Konrad Paul Liessmann - Eine kleine Philosophie der Sicherheit

Konrad Paul Liessmann - Eine kleine Philosophie der Sicherheit

Essay. Philosoph Konrad Paul Liessmann über die schwierige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit - und den produktiven Wettlauf zwischen Kriminellen und den Herstellern von Sicherheitstechnik.

Es gibt kaum eine Redewendung, die die Ambivalenz unseres Sicherheitsdenkens so schön zum Ausdruck bringt wie: hinter Schloss und Riegel. Auf der einen Seite versuchen wir, jene Wesen, die uns gefährlich werden können und in unserer Sicherheit bedrohen, hinter Schloss und Riegel zu bringen, also aus unserem alltäglichen Leben zu entfernen.

Auf der anderen Seite aber bringen wir uns selbst hinter Schloss und Riegel, wenn wir unsere Türen aufwendig versperren, Überwachungskameras installieren und Firewalls aller Art errichten, um unseren Besitz und unseren Anspruch auf Sicherheit zu befriedigen. Ausbruchsichere Gefängnisse korrespondieren sicherheitstechnisch mit einbruchsicheren Häusern.

Der Mensch ist ein seltsames Wesen . Immer schwankt er zwischen gegensätzlichen Ansprüchen, Wünschen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten. Er will, zum Beispiel, frei sein, sich ins Offene, Unbekannte, ja, auch ins Gefährliche hineinbegeben, er sucht das Risiko, den Nervenkitzel auf Reisen, im Extremsport, beim ungeschützten Sex, im Spielkasino, im provokanten Denken und im unkonventionellen Handeln. Derselbe Mensch aber sehnt sich nach Verlässlichkeit, Kontinuität, geschützten Räumen, bekannten Umgebungen, gefahrlosen Bewegungen, einem ruhigen Schlaf, kurz: Er sehnt sich nach Sicherheit.


Nichts stört und zerstört das Lebensgefühl von Menschen so sehr wie der Eindruck, nicht mehr sicher zu sein.

Sicherheit und Freiheit lassen sich auch als grundlegende Bedürfnisse beschreiben, die ein Spannungsverhältnis darstellen, das nie in die eine oder andere Richtung vollständig aufgelöst werden kann. Freiheit bedeutet immer auch Unsicherheit, Sicherheit bedeutet immer auch Kontrolle.

Moderne Kulturen und Gesellschaften sind durch dieses Spannungsverhältnis grundsätzlich gekennzeichnet, das Wechselspiel von Sicherheit und Freiheit durchzieht von intimen Verhältnissen bis zu den Einrichtungen des Staates unser Zusammenleben, es beherrscht unser politisches Denken, emotionales Fühlen und soziales Handeln.

Natürlich: Wir schätzen die Freiheit - aber das damit verbundene Risiko darf nicht zu groß sein. Im Ernstfall verzichten wir lieber auf die eine oder andere Freiheit, wenn damit ein Mehr an Sicherheit verbunden ist. Auch entwürdigende Kontrollen und Beobachtungen lassen wir ergeben über uns ergehen, wenn es der Sicherheit dient. Nichts stört und zerstört das Lebensgefühl von Menschen so sehr wie der Eindruck, nicht mehr sicher zu sein. Ob dieser Eindruck den Befunden der Kriminalitätsstatistik standhält oder auch Ausdruck von politisch motivierten und geschürten Ängsten ist, ist für die subjektive Befindlichkeit eher zweitrangig.

Wir dürfen uns keine Illusionen machen: Sicherheit gehört zu den grundlegendsten Bedürfnissen der Menschen. Politische Ordnungen, von kleinen Stammes-, Dorf- und Jagdgemeinschaften, wie sie bereits in der frühesten Zeit der menschlichen Zivilisation bestanden haben, über die ersten Formen von Territorialherrschaften und staatsähnlichen Gebilden bis hin zu unserer modernen öffentlichen Struktur mit Städten, politischen Verwaltungen, Polizei und den damit verbundenen komplexen Sicherheitstechnologien, wurzeln zu einem wesentlichen Teil in diesem Bedürfnis.

Sicherheit ist eine zutiefst emotionale Angelegenheit, Unsicherheitsgefühle sind nur schwer zu beseitigen. Diese äußern sich als Furcht, als Angst. Die Investitionen des Menschen in Sicherheitssysteme und -technologien aller Art verdanken sich dieser Angst. Das Versprechen von Sicherheit soll die Ängste bannen, das unheimliche Gefühl, Gefahren mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert zu sein, soll beruhigt werden.

Die Unsicherheitsgefühle lassen sich auf drei ursprüngliche, existenzielle Ängste des Menschen zurückführen, die bis heute - mitunter ist uns das gar nicht mehr bewusst - das Sicherheitsdenken bestimmen. Am Beginn steht wohl die Angst vor der Natur. Diese war über Jahrhunderttausende für den Menschen eine bedrohliche Wildnis, ein unbeherrschbarer Raum, in dem man überleben musste.

Ein Großteil dessen, was wir Zivilisation nennen, hatte den Sinn, die Natur zu entschärfen, zu zähmen. Wir wollen in einer Weise leben, dass wir uns vor wilden Tieren, Dunkelheit, Kälte, Hitze, Stürmen, Gewittern und Unwettern, Dürren und Überschwemmungen nicht mehr fürchten müssen. Die durch Technik gezähmte, von Wildtieren gesäuberte Natur ist deshalb zum Inbegriff einer sicheren Landschaft geworden, die man mehr oder weniger gefahrlos durchwandern kann. Wenn wir in dieser Natur noch die Gefahr oder das Risiko - etwa bei Skiabfahrten oder im Alpinismus - suchen, dann soll das Ausdruck unserer Überlegungen und unseres Willens sein, nicht die Natur an sich.

Die Angst vor der Natur sitzt noch immer tief. Die aktuelle Debatte um die Wiederansiedlung von Wölfen in Mitteleuropa zeigt dies. Wir wollen potenziell gefährlichen Tieren nicht hilflos gegenüberstehen. Es geht dabei wohl weniger um den Schaden, den die Wölfe anrichten können, als vielmehr um diese fundamentale Verletzung eines menschlichen Sicherheitsbedürfnisses.

Städte erleben wir zum Beispiel als bewohnbare Räume dieser gezähmten Natur, die keine Gefahr mehr darstellen darf. Deshalb sind wir besonders beunruhigt, wenn auch moderne Städte Opfer von Naturkatastrophen, von Feuer, Überschwemmungen, Stürmen und Erdbeben werden können.

Allerdings: Genau jene Technologien, die wir auch einsetzen, um die Natur zu zähmen und uns in ihr rasch und bequem zu bewegen, können dazu beitragen, dass Natur wieder als Gefahr, als Unsicherheitsfaktor empfunden werden muss. Die Debatte um Schadstoffkonzentrationen in der Luft und wie man ihnen begegnen kann, zeugt ebenso davon wie die Auseinandersetzungen um die Klimaveränderung, die wir als bedrohliches Resultat unserer industriellen Bearbeitung der Natur erkennen müssen.

Die zweite große Angst gilt aber unseren Artgenossen, den anderen Menschen. Unter bestimmten Umständen fürchten wir uns vor unsresgleichen. Der Mensch, so formulierte es der Philosoph Thomas Hobbes schon im 17. Jahrhundert, ist dem Menschen ein Wolf. Wir müssen uns selbst gegenüber unseren Artgenossen zähmen. Eigentumsdelikte, kriminelle Akte, Vergewaltigungen, Missbrauch, Aggressivität im Straßenverkehr, Gewalt in der Familie, Terror, Krieg - all das beunruhigt und verunsichert uns.

Der Staat, so Thomas Hobbes, hat deshalb keine andere Aufgabe, als die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Ist er dazu nicht mehr imstande, hat er seine Legitimität verloren. Es verwundert deshalb wenig, dass Sicherheitsfragen in Wahlkämpfen regelmäßig eine entscheidende Rolle spielen. Um uns auch nur einigermaßen sicher fühlen zu können, investieren wir in eine aufwendige und teure Sicherheitsinfrastruktur, die von Sicherheitsschlössern über sichtbare Polizeipräsenz bis zur lückenlosen Videoüberwachung reicht. Einerseits sollen diese Strategien unsere Ängste beruhigen, andererseits sind sie aber auch Ausdruck dieser Ängste.

Thomas Hobbes vertrat die umstrittene Ansicht, dass das Leben der Menschen im Naturzustand einem Krieg aller gegen alle gleiche. Dieser Krieg muss nicht immer mit Waffengewalt ausgetragen werden, auch das prinzipielle Misstrauen, mit dem wir unseren Zeitgenossen begegnen, könnte als permanente Verteidigungsbereitschaft aufgefasst werden.

Wer davon ausgeht, dass er nicht einmal den Bewohnern seines Hauses oder seinen Nachbarn trauen kann und deshalb Fenster und Türen immer fest verschließt, befindet sich nach Hobbes in diesem Zustand. Das technisch hochgerüstete Schloss an der Tür und der elektronisch verschlüsselte Schlüsselchip in der Hand erscheinen unter dieser Perspektive als Defensivwaffen - so wie Zäune, Grenzen, Mauern und Befestigungen auch. Durchdringt jemand aber diese Barrieren, führt dies neben den materiellen Verlusten und dem psychischen Schock zu jener Mischung aus Angst, Ärger, Wut und Verunsicherung, die nur schwer zu beruhigen ist und nicht nur die Debatten über Eigentumsdelikte grundiert, sondern auch zur Verstärkung einer Misstrauenskultur führt, die Menschen auch in einem nicht technischen Sinn zur Haltung der Verschlossenheit tendieren lässt. Sich vor Augen zu führen, dass das, was einem widerfahren ist, nicht die Regel, sondern ein Einzelfall gewesen war, ist nicht ganz einfach. Sicherheitspolitik hat deshalb auch die Aufgabe, verlorenes Vertrauen wieder herzustellen.

All das gilt nicht nur für die physische, sondern auch und in zunehmendem Maße für die virtuelle Welt. In dieser spielen Sicherheitsaspekte - Passwörter, Codes, Verschlüsselungen, Firewalls - eine entscheidende Rolle. Wer nicht imstande ist, seine sensiblen Daten zu sichern, wird keine ruhigen Nächte verbringen. Der Cyberwar, der Krieg aller gegen alle, ist im virtuellen Raum des Internets und der sozialen Medien voll im Gange. Jede Nachricht, die man bekommt, könnte ein krimineller Versuch sein, uns auszuspähen und zu schaden. Dagegen muss man sich wehren!

Das Misstrauen ist deshalb zu einer auch von offiziellen Seiten bestärkten und empfohlenen Tugend geworden, die dank der Hilfe der Sicherheitsindustrie auch verwirklicht werden kann. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Den diversen Empfehlungen zur Kreation sicherer Passwörter etwa kann man eine gewisse Originalität ja kaum absprechen, so wie das Passwort, seine Speicherung und Verwaltung ja selbst zu einem eigentümlichen Element der modernen Kommunikationskultur geworden ist.

Ihre wahre innovative und kreative Kraft gewinnt die Sicherheitsindustrie deshalb als Reaktion auf die kriminellen Energien, die unsere Eigentums- und andere Grenzen widerrechtlich überschreiten wollen. Der Wettlauf zwischen den Anbietern von Sicherheitssystemen und den Kriminellen, die diese "knacken" wollen, gehört wohl zu den produktivsten und kreativsten Sektoren unserer Gesellschaft. Niemand geringerer als Karl Marx hat dies schon festgehalten, wenn er sich einmal -nicht ohne Zynismus - fragte: "Wären Schlösser je zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehn, wenn es keine Diebe gäbe? Wäre die Fabrikation von Banknoten zu ihrer gegenwärtigen Vollendung gediehn, gäbe es keine Falschmünzer?"

Und aus gegenwärtiger Perspektive ist man geneigt, darauf hinzuweisen, dass die Versuche, absolut sichere Verschlüsselungstechnologien für Daten zu entwickeln, um diese dem Zugriff Unbefugter zu entziehen, zu den entscheidenden Antrieben der modernen Quantenphysik gehören. Es ist -man kann das durchaus auch mit Bedauern feststellen - nach wie vor die Angst vor missliebigen Zeitgenossen und die Suche nach Sicherheit, die zu den großen Innovationsmotoren in unserer Gesellschaft zählt.


Die Prognoseindustrie, die uns regelmäßig mit Trends, Hochrechnungen und denkbaren Szenarien versorgt, ist eigentlich eine Sicherheitsindustrie.

Ab einem gewissen Punkt geht Sicherheit jedoch auf Kosten von Freiheit. Sicherheits- und Überwachungssysteme funktionieren natürlich umso besser, je weniger Chancen der Mensch hat, ihnen zu entgehen. Vor allem die Digitalisierung scheint hier ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen. Wenn die Datenspuren aller Bürger gesammelt und zentral verwaltet werden, kann niemand dem Auge des Staates entgehen. China experimentiert in großem Stil mit solchen Systemen, die vor allem eines versprechen: konformes Verhalten und dadurch mehr Sicherheit. Dies gilt, wenn auch noch in abgeschwächter Form, für manche Effekte der Smart Cities, die den gläsernen Bürger im Auge haben. Sie mögen Sicherheit demonstrieren, schränken die Menschen aber auch ein und tragen das Potenzial zu einer Kontrollgesellschaft in sich.

Vor allem in den letzten Jahren, seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, stellt sich immer wieder die Frage, wie viel an Freiheits-und Bürgerrechten die Menschen bereit sind aufzugeben, um ihre Sicherheitsbedürfnisse befriedigen zu lassen. Die schwierige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit zu finden und zu halten gehört zweifellos zu den großen politischen und technologischen Herausforderungen der nahen Zukunft. Die dritte große Angstquelle ist aber die Zukunft selbst. Denn diese kennen wir nicht. Das Unbekannte aber ist eine stete Quelle der Unsicherheit, es befeuert eine Angst, zu der sich durchaus auch die Lust auf das Neue gesellen mag. Gerade weil die Zukunft unbeherrschbar ist, setzen wir viel daran, sie zu ergründen, um dafür gewappnet zu sein.

Die Prognoseindustrie , die uns regelmäßig mit Trends, Hochrechnungen, wahrscheinlichen Entwicklungen und denkbaren Szenarien versorgt, ist eigentlich eine Sicherheitsindustrie. Sie soll uns die Angst vor der Zukunft nehmen und die Adaption und Einrichtung von Institutionen und Mechanismen ermöglichen, die Sicherheit für die unsichere Zukunft versprechen können. Wenn wir von sicheren Pensionen, sicheren Arbeitsplätzen oder sicheren Vermögens-und Geldanlagen sprechen, haben wir diese Antizipation der Zukunft im Auge.

Politik und Gesellschaft verstehen wir mitunter insgesamt als komplexe Sicherheitssysteme, die unsere individuelle und kollektive Zukunft garantieren sollen. Jeder Zweifel an dieser Garantie, jede Störung unserer Erwartungshaltungen, jede gravierende Abweichung von den Prognosen führt dann auch zu politischen Irritationen und dem Aufflackern von Gefühlen der Angst und der Unsicherheit. Manche würden dann am liebsten auch die Zukunft hinter Schloss und Riegel bannen, um vor Überraschungen gefeit zu sein. Das aber wird schwer möglich sein. Denn Leben bedeutet immer auch Veränderung, und Veränderung bedeutet stets auch Unsicherheit.

Der Wunsch des Menschen aber, den großen und kleinen Gefahren des Lebens zu entgehen und zu wissen, wo es sichere Räume gibt und wie man sie errichtet, der Wunsch, dass das Böse hinter Schloss und Riegel gehört und man selbst hinter Schloss und Riegel vor den Zugriffen des Bösen geschützt sei, gehört zu jenen zentralen Motiven menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns, die auch in Zukunft relevant sein werden.

Es bleibt aber die Hoffnung, dass es dem Menschen irgendwann möglich sein sollte, in Sicherheit zu leben, ohne dass er sich und das, was er sein Eigen nennt und was ihm wichtig ist, vor den anderen Menschen schützen, verbergen, verschlüsseln, versperren muss, weil er darauf vertrauen kann, dass er als Person so respektiert wird, wie er auch bereit ist, die anderen zu respektieren.


Zur Person

Konrad Paul Liessmann ist Philosoph und gefragter Kulturpublizist (Bücher u. a. "Theorie der Unbildung","Bildung als Provokation"). Sein Essay entstand anlässlich des Firmenjubiläums "100 Jahre EVVA".


Der Artikel ist dem trend-SPEZIAL zum EUROPÄISCHEN FORUM ALPBACH vom 14. August 2019 entnommen.

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