Robin Lumsden: Neues vom großen Meister Francis Fukuyama

Robin Lumsden: Neues vom großen Meister Francis Fukuyama

Der Wiener Anwalt Robin Lumsden (li.) mit dem Politologen und Bestsellerautor Francis Fukuyama am Campus in Stanford.

Francis Fukuyama, der intellektuelle Superstar der USA, war jüngst zu Gast bei Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen. Der Wiener Rechtsanwalt Robin Lumsden, der als Teilnehmer an einem MBA-Programm in Stanford regelmäßig für den trend schreibt, hatte zuvor mit dem Politologen und Bestsellerautor diskutiert.

Er war und ist einer der meistzitierten Politik- und Sozialwissenschaftler der Welt und in den USA ein intellektueller Superstar: Francis Fukuyama hat 1992 in seinem Bestseller "Das Ende der Geschichte" den Verlauf der Geschichte als zielgerichtete Aneinanderreihung von Geschehnissen charakterisiert und damit den Zeitgeist der damals im Aufstieg befindlichen Neokonservativen nicht nur in den USA geprägt: Mit dem Zerfall des Ostblocks nähere man sich dem "Ende der Geschichte", jeder Totalitarismus sei am Ende, die weltweite Durchsetzung des Liberalismus in Wirtschaft und Politik unaufhaltsam. Die Weltwirtschaftskrisen, die nationalistischen und protektionistischen Widerstände gegen die Globalisierung und der terroristische Islamismus haben diese These relativiert.

Der Autor hat in seinem neuen Buch "Identität" eine Neuinterpretation versucht: Er habe das "Ende der Geschichte" nur als Frage formuliert, infolge der großen Finanzkrisen der letzten 20 Jahre sei der "Hang zur Demokratie" in eine "globale Rezession" übergegangen, die Macht in die Hände partikularer "Interessengruppen" gewandert, am sichtbarsten durch die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA und den Ausstieg Großbritanniens aus der EU. "Das Verlangen nach Anerkennung der eigenen Identität vereint als Leitmotiv vieles von dem, was sich heutzutage in der Weltpolitik abspielt."

In einer Politik-Klasse von Stanford kann ich regelmäßig mit diesem berühmten Francis Fukuyama diskutieren: Wir treffen uns dieses Semester zweimal die Woche mit 20 Studenten, einmal wöchentlich gibt es den Diskurs "one on one". Meist gibt er mir ein Buch zum Lesen mit, welches wir eine Woche später diskutieren. Diese Woche neben seinem Buch über "identity politics" auch die Frage, warum die Parteien der USA in den letzten Jahren so stark polarisieren.

Mit extremen Positionen zum Sieg

Ich bereite aus einigen Datensätzen (wir bekommen in Stanford alle Daten, die wir wollen) einige " Regressionsanalysen" vor (wissenschaftliche Analysen auf statistischer Wahrscheinlichkeitsberechnung) und versuche, meine zentrale These zu begründen: Republikaner und Demokraten sind von ihrer früheren Bemühung, sich politisch in der "Mitte" ansiedeln zu müssen, abgewichen.

Warum? Die parteiinternen Vorwahlen ("Primaries") sind so umkämpft, dass sich ein Kandidat nur mit extremen Positionen durchsetzen kann, um in seiner Partei Aufmerksamkeit zu gewinnen. Nach dem parteiinternen Sieg ist jedoch ein späteres Abweichen von dieser Extremposition nicht mehr möglich. Fukuyama unterstützt diese These aus soziologischer (seine Eltern waren beide berühmte Soziologen), geschichtlicher und datenbasierter Sicht.

In diesem Zusammenhang warnt Fukuyama auch vor Trump, insbesondere vor seinem fehlenden Respekt vor Gewaltenteilung. Trump glaube, dass FBI, die Gerichtshöfe, Richter, Staatsanwälte und der Kongress nur für ihn zu arbeiten hätten. Diese Behörden seien aber auch da, um den Präsidenten zu kontrollieren. Von der von Trump verkündeten Verhängung des nationalen Notstandes hält Francis naturgemäß wenig und stellt uns Studenten die Frage, an welche Epoche der Geschichte diese Maßnahme erinnern könnte und ob eine Polarisierung unserer Gesellschaft auch solche Ausmaße annehmen könnte.



Der ,Hang zur Demokratie' erlebt eine ,globale Rezession'
Francis Fukuyama

In diese Diskussion bringe ich unsere österreichische Situation ein: Nach einigen grauenvollen Frauenmorden würden nun bisweilen auch Teile unserer Verfassung und internationalen Rechts infrage gestellt. Es müsste nur ein mittelgroßer Terroranschlag stattfinden und schon geraten wir - ähnlich wie die USA nach 9/11 - an die Grenzen unseres Vertrauens in unsere Verfassung. Auch der Law-and-Order-Kurs mit härteren Strafrechtsgesetzen erinnert mich an die USA, geholfen hat dort diese medial gut "verwertbare" Härte nichts: In den USA sitzen mehr Menschen im Gefängnis als in jedem anderen westlichen Land und die Menschen fühlen sich subjektiv noch viel unsicherer. Es wäre wohl effizienter, mehr Geld in Staatsanwaltschaften und Ermittlungsbehörden zu stecken und ihnen zivile Experten zur Seite zu stellen.

In den USA haben bereits jetzt, mehr als eineinhalb Jahre vor der nächsten Präsidentschaftswahl, das demokratische Wettrennen begonnen, wer die besten Chancen gegen Trump haben könnte. An seiner neuerlichen Nominierung durch die Republikaner ist kaum zu zweifeln. Gerade hier in Kalifornien gilt derzeit die Senatorin Kamala Harris als heißer Tipp, Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners. Sie war jahrelang Attorney General (Justizministerin und oberste Staatsanwältin). Sie ist smart, sehr populär und wird eine volle Kriegskasse für die Primaries und dann auch für einen Kampf gegen Trump haben. Sie ist sehr schwer von den Republikanern zu attackieren, weil sie durch ihr früheres Amt auch einen vernünftigen Law-and-Order-Kurs symbolisieren kann.

Genug von Populismus ohne Expertise

Auch sie kommt in Stanford vorbei und erklärt ihren Zugang zu "faktenbasierender Politik". Seit sie ihre Kandidatur für die Präsidentschaft erklärt hat, füllt sie im ganzen Land Hallen mit ihren Unterstützern. Mit griffigen Slogans: von "Fearless = Angstfrei" zu "Know Your Values = Kenne deine Werte" zu "For the People". Ihre Kandidatur baut auf der mutigen und vielleicht zu optimistischen Theorie auf, dass die Wähler bald genug von Populisten ohne Expertise haben.

Sie wirkt extrem smart und charismatisch. Ich sprach mit ihr über die EU und Österreich: Sie kennt sich sehr gut aus mit der Situation und Geschichte in den deutschsprachigen Ländern und sie kennt sogar fünf der neun Bundesländer. Zum Vergleich: wie viele unserer Politiker wissen überhaupt, wie viele Bundesstaaten die USA haben? Übrigens: Trevor Traina, der US-Botschafter in Wien, hat ja die Visite des Bundeskanzlers bei Trump eingefädelt und entsprechend euphorisch kommentiert ("der historisch wichtigste Besuch").

Er hat wie ich in Berkeley studiert, wir sind über die Uni eng verbunden. 2018 in Alpbach hat er mir bei einem Abendessen bereits angekündigt, dass er Kurz bald mit Trump in Verbindung bringen wird. Trainas Familie hat aber auch schon den Wahlkampf Arnold Schwarzeneggers in Kalifornien mitfinanziert, der heute einer der schärfsten Kritiker Trumps ist. In diesem Punkt ist man in den USA pluralistischer: Die meisten Unternehmer sponsern regelmäßig Kandidaten beider Großparteien.


Zum Autor

Robin Lumsden , 42, ist Anwalt in Wien und auch in New York und Washington, D.C. zugelassen. Er ist Co-Founder eines Stanford-Fonds, Generalkonsul von Jamaika und Absolvent der Eliteunis Stanford und Berkeley.



Kommentar
Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

Standpunkte

Der Kanzler bleibt unter seinen Möglichkeiten

Kommentar
Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer von Horváth & Partners

Management Commentary

Wie Unternehmen in Ungarn jetzt profitieren

Kommentar
Peter Pelinka

Standpunkte

Peter Pelinka: It's the communication, stupid!