Markus Hengstschläger: Zwei Zukünfte

Markus Hengstschläger, Universitätsprofessor für medizinische Genetik.

Markus Hengstschläger, Universitätsprofessor für medizinische Genetik.

In Zeiten digitaler Revolutionen bedarf es einer darauf ausgerichteten Ausbildung. Gleichzeitig gewinnen auch breites Wissen, Kreativität, Individualität und vieles mehr an Bedeutung. Es ist das Wechselspiel gerichteter und ungerichteter Bildung, das die nächste Generation braucht, um angstfrei in die Zukunft zu blicken.

Auch wenn ich in meiner Jugend gerne Punk-Musik gehört habe und mich auch manchmal entsprechend gever-)kleidet habe, so war ich doch nie ein wirklicher Punk. Einer der vielen Gründe dafür war auch, dass mir der Slogan der Punkbewegung, "No Future", nie wirklich zugesagt hat. Im Gegenteil, ich war immer davon überzeugt, dass die Zukunft superspannend wird -man muss sich nur auch in der Gegenwart schon ein wenig Gedanken darüber machen.

Bei einer Diskussion wurde die Frage gestellt, ob die Zukunft in Zeiten von Industrie 4.0 nun vorhersehbarer oder unvorhersehbarer ist. Der erste Wissenschaftler argumentierte, dass Facebook, Apple, Microsoft, Google und Amazon ohnedies schon alles über alles und jeden wissen. Er war der Meinung, die Zukunft war noch nie so vorhersehbar wie heute, weil Big Data gesammelt, interpretiert, gehandelt und für Zukunftsprognosen verwendet wird wie noch nie zuvor. Der zweite Gefragte argumentierte allerdings mit der zumindest kolportierten Unvorhersehbarkeit der Finanz- und Wirtschaftskrise, des Brexits, von Donald Trump oder der weltweiten Migrationsströme.

Nicht zuletzt auch um eine eigene Meinung zu haben, schlug ich vor, doch von zwei Zukünften zu sprechen, einer vorhersehbaren und einer unvorhersehbaren. Schwer zu sagen, ob sich das Verhältnis der beiden zueinander gerade wesentlich verschiebt bzw. was nach Datenlage, Fakten und Zahlen und was nach Bauchgefühl und Intuition entschieden werden kann oder soll. Einigkeit scheint aber bei dem Gefühl zu herrschen, dass in unserer immer schnelllebigeren und hektischeren VUCA-Welt ("volatility", "uncertainty","complexity" und "ambiguity") immer höhere Anforderungen an Menschen im Berufsleben gestellt werden.

Kam der Wissenschaftshistoriker Franz Stuhlhofer in seinem 1983 in den Berichten zur Wissenschaftsgeschichte veröffentlichten Artikel noch zu dem Schluss, dass sich unser Wissen alle 100 Jahre verdoppelt, so spricht der Informatik-Professor Klaus Haefner in seinem Buch "Mensch und Computer im Jahre 2000" schon von einer Verdopplungszeit von wenigen Jahren. Haefner beschreibt allerdings nicht Wissen, sondern (vor allem auch auf Computern) gespeicherte Information.

Alles wissenschaftlich schwer einzuschätzen. Im Zeitalter von Google, Facebook, Twitter &Co. verwende ich gerne die Formulierung "kommunizierte Information". Fake-News-Wellen oder so mancher prominenter Twitter-Account bezeugen, wie schwierig es heute geworden ist, herauszufiltern, was von all dieser Information/Kommunikation, die sich vielleicht mittlerweile sogar schon täglich verdoppelt, überhaupt noch brauchbar oder sogar richtig ist.

GERICHTETE UND UNGERICHTETE BILDUNG. Für vorhersehbare Zukunftsfragen könnte die Lösung in entsprechend gerichteter Bildung zu finden sein. Wenn ich heute weiß, was morgen gebraucht wird, kann ich die Bildung der nächsten Generation darauf ausrichten. Lesen, Schreiben, Rechnen, eine Fremdsprache wären nur ein paar Beispiele, die uns als unverzichtbares Rüstzeug für die Zukunft einfallen. Oder wenn es zum Beispiel stimmt, dass die Zukunft den MINT-Fächern gehört, dann scheint ja alles klar zu sein. Aber stimmt es wirklich?

Denn auch wenn es heute als vorhersehbar erscheint, kann sich morgen das Blatt schon wenden. Länder mit zum Beispiel großen Erdölreserven können Innovationen einfach kaufen, in der Textilbranche etwa gibt es immer noch Niedriglohnproduktion, aber für mich als Wissenschaftler verläuft der spannendste Weg in die vorhersehbare, aber vor allem auch in die unvorhersehbare Zukunft natürlich über das Entwickeln eigener neuer Ideen und Innovationen.

Wir brauchen junge Menschen, die die alten Wege kennen, aber auch immer wieder bereit sind, sie zu verlassen, um neue zu gehen. Dafür braucht es neben gerichteter Bildung auch viel ungerichtete Bildung, breiteres Wissen, Kompetenzentwicklung, intra-und interpersonale Intelligenz (nach dem amerikanische Psychologen Howard Gardner), Kreativität, Flexibilität, Individualität, Motivation, Problemlösungsbereitschaft und vieles mehr. Was heute als "Orchideenfach" bezeichnet wird, kann morgen die Lösung für unvorhergesehene Probleme liefern. Und für all das gilt: Mehr als Schwächen bekämpfen sollten wir Stärken stärken.


Die richtige Mischung aus Flexibilität und Sicherheit wird in ganz vielen verschiedenen Bereichen der Wind sein, mit dem wir erfolgreich in die Zukünfte segeln.

Wie für das Wechselspiel von angewandter (gerichteter) Forschung und Grundlagenwissenschaft (ungerichtet?) gilt auch für gerichtete und ungerichtete Bildung nicht "entweder-oder", sondern "sowohl-als-auch" - auch weil eine strikte Trennung überhaupt nicht möglich ist und die Übergänge fließend sind.

Zur Veranschaulichung dieses Wechselspiels verwende ich gerne das Schachtelwort Flexicurity (bestehend aus "flexibility" und "security"). Dieser Begriff - ursprünglich vom niederländischen Soziologen Hans Adriaansens erstmals verwendet - wird seit vielen Jahren zur Beschreibung eines von Ton Wilthagen erarbeiteten Modells der Arbeitsmarktpolitik, das den Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern (Flexibilisierung des Kündigungsschutzes) und Arbeitnehmern (Beschäftigungssicherheit) organisiert, verwendet. Die richtige Mischung aus Flexibilität und Sicherheit wird in ganz vielen verschiedenen Bereichen der Wind sein, mit dem wir erfolgreich in die Zukünfte segeln.

EINE ENTSPRECHENDE ETHISCHE AUSEINANDERSETZUNG UND MUT. Um all die Fortschritte der digitalen Revolution für die Menschen positiv nutzbar zu machen, sind entsprechende ethische Abwägungen dieser Entwicklungen unverzichtbar. Der Politik ist daher anzuraten, Beratungsgremien einzusetzen, die sich auch den ethischen Fragestellungen aller Aspekte der vierten industriellen Revolution widmen.

Und trotzdem: Der schlechteste Ratgeber für die Zukunft ist Angst. Seneca (der Erzieher Neros, der mit dem großen Brand in Rom in Verbindung gebracht wird - so einen Schüler muss man einmal haben) wird folgendes Zitat zugeschrieben: "Sehr kurz und voller Sorgen ist das Leben derer, die das Vergangene vergessen, das Gegenwärtige vernachlässigen und vor der Zukunft Angst haben."

Auch wenn die Beobachtungen von Konrad Lorenz und seinem Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt an künstlich oder von Hühnerglucken ausgebrüteten Enten zeigen, dass ein Entlein trotz der Bemühungen, es vom Wasser wegzulocken, ins Wasser geht und schwimmen kann - die Forscher sprachen von angeborenem Können -, so wissen wir doch, dass die Talente der Menschen entdeckt, gefördert und durch Übung entwickelt werden müssen. Der Mensch ist auf seine Gene nicht reduzierbar.

Gene sind nur Bleistift und Papier, die Geschichte schreibt jeder selbst (dieses von mir erweiterte Zitat geht auf den Verhaltensgenetiker Dean Hamer zurück, der neben seinen vielen wissenschaftlichen Errungenschaften auch für so manche umstrittene Theorie zu genetischen Veranlagungen des Menschen bekannt wurde).

Wie aber sollen die Talente der nächsten Generation erblühen, wenn die Generationen darüber ihnen Angst vor der Zukunft machen? Ist diese Angst vor der Zukunft nicht eigentlich unbegründet, weil die Fragen der Zukunft eigentlich Fragen der Gegenwart sind, nur zu einer anderen Zeit? Sind viele Probleme, vor denen man sich während den industriellen Revolutionen 1.0, 2.0 und 3.0 gefürchtet hat, nicht heute schon gelöst?

Um Antworten auf die Fragen der Zukunft entwickeln zu können, braucht es in der Gegenwart Mut - Mut, neue Wege einzuschlagen!


Über den Autor

MARKUS HENGSTSCHLÄGER (49) ist u. a. Vorstand des Instituts für Med. Genetik der MedUniWien, sitzt in verschiedenen Aufsichtsräten, ist stellv. Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Leiter des Thinktanks Academia Superior, Autor von drei Platz-eins-Bestsellern. Er wurde einst als 35-Jähriger zum jüngsten Uniprofessor für Medizinische Genetik berufen. Mitte Jänner 2017 erhielt er das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik.

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