Kommunikation: Seid nicht schüchtern!

Julia Hobsbawm

Julia Hobsbawm

Über die Macht der direkten menschlichen Kommunikation im Facebook-Zeitalter: Warum der Handschlag durch kein Posting ersetzt werden kann.

Wenn man sich ansieht, wie viel Zeit Menschen heute online verbringen, ist es ein kleines Wunder, dass sie überhaupt noch Face-to-Face-Kontakt miteinander haben. Denn Experten beobachten schon seit Jahren, dass es einen Wandel im Kommunikationsverhalten gibt: Dass wir immer weniger direkt als über Medien kommunizieren, dass wir uns lieber E-Mails schreiben als treffen, dass wir eher eine SMS- oder Whats-App-Nachricht schicken als anrufen.

Doch selbst Randi Zuckerberg, die Schwester von Facebook-Gründer Marc Zuckerberg, schrieb neulich an ihre Follower, dass "nichts die menschliche Verbindung, die aus einem direkten Kontakt entsteht, ersetzen kann". In der Tat: Die Fähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten, Vertrauen, Verständnis, Glauben und Beziehung zu entwickeln - Schlüsselfaktoren von menschlichem und sozialem Kapital -, das alles lässt sich am besten Face-to-Face herstellen.

Es gibt eine Kommunikationshierarchie: Social Media kommen erst an dritter Stelle, hinter der geschriebenen Kommunikation. Ganz oben steht die Kommunikation von Mensch zu Mensch. Sie kann nicht einfach outgesourct werden. Wie der Schriftsteller Will Self richtig bemerkte, will ja auch niemand, dass Eltern ihre Kinder künftig nur noch über Skype erziehen.

Dieser hohe Stellenwert kommt wohl daher, dass Face-to-Face-Verbindungen mindestens vier unserer fünf Sinne in Anspruch nehmen: Sehen, Hören, Riechen und Tasten (der Handschlag oder der Begrüßungskuss auf die Wange). Wenn man das rituelle Essen und Trinken bei Meetings dazuzählt, gehört wahrscheinlich auch das Schmecken dazu.

Es gibt im Facebook-Zeitalter jedoch mehr und mehr Hindernisse, um von Angesicht zu Angesicht kommunizieren zu können. Die erste heißt Zeitknappheit. Es braucht ganz einfach mehr Zeit, ein Treffen mit jemandem zu arrangieren, sich tatsächlich zu treffen und eine Art Follow-up zu organisieren, als ein Massenmail oder ein Posting auf LinkedIn, Facebook oder Twitter an ganz viele Menschen auf einmal abzusetzen.

Ich beobachte auch immer öfter, dass Schüchternheit ein größeres Hindernis als mangelnde Zeit ist. Es ist im Facebook-Zeitalter sehr bequem geworden, hinter einem Bildschirm zu verschwinden. Sogar offenkundig extrovertierte Menschen finden es nicht einfach, Face-to-Face-Begegnungen zu initiieren, und verwenden dann Zeitknappheit als Ausrede.

Viel zu diesen Hemmschwellen beigetragen haben auch Konferenzen und Cocktailparties, die zwar immer als großartige Networking-Chancen betrachtet werden, aber extrem stressig sein können, wenn sie nicht kuratiert werden. Ich habe für Studenten aus dem Wirtschaftsbereich einige spezielle Techniken entwickelt, um mit Ängstlichkeit und Unbehagen in solchen Settings umzugehen.

Der wichtigste Rat ist, dass man mit jemandem am besten dann in Kontakt treten kann, wenn man ihm oder ihr ins Gesicht schaut. Weniger auf den Austausch von Visitenkarten sollte man sich konzentrieren, als auf bedeutungsvolle Konversation.

Deshalb bin ich auch dafür, mehr One-to-One-Meetings zu machen: Wenn man sich mit jemandem auf eine Tasse Kaffee trifft, hat man danach mit einer größeren Wahrscheinlichkeit das Gefühl, etwas Neues erfahren und eine echte Verbindung hergestellt zu haben, als wenn man in einen vollgepfropften Raum voller Fremder hinein spaziert.

Nun fragen sich viele, warum man in so kleinen Dosen arbeiten soll, wo doch Reichweite und Lautstärke nur über die Social-Media-Trompeten zu erreichen sind. Meiner Meinung nach gibt eine recht gute praktische Grenze für die zu bewältigende Quantität jeder Art von Verbindung. Es ist die "Dunbar-Zahl" 150: Ein Einzelner kann nur mit 150 anderen Menschen stabile soziale Beziehungen aufrecht erhalten, fand der Anthropologe Robin Dunbar heraus.

Also gebt mir lieber das Kaffeehaus als die Konferenz, lieber den Wasserspender als die Cocktailparty. Denn die Hierarchie der Kommunikationsformen ist klar. Aber Hemmungen, Zeitdruck und Erwartungshaltungen bleiben große Herausforderungen, auch im Facebook-Zeitalter Face-to-Face-"fully connected" zu sein.


JULIA HOBSBAWM
ist Gründerin und CEO von Editorial Intelligence Ltd. in London
sowie Honorar-Gastprofessorin an der Cass Business School.
2017 erscheint ihr Buch "Fully Connected".


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