Der talentierte Lehrling und seine Feinde

Der talentierte Lehrling und seine Feinde

Andreas Salcher - Bildungsexperte

Gastkommentar. Die Lehrlingsausbildung als nächster Bildungsnotstand: wie drei Vorarlberger Topunternehmen dennoch zu guten Lehrlingen kommen.

DER VATER von Leonardo di ser Piero zeigte dessen Zeichnungen Andrea del Verrocchio, der die künstlerische Begabung des Jungen erkannte und ihn in seine Werkstatt aufnahm. In seinem Atelier lernte und arbeitete der junge Mann etwa von 1470 bis 1477. Das wohl größte Universalgenie der Menschheit, Leonardo da Vinci, startete seine Karriere als Lehrling.

Machen wir nun einen Zeitsprung aus dem Florenz des 15. Jahrhundert nach Österreich im Jahr 2016. Wie steht es um die viel beworbene "Karriere mit Lehre"? Leider zeigen in den letzten zehn Jahren alle Indikatoren nach unten, mit Ausnahme der Kosten.

Die Leistungen, vor allem in der immer größer werdenden Risikogruppe Kinder bildungsferner Schichten, sind auf ein erschreckendes Niveau abgesunken. Die Feinde des talentierten Lehrlings sind schnell aufgezählt: Jeder fünfte 15-Jährige kann nach neun Jahren (!) Pflichtschule nicht sinnerfassend lesen und scheitert an einfachsten Mathematikaufgaben. Acht von zehn Bewerbern um eine Lehrstelle scheitern ungeachtet eines positiven Hauptschulabschlusses bei den Aufnahmetests, die mittlerweile fast alle Unternehmen durchführen.

Selbst von jenen, die eine Lehrstelle bekommen, schafft dann jeder Fünfte die Lehrabschlussprüfung nicht. Wenn Schüler nach neun Schuljahren die Fläche eines Quadrates nicht ausrechnen können, dann stimmt etwas nicht. Und das liegt sicher nicht daran, dass die Schüler zu "blöd" für das Schulsystem sind. Von Peter Drucker stammt das kluge Zitat: "Wann immer Sie einen hervorragenden Menschen gegen ein schlechtes System antreten lassen, wird immer das schlechte System gewinnen."


Bie Hilti zählen Schulnoten nicht mehr. Es zählen ausschließlich Motivation und Persönlichkeit.

Wie reagieren Unternehmen auf die bekannten Missstände in unserem Bildungssystem? Vor einigen Wochen habe ich internationale Topunternehmen wie Hilti, den Bewegungssystemspezialisten Grass und das Bauunternehmen Wilhelm+Mayer in Vorarlberg besucht, weil ich das Lehrlingsthema in der Bildungsdiskussion für völlig vernachlässigt halte.

Diese drei Unternehmen in Vorarlberger sind für ihre exzellente Lehrlingsausbildung bekannt und haben gelernt, mit der immer schlechter werdenden Qualifikation der Schulabgänger zu leben.

So müssen Weltklasseunternehmen, die täglich im Wettbewerb stehen, klassische Aufgaben der Schule wie die Vermittlung von mathematischen Grundkenntnissen übernehmen. Hilti hat sich entschlossen, überhaupt nicht mehr auf Schulnoten der Lehrstellenbewerber zu achten. Es zählen ausschließlich Motivation und Persönlichkeit. Die wird in intensiven "Schnuppertagen" herausgefunden, an denen die Bewerber in Gruppen gemeinsam ein Produkt herstellen. Die Besten erhalten eine maßgeschneiderte Ausbildung in der soziale Kompetenzen und Vermittlung von technischem Fachwissen eine zentrale Rolle spielen. Sie müssen sich um ihre Zukunft in der digitalen Welt keine Sorgen machen.

DIE UNTERSTÜTZUNG durch die Berufsschulen sehen die Unternehmen sehr differenziert. Sie reichen von hoher Zufriedenheit, wenn sich Direktoren und Lehrer mit den Anforderungen der Unternehmen proaktiv auseinandersetzen, bis zu verlorener Zeit, wenn praxisferne Lehrer auf unmotivierte Schüler treffen. Ein Lehrlingsausbildner hat mir erzählt, dass seine Lehrlinge teilweise nach den gleichen "Zetteln" lernen müssen, die er selbst als Lehrling vor 15 Jahren bekommen hat.

Daher greifen Unternehmen auf externe Experten wie Martin Dünser zurück, der mit seinem Unternehmen get up! fachpraktische Weiterbildung für Lehrlinge im Unternehmen maßgeschneidert anbietet und damit auf große Nachfrage stößt.

Auf Initiative des Gewerkschafters Norbert Loacker hat eine Vorarlberger Wirtschaftsdelegation mit Martin Dünser und dem Erfinder des "Blum-Bonus", Egon Blum, versucht, Bundeskanzler Kern auf die immer schlechteren Rahmenbedingungen für die duale Ausbildung hinzuweisen. Vor allem in Ostösterreich steigen Betriebe aus der Lehrlingsausbildung aus, weil sie nicht "Ersatzschule" spielen wollen.

Fazit: Ist es im zweitteuersten Schulsystem der EU zu viel verlangt, dass sich Unternehmen zumindest darauf verlassen können, dass Schulabsolventen lesen, schreiben und rechnen können?


Zur Person

Andreas Salcher Der Bildungsexperte und Bestsellerautor ist Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule und regelmäßiger trend-Autor.

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