsnetzwerke und städtische Verwaltungssysteme, während die FuturICT-Initiative, ein internationales Netzwerk von Forschern, einen multidisziplinären Ansatz der technologischen Entwicklung ins Leben ruft. Beide Forschungen zielen darauf ab, eine gerechtere digitale Zukunft zu schaffen.

Wir haben die Macht, Technologien zu entwickeln, die uns nicht versklaven, sondern nützen. Aber dazu ist ein neuer digitaler Zeitgeist nötig, der dafür sorgt, dass bei den Entwicklungsprozessen auch unsere sozialen, kulturellen, ökologischen und ethischen Werte eine Rolle spielen. Innovationen und Revolutionen im digitalen Zeitalter sorgen oft für Erschütterungen und Turbulenzen, aber sie können auch verantwortungsvoll gestaltet werden.


Aus dem Englischen von Harald Eckhoff


Zur Person

DIRK HELBING ist Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich und wissenschaftlicher Koordinator bei FuturICT.


Die Analyse ist der trend-Ausgabe 18/2018 vom 4. Mai 2018 entnommen.

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