Mehr als nur Elektroautos

Othmar Pruckner über die Notwendigkeit, massiv in den öffentlichen Verkehr zu investieren.

Othmar Pruckner, Redakteur für Wirtschaft und Politik

Othmar Pruckner, Redakteur für Wirtschaft und Politik

Die letzten Jännertage hatte es zwölf, dreizehn, vierzehn Grad. Plus. Super! Man kann Radfahren , in der Sonne sitzen, die Winterdepression verfliegt ganz von selber. Oder doch nicht? Die steigenden Temperaturen, auch als "Klimawandel" bekannt, sind einerseits für uns wärmesüchtige Menschen ein Glück, aber irgendwie bleibt ein ungutes Gefühl. Für 63 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher ist der Klimawandel nämlich die größte Sorge überhaupt, die sie zur Zeit plagt. Haben Meinungsforscher herausgefunden.

Wenn es nun die stolzeste Aufgabe der Politik wäre, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, müsste etwas geschehen. Was tun? Der heftigste Klimasünder ist der Verkehr, genauer gesagt: der motorisierte Individualverkehr. Hier gilt es, anzusetzen. Im Regierungsprogramm, Kapitel "Verkehr und Infrastruktur", steht, die Straßen seien "entsprechend auszubauen und zu erhalten". Ja, auch das Angebot bei öffentlichen Verkehrsmitteln soll, geht es nach Türkis-Blau, "laufend verbessert" und "an die Bedürfnisse der Menschen angepasst werden". Von "Ausbau" ist da allerdings nichts mehr zu lesen. Statt dessen verspricht der Infrastrukturminister Tempo 140 für Pkw und weniger Radarkontrollen.

Auch der angehende Wiener Bürgermeister ist ein Fan des Automobils. Michael Ludwig haut sich vehement für den Lobautunnel, den Autobahnring ins Zeug. Von einem dringend nötigen Schnellbahnring hat er in seinen Bewerbungsreden nichts gesagt.

Die Menschen machen sich Sorgen, und um die Sorgen der Menschen aufzugreifen, forciert die Politik nun Elektromobilität. Die Regierung verspricht flächendeckende Lade-Infrastruktur, freie Fahrt für E-Autos auf Busspuren und diverse Förderungen.

Nichts dagegen, dass sich alle, die es sich leisten können, einen elektrischen BMW kaufen! Aber bitte nicht naiv sein: Den Klimawandel bekommt man mit einem flotten Tesla ebenso wenig in den Griff wie Stau und Verkehrsinfarkt. Die einzige Form der Elektromobilität, die rasch positive Effekte zeigen kann, ist jene, die schon jetzt von U-Bahn, Schnell- und Straßenbahn geleistet wird. Seien wir realistisch: Ohne massive Investitionen in den "Öffentlichen Personennahverkehr" ist beim rasanten Stadtwachstum genau null CO2-Ersparnis zu erzielen. Die Klimaziele von Paris sind ohne "Öffis" nicht erreichbar. Der Hype um autonom fahrende Autos hilft sowieso genau null.

Keine Sorge, niemand hier will Autos verbieten, aber in den Ballungsräumen muss Verkehrsverlagerung stattfinden. Ohne Neubaustrecken, ohne deutlich mehr City-und Railjets gibt man es besser gleich auf, von Klimazielen und CO2-Ersparnis zu faseln.

Klare Versprechen zu Investitionen in Bahn, U-Bahn und Bus fehlen im Regierungsprogramm ebenso wie in den Absichtserklärungen Ludwigs. Nur zur Klarstellung: Mit grünem Puritanismus hat ein Ausbau der "Öffentlichen" herzlich wenig zu tun, sondern mit stadtplanerischer und ökologischer Vernunft. Und dem Traum vieler Menschen, auch in 20 Jahren noch in einem lebenswerten Land wohnen und arbeiten zu können.

Martin Sajdik (li.) und Hannes Androsch

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