Konflikt und Kooperation: auf die richtige Dosis kommt es an

Konflikt und Kooperation: auf die richtige Dosis kommt es an

Martin G. Kocher - Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS)

Analyse. Warum gestalten sich gerade die Verhandlungen zu internationalen Klimaverträgen so schwierig? Warum wird die Sozialpartnerschaft in Österreich manchmal als Vorteil, manchmal als Problem gesehen? Wieso wollen viele Wählerinnen und Wähler klar positionierte Parteien, finden es dann aber eher abstoßend, wenn diese öffentlich über Inhalte streiten? Diese zentralen Fragen für das Zusammenleben hängen immer vom richtigen Maß an Konflikt und Kooperation in einer Gemeinschaft ab.

Alle Beteiligten werden durch Kooperation gemeinsam bessergestellt als ohne Kooperation, jeder Einzelne aber hat einen individuellen Anreiz, sich durch Nicht-Kooperation noch besser zu stellen - das ist die Definition eines sozialen Dilemmas.

Soziale Dilemmata treten in vielen Formen von menschlicher Interaktion auf: zum Beispiel wenn es um internationale Klimaschutzabkommen geht, bei der Verhandlung von Abrüstungsverträgen, bei jeglicher Teamarbeit, bei der Entscheidung, ob man zur Wahl geht oder nicht, bei der Entscheidung, ob man sich ein Ticket für den öffentlichen Verkehr kauft oder "schwarz" fährt (daher auch der Begriff: Schwarzfahrer-oder Freifahrerverhalten für diejenigen, die nicht kooperieren), und bei der Entscheidung, ob man seine Steuern ehrlich bezahlt oder nicht.

Die Allgegenwärtigkeit von sozialen Dilemmata in unserem täglichen Leben führt dazu, dass wir mit den Methoden, mit denen Kooperation als soziale Norm in solchen Dilemmata durchgesetzt werden kann, recht gut vertraut sind: das Bestrafen oder soziale Ächten von Nicht-Kooperation, die Koordination auf kooperatives Verhalten durch Kommunikation, aber auch das Belohnen von kooperativem Verhalten durch Lob, Geschenke oder andere positive Verstärkungen.

Gemeinschaften, die dazu in der Lage sind, Kooperation unter ihren Mitgliedern langfristig glaubwürdig durchsetzen, sind in der Regel wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich erfolgreicher.

Die Kooperationsneigung eines Individuums ist eng mit der Neigung zu Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit verwandt. Viele Studien zeigen, dass Vertrauen ein entscheidender Faktor für die soziale Interaktion in größeren Gruppen ist und mit wirtschaftlichen Erfolgsvariablen zusammenhängt.

Allerdings sind nicht alle Menschen gleich. Wenige versuchen fast immer zu kooperieren. Einige schielen fast immer nur auf den eigenen Vorteil (Freifahrer). Die größte Gruppe allerdings sind jene, die wir in der Verhaltensökonomik als "konditionale Kooperierer" bezeichnen: Sie kooperieren, wenn sie wissen oder erwarten, dass andere auch kooperieren.

Interagieren dann konditionale Kooperierer und Freifahrer wiederholt, nimmt die Kooperation in der Gruppe ab, wenn die Drohung von Sanktionen gegen Freifahrer nicht glaubwürdig ist. Woher die individuellen Unterschiede in der Kooperationsneigung kommen, zeigen erste Ergebnisse. Sowohl genetische Prädispositionen als auch Sozialisation und Erfahrungen scheinen eine Rolle zu spielen.

Junge Kinder sind übrigens nicht übermäßig kooperativ. Sie lernen erst im Rahmen von sozialen Interaktionen außerhalb der Familie, dass Kooperation und Vertrauen wichtig sind und auch aus individueller Sicht sinnvoll sein können.

Es ist ein zentrales Ziel der Politik, Kooperation auf internationaler Ebene, auf nationaler Ebene, aber auch in der Interaktion zwischen Politik beziehungsweise Verwaltung und Bürgerin und Bürger herzustellen.

Auf internationaler Ebene ist dies am schwierigsten zu bewerkstelligen, weil es keine übergeordnete Instanz gibt, die im Zweifelsfall Kooperation auch durchsetzen kann. Daher versuchen etwa Klimaoder Abrüstungsverträge, positive oder negative Sanktionen so festzulegen, dass ein Abweichen von der kooperativen Vereinbarung für einzelne Länder nicht lukrativ ist.

Allerdings gibt es wenige Möglichkeiten, ein Land zu sanktionieren, das einfach aus einem Vertrag austreten möchte. Eine der wenigen Optionen ist es, konditionale Angebote zu machen, im Sinne von (angewandt auf Klimaabkommen): Wenn die eine Seite bereit wäre, 30 Prozent der Treibhausgase einzusparen, wäre man bereit, auch 30 Prozent einzusparen.

Das Hauptaugenmerk der sozialwissenschaftlichen Literatur über mehr als ein halbes Jahrhundert lag auf den Voraussetzungen für das Aufbauen von Kooperation. Dazu zählen auch die Fragen, welche Anreize beziehungsweise Institutionen zur Kooperation führen und wie diese implementiert werden können. Dennoch gibt es genug Beispiele, in denen Kooperation negative gesellschaftliche Konsequenzen hat. Bekannt ist das Beispiel von kooperierenden Unternehmen, die auf Kosten von Konsumentinnen und Konsumenten höhere Preise durchzusetzen versuchen. Im Kartellrecht ist das als Kollusion verboten.


Ein funktionierendes Gemeinwesen muss in der Realität nicht nur Kooperation herstellen. Es muss auch bei divergierenden Interessen einen Mechanismus schaffen, um Konflikte zu lösen.

Auch bekannt ist das Beispiel von Bürgerinnen bzw. Bürgern oder Unternehmen, die im Austausch mit einem Beamten bzw. einer Beamtin einen gemeinsamen Vorteil anstreben. Als Korruption ist solches Verhalten entweder verboten oder geächtet. Bei der Beurteilung von Kooperation muss also ganz generell unterschieden werden, ob sie positive oder negative Konsequenzen für Dritte hat (sogenannte Externalitäten). Weist sie negative Externalitäten auf, ist Kooperation in der Regel unerwünscht.

Die genaue Bestimmung solcher Externalitäten ist in der Realität gar nicht so einfach. Es scheint, dass der Fall negativer Externalitäten durch Kooperation in politisch relevanten Bereichen nicht selten auftritt: Die Entscheidungen einer Regierung können beispielsweise potenziell negative Externalitäten auf die Wählerklientel der Oppositionsparteien haben.

Institutionen wie die Sozialpartnerschaft können potenziell negative Externalitäten auf Gruppen haben, die nur bedingt von ihnen vertreten werden, z. B. die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler oder die Arbeitslosen. Kooperation kann dann zu negativen Konsequenzen für die Allgemeinheit führen.

Wie kann man in solchen Fällen ein optimales Maß an Kooperationsbereitschaft und Kooperation definieren? Welche Regeln müssen gelten, um das Wohl der Allgemeinheit zu maximieren?

Dazu gibt es interessanterweise noch nicht genug belastbare Evidenz. Darum wird wahrscheinlich die Sozialpartnerschaft sowohl gelobt als auch kritisiert. Je nachdem, ob sie es schafft, gesellschaftliche Konflikte zu lösen oder nicht.

Ein funktionierendes Gemeinwesen muss in der Realität nicht nur Kooperation herstellen. Es muss auch bei divergierenden Interessen einen Mechanismus schaffen, im Rahmen dessen Konflikte gelöst werden können.

Diesen übergeordneten Rahmen des Zusammenlebens, diesen gesellschaftlichen Konsens könnte man auch als Meta-Kooperation bezeichnen. Die Hypothese lautet, dass Gemeinwesen nur stabil und erfolgreich sein können, wenn es diese Meta-Kooperation gibt.

Einige skandinavische Staaten sind hervorragende Beispiele für das Funktionieren eines solchen Ansatzes. Schweden hat es zum Beispiel geschafft, trotz wechselnder politischer Mehrheiten die öffentlichen Schulden massiv zu reduzieren und eine sehr weitgehende Pensionsreform umzusetzen.

Ob diese Fähigkeit zur Meta-Kooperation eines politischen Systems eine Folge der spezifischen Kultur oder der Struktur des Systems ist, wissen wir allerdings nicht. Die Hoffnung ist, dass die Diskussionen beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach zum Generalthema "Konflikt und Kooperation" aus verschiedenen disziplinären Perspektiven zusätzliche Erkenntnisse zutage bringen -um die Frage beantworten zu können, welche Kombination von Konflikt und Kooperation zu den besten Ergebnissen führt.


MARTIN G. KOCHER ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) und Professor für Verhaltensökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er wird am 30. August 2017 bei den Alpbacher Wirtschaftsgesprächen diskutieren. Mehr: www.alpbach.org .


Lesen auch den neuen trend. Ausgabe 28-29/2017 vom 14. Juli 2017.
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