Der Marx und die Manager

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Essay. Nach 200 Jahren mag es sinnvoll sein, den großen Denker Karl Marx ein wenig entspannter zu sehen -auch in der Beletage der Direktoren.

"Ich bin kein Marxist."

Karl Marx


Mein wunderbarer, allzeit tief entspannter Kollege und Brieffreund Robert Löffler hätte dieser Tage vielleicht Folgendes in seine "Krone"-Kolumne geschrieben: "Es ist jetzt auch schon wieder 200 Jahre her, dass die Welt das Licht von Karl Marx erblickte."

Als freundlicher Skeptiker des Bildungsstandes von uns Heutigen (der Begriff "abgeschlossene Halbbildung" gefiel ihm) hätte er sich boshaft die Überraschung der Leser ausgemalt: Wie konnte ein Kolumnist, dem sie bisher als Geistesmenschen vertraut hatten, den Teufel Marx mit dem Begriff Licht in Verbindung bringen?

Überraschungseffekte dieser Art liebte er. Denn eine seiner wesentlichen Lebensweisheiten lag darin, dass die vermeintlich Guten nie ganz so gut und die vermeintlich Schlechten nie ganz so schlecht sind, wie sie von der Mehrheit der Bevölkerung gesehen und daher von der Mehrheit der elastischen Schreiberlinge beschrieben werden.

An seinen speziellen Freunden, den teuer gekleideten Ordensäbten und zweckmäßig gekleideten Weinbauern, liebte er eine Naturliebe und Herzensbildung und viel Spezialwissen -und gleichzeitig ihre heimlichen Sünden, die sie mit den Unfrommen teilten. So wie er umgekehrt, als Liebhaber der Weltliteratur, beim Lesen von Albert Camus' Roman "Der Fremde" für die Seele des Mörders Meursault die gleiche Bewunderung empfand wie für den genial-einfachen Schreibstil des Literaturnobelpreisträgers Camus.

Zwar unterhielten wir uns, Löffler und meine Wenigkeit, lieber über den Vorzug von Magnum-Flaschen (weniger Glasfläche pro Achtel Wein, gut für die Flaschenreifung, und 1,5 Liter sind ein vernünftiges Gebinde für zwei erwachsene Trinker) als über eitel-affige Themen. Wenn aber doch die Rede auf Philosophie und Literatur kam, verband er beides zu einer fantastischen Theorie, warum wir Heutigen die Philosophen viel schlechter, oberflächlicher, einseitiger und respektärmer kennen als unsere Ahnen.

Seine Hypothese lautete: Unsere Eltern und Großeltern erstickten noch nicht in Sekundärliteratur. Sie mussten (besser: durften) noch die Originalwerke lesen. Sie wussten daher, dass viele Philosophen fantastische Schreiber waren. Von Aristoteles bis Adorno und herauf zu den Heutigen wie Sloterdijk, Precht und Liessmann wollten (und wollen) sie das, was "die Welt im Innersten zusammenhält" (Goethe, "Faust"), so verständlich wie möglich erklären. Sie nützten dafür alle Stilmittel. Zunächst eine staubfreie, einfache Sprache nahe der Umgangssprache. Weiters plastische Wortbilder, die das Merken leichter machten, und Vergleiche, die das Lesevergnügen erhöhten.


Die Sekundärliteratur ist eine Pest unserer Tage.

Dazu ein unvergessliches, persönliches Erlebnis zur Anregung meiner klugen Leserinnen und schönen Leser. Für eine Ägypten-Reise hatte ich endlich einen schwierigen Nietzsche-Band in den Koffer gepackt: die "Fröhliche Wissenschaft". Mit verheerend-schönen Folgen. In meinem Luxusresort nahe den Pyramiden (ein trend-Chef der 1980er-Jahre logierte immer on top) entdeckte ich ein neues Wellness-Rezept, das Körper und Geist umfasste: vier Längen Pool-Kraulen, dann wieder 20 Seiten Nietzsche. Ich unterließ einen vertiefenden Zweitbesuch der Pyramiden, las lieber das Nietzsche-Buch fertig. Das war zwar beglückend, aber Schwachsinn. Die Cheops hat man nicht jeden Tag. Und Fertiglesen hätte ich auch im Flieger können.

Dennoch hatte dieses Erlebnis Wert. Wie schon vorher das Hauptwerk des Kapitalismus-Vaters Adam Smith ("Wealth of Nations") und später des Hauptwerk des Antipoden Karl Marx ("Das Kapital") befestigte mein ägyptischer Nietzsche eine Hochachtung vor Originaltexten. Und eine grimmige Skepsis zur Sekundärliteratur.


Bildungsbürger, die ihr süßes Amstetten nie verlassen haben, informieren uns über den Einfluss der salzigen Ägäis auf hellenistische Denker.

Die Sekundärliteratur ist eine Pest unserer Tage. Es gibt darin gute Werke, die das Original aufleuchten lassen wie kleine, gut gefasste Steine einen zentralen, großen Diamanten, darunter manche Spitzenbiografien. Die meisten Sekundärwerke aber trüben das Zentrum. Sie sind parasitisch.

Ihre Verfasser nützen den großen Glanz für einen kleinen, eigenen Glanz. Darunter unzählige sogenannte Wissenschaftler, die ihre wehrlosen Opfer nicht nur unzulänglich sezieren, sondern mit dem seifigen Tonfall von Besserwissern auch noch korrigieren. Sie verkaufen noch das "Wesentliche in Spinoza", der selbst schon das Wesentliche gefunden hatte. Bildungsbürger, die ihr süßes Amstetten nie verlassen haben, informieren uns über den Einfluss der salzigen Ägäis auf hellenistische Denker.

Sie alle finden dafür dankbare Sachbuchverleger. Die begriffen haben, dass der moderne, zeitknappe Mensch jeden Abschneider liebt. Also Bücher wie "Wittgenstein in fünf Minuten", "Platon für Anfänger","Kierkegaard für die Küche", "Kant in Kurzschrift","Hegel in Comics", "Bergson für Blitzgneißer" oder, extra originell, "Schopenhauer für Sanguiniker", "Das Unnatürliche an Rousseau" und "Die dümmsten Sätze von Voltaire".

Die Verheißung und der lockende Kauf-Ruf all dieser tatsächlichen und erfundenen Bücher liegt im Zeitgewinn, einer erhofften, schmerzlosen Weiterbildung oder in einem perversen, originellen Kick.

Mein früher Ekel vor Sekundärliteratur brachte mir Gutpunkte beim älteren, zugleich freundlichen und doch einschüchternden Kollegen Robert Löffler. Wir residierten als handverlesene Gäste in der Wachau-Burg Maria Laach des Weltklassemalers und Akademie-Präsidenten Professor Adolf Frohner. Es war ausgemacht, nur dem Unsinn und dem Wachauwein zu huldigen. Null Politik, null Wirtschaft, null Welt. Alle hielten sich dran, auch der weltbeste Großgärtner Josef Starkl. So lange, bis ich, ein Lehrling unter Gelehrten, unachtsam das Wort "Sekundärliteratur" fallen ließ. Da rissen alle Dämme.

Der Gastgeber Frohner machte selbst den Anfang: "Seit Fremde über mich schreiben, weiß ich, was ich dachte, als ich meine Nackten malte." Löffler befahl mir, die Aristoteles-Sache zu wiederholen, die ich ihm erzählt hatte: das Buch "Management by Aristotle" als zugleich schlechtestes Lehrbuch für Philosophie und Management.

Wir kehren damit in den Kern meiner Essays zurück. Sie sind dafür gedacht, alle Phänomene in die Welt der Manager und Unternehmer zu fokussieren.

Was den 200. Geburtstag von Karl Marx (1818-1883) betrifft, dürfen auch sie diesen Mann feiern. Er war ihnen als Mensch wahrscheinlich näher als viele andere. Er war beseelt und ambitioniert wie ein Unternehmer. Er nahm lebenslänglich Risiken auf sich. Und kämpfte gegen eine Gesellschaft, die mit der heutigen unvergleichlich ist.

Wie seine adelig geborene Frau Jenny, die ihn erst nach siebenjähriger Verlobung heiraten durfte und viele erzwungene Standortwechsel mitmachte, die heute nur wenig Denker-Familien ohne Scheidung überleben würden.

Er war ein Unternehmer seiner selbst. Er hat seine Gedanken wie ein Geschäftsmodell glänzend dargestellt. Und hat immerhin einen Unternehmer-Sohn namens Friedrich Engels (1820-1895) dazu gebracht, lebenslänglich ein Mäzen zu sein.

Jetzt, zu seinem 200. Geburtstag, wetteifern viele, worin er geirrt habe. Es wird einem schlecht dabei. Nichts schlimmer, als lebende Dumpfgummis über tote Geistesgrößen zu hören.

Unter dem Strich glaubte Karl Marx, man könne die einst "gottgewollte" Adelsherrschaft ersetzen. Damit hatte er recht. Im Überschwang glaubte er gleich an eine klassenlose Gesellschaft, die im Wesentlichen die gleichen Bedürfnisse hatte -womit er allerdings unrecht hatte.

Kein Grund, ihm die Jubiläum-Ehre als großem Denker und Schreiber zu verwehren.


Der Essay ist der trend-Ausgabe 21/2018 vom 25. Mai 2018 entnommen.

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