Michael Ludwig - eine Wiener Melange mit G'spür

Peter Pelinka

Peter Pelinka

Gastkommentar von Peter Pelinka: Der neue Wiener Bürgermeister Michael Ludwig hat einen guten Start hingelegt. Die Sachprobleme freilich bleiben riesig.

Kein Zweifel: Michael Ludwig, offiziell ab 24. Mai Bürgermeister von Wien, hat bisher einen guten Start hingelegt. Die Wahl seines neuen Teams für die Stadtregierung zeugt von viel "G'spür für Wien" (so 2015 das Motto der erfolgreichen Kampagne seines Vorgängers Michael Häupl) - vor allem für das unruhige Seelenleben der Wiener SPÖ.

Ludwig hat mit seiner "Wiener Melange" eine fast allseits positiv aufgenommene Mixtur geschafft: Drei Frauen, drei Männer, damit die versprochene Geschlechterparität; eine Vertreterin der traditionellen Parteistruktur und der Flächenbezirke mit Kathrin Gaal als neuer Wohnbaustadträtin; eine überraschende Quereinsteigerin mit bestem Echo aus ihrem früheren steirischen Wirkungsbereich mit Veronica Kaup-Hasler als neuer Kulturstadträtin; zwei kaum umstrittene Vertreter aus dem alten Team mit dem relativ frischen Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky und der seit 13 Jahren amtierenden Umweltstadträtin Ulli Sima, die zuletzt auch für die wichtigen Stadtwerke verantwortlich war.

Die künftig aber wohl wichtigste Achse im neuen Rathaus-Team wird bereits als H-&-H-Duo bezeichnet: Finanzstadtrat Peter Hanke, der bisherige Generaldirektor der Wien-Holding, und Peter Hacker vom Fonds Soziales Wien, nun für Soziales und Gesundheit zuständig. Sie müssen eine zentrale Frage beantworten: Wie kann die ständig wachsende Stadt mit ihren bald mehr als zwei Millionen Einwohnern ohne unsoziale Einschnitte weiter so gut verwaltet werden wie bisher?


Alles steht und fällt mit dem neuen Stadtchef.

Wer an dieser Stelle diesen Kommentar vielleicht verärgert weglegt, weil er mit seinem Auto in Staus festgesteckt ist, am Praterstern bis vor Kurzem von Alkoholkranken angemacht wurde und/oder von tschetschenischen und anderen Parallelgesellschaften liest, sei eingeladen, diese Probleme mit jenen in Metropolen Berlin, Paris, Rom oder London in Relation zu setzen. Oder auch mit jenen in den wohlhabenden Städten Zürich oder Barcelona, lange Jahre europäische Drogenhotspots.

Natürlich ist das nicht nur eine budgetäre Frage. Viel wird davon abhängen, wie die nicht mehr so stark, aber doch steigende Zuwanderung verträglich organisiert werden kann. Vor allem auch, wie die Integration jener Gruppen gelingt, die vor zwei, fünf oder zehn Jahren nach Wien gekommen sind, hier leben und/oder arbeiten, deren Kinder ausgebildet werden müssen. Viele mit zu wenig Unterstützung, auch von daheim. Die Schulpolitik muss endlich flächendeckend Ganztagsschulen garantieren, und für die Integrationspolitik muss effizient eingesetztes Geld bereitgestellt werden. Da wird die Achse H &H gefordert sein.

Aber alles steht und fällt mit dem neuen Stadtchef. Michael Ludwig wurde viel Skepsis entgegengebracht: Er sei zu wenig glamourös, zu sehr klassischer Apparatschik, habe zu viel Stallgeruch und zu wenig Außenwirkung. Zumindest den Stallgeruch hat er gut eingesetzt, er kommt aber auch außerhalb der SPÖ gut an, wirkt freundlich, interessiert und sozial kompetent.


Der Schmäh hat auch Michael Häupl am Anfang gefehlt.

Charisma? Ich habe Ludwig in den vergangenen Wochen bei zwei Auftritten erlebt, die anfängliche Skeptiker eines Besseren belehrt haben. Im Rathaus hat Ludwig vor etwa 300 Besuchern beim von Hannes Androsch veranstalteten Zukunfts-Symposium vor der großteils wissenschaftlichakademischen Community eine fünfzehnminütige Rede zum Thema gehalten. Es war weit mehr als eine Eröffnungsadresse, es war eine freigehaltene Rede auf Augenhöhe.

Eine Woche später hat Ludwig am Fried-Gymnasium eine Gedenktafel für den 1938 vertriebenen jüdischen Psychotherapeuten Eugene Gendlin enthüllt, der in den USA an der Seite von Carl Rogers weltberühmt wurde. Auch hier waren die 100 Gäste überrascht, wie genau sich Ludwig auf das Thema vorbereitet hatte. Sicher mit Hilfe kompetenter Mitarbeiter -aber deren Auswahl zeichnet eben gute Politiker aus.

Ob Ludwig auch den nötigen Schmäh eines Bürgermeisters haben wird, ist schwer zu prophezeien. Aber auch Michael Häupl hatte den in seiner Anfangszeit kaum. Und war dann 25 Jahre im Amt.


Der Autor

Peter Pelinka , 66, war u. a. Chefredakteur von Format und ORF-Moderator bei "Im Zentrum". Heute ist er Kolumnist bei News und Gesellschafter der Medientrainingsfirma Intomedia.

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