Die Kraft der Schrittmacher

Gastkommentar von Antonella Mei-Pochtler: Start-ups sind wichtige Impulsgeber für die österreichische Wirtschaft. Wachstum und Arbeitsplätze, entstehen aber überwiegend abseits des Rampenlichts.

Antonella Mei-Pochtler - Senior-Partnerin The Boston Consulting Group (BCG)

Antonella Mei-Pochtler - Senior-Partnerin The Boston Consulting Group (BCG)

ÖSTERREICH WÄCHST NICHT GENUG. Der Arbeitsmarkt ist angespannt, die Stimmung durchwachsen. Nach wie vor hinkt unser Wirtschaftswachstum dem Durchschnitt der Eurozone hinterher, rund eine halbe Million Österreicher sind aktuell auf Jobsuche, eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Positive Signale sind derzeit besonders willkommen. So werden zu recht Start-ups "Made in Austria" besonders gefeiert, nur gibt es leider zu wenige davon. Als wichtige Impulsgeber können sie das ersehnte Wachstum beflügeln, nur die erhofften neuen Arbeitsplätze bringen sie bestenfalls mittelfristig.

Die gute Nachricht: So spannend die Gründerstorys sind, das wahre Wachstum in Österreich entsteht überwiegend abseits des Rampenlichts. Und es sind nicht immer die zu erwartenden Big Names, die sich auf der Liste der heimischen Wachstumschampions befinden, sondern fokussierte Spezialisten, die in den letzten zehn Jahren rasant hochskaliert haben. Wir nennen sie Scale-ups.

In einer derzeit laufenden BCG-Studie haben wir uns auf die Suche gemacht: 17 Prozent der größten österreichischen Unternehmen über 100 Millionen Euro Umsatz in 2014 haben seit 2006 ihren Umsatz mehr als verdoppelt. Mit einer jährlichen Wachstumsrate von im Schnitt zwölf Prozent ließen sie die Vergleichsgruppe mit jeweils drei Prozent weit zurück.

Noch beeindruckender ist ihr Einfluss auf den Arbeitsmarkt: Im Schnitt haben sie dreimal so viele Arbeitsplätze geschaffen wie ihre Peers. Es dominieren klassische Industriebranchen wie Automotive, Maschinenbau und Papier. Tourismus schafft es auf Platz vier. Diesen Unternehmen haben wir den Wohlstand und das hohe Lohnniveau zu verdanken. Sie sind die wahren "Schrittmacher" der österreichischen Wirtschaft.

Es gibt aber gleich zwei schlechte Nachrichten: Es wachsen davon zu wenige nach, und die nächste Wachstumsstufe ist ungewiss. Den Schritt vom Scale-up zum globalen Großunternehmen, also Step-up, schaffen nur wenige. Im "Forbes"-Ranking gibt es 2016 nur acht österreichische Unternehmen (in Schweden waren es immerhin 23). Unter den von uns identifizierten Wachstumschampions haben nur zwölf Unternehmen die Milliardengrenze 2014 überschritten, die Mehrzahl davon ist in privater, inländischer Hand.

WARUM IST DIES PROBLEMATISCH? Eine erfolgreiche Wirtschaft benötigt genauso wie jedes Unternehmen ein ausgewogenes Portfolio aus Start-ups, die neue Ideen und Geschäftsmodelle lancieren, Scale-ups, die diese industrialisieren, hochskalieren und globalisieren, Step-ups, die in die globale Topliga aufschließen und zu Zugpferden für Professionalisierung, Innovation, Investitionen und Arbeitsplätze werden. Und schließlich muss es auch eine vierte Kategorie geben: Unternehmen, die dem Wettbewerb zum Opfer fallen, ganz im Sinne der Schumpeter'schen kreativen Zerstörung.

Dafür braucht es wirtschaftspolitisches und unternehmerisches Wollen und Können. Tun wir dafür genug? Der Anteil der Start-ups ist im internationalen Vergleich immer noch gering, aber zumindest wurde erkannt, dass gerade mehr Risikokapital und globale Vernetzung Wirkung zeigen.

Für Step-ups und Headquarters malen die (schlechten) Zahlen kein positives Bild: gab es 2003 rund 300 internationale Headquarters im Lande, so sind diese in den letzten zehn Jahren massiv zurückgegangen. Und gerade für die Hidden Champions, die die tragende Säule der heimischen Wirtschaft darstellen, sollte mehr getan werden, um deren Wettbewerbsfähigkeit und Ertragskraft zu stärken, die intelligente Wertschöpfung im Land zu behalten und sie beim Durchbrechen der gläsernen Milliardendecke zu unterstützen.

Ein gewisser Teil wird vor allem beim Generationswechsel an einen Verkauf denken, dennoch ist die beste Form der Absicherung die Transformation in eine professionell geführte, international aufgestellte Kapitalgesellschaft, die attraktiv für die besten Talente ist, Zugang zu den besten Finanzierungsquellen hat und genug Kapital bilden kann, um die Wachstumsanstrengungen und Risiken zu schultern.

Denn die Herausforderungen sind groß: ob Autonomisierung in der Fahrzeugindustrie oder Digitalisierung und künstliche Intelligenz in Entwicklung, Verkauf und Produktion - wir müssen alles tun, damit unsere Schrittmacher nicht aus dem Takt geraten und mit den global Besten Schritt halten können.

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