Können die Alten und Jungen miteinander?

Können die Alten und Jungen miteinander?

Essay von Helmut A. Gansterer

Der trend ist kein Sudelblatt. Er ist ein Wirtschaftsmagazin, das seit 46 Jahren durch gute Manieren, fromme Denkungsart und saubere Sprache auffällt. Nur den Kolumnisten und Essayisten steht es frei, diese Prinzipien zu verletzen, und damit den Ruf ihres Magazins.

Diese Freiheit soll diesmal genützt werden. Und dies ausgerechnet zum Thema "Jung und Alt", das doch größte Behutsamkeit verlangt? Antwort: ja, gerade deshalb. Denn die Behutsamkeit, um die sich viele bemühen, ist ein Teil des Problems, das sie lösen soll.

Ludwig Wittgenstein, der hellste Philosoph des an hellen Köpfen reichen Österreich, sah im schlechten Umgang mit Sprache die Wurzel vieler Übel. Von ihm stammt ein Satz, den jeder kennt und keiner je beherzigte: "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Die Welt wäre um zehn Lux heller, hätte man Wittgensteins Ratschlag zum Thema dieses Essays befolgt. Denn die Wechselrede von Jung und Alt ist ein Ozean sprachlicher Peinlichkeiten, ein Tsunami der Unaufrichtigkeit, der umso heftiger aufschäumt, je fürsorglicher die Schwätzer es meinen.

Junge Krankenschwestern sprechen selbst mit Nobelpreisträgern wie mit Kleinkindern ("Und jetzt nehmen wir noch ein Löfferl, und dann schlafen wir wieder brav"), weil sie glauben, dies fördere die Heilung, obwohl es den Patienten umbringt. Und alte Damen und Herren erklären der grundsätzlich schwachsinnigen, neuen Generation (die sonst alles zerstören würde, was man aufbaute), wie die Welt sich wirklich dreht, mit der seifigen Stimme von Rechthabern. Wobei sie selbst 20-jährige, erfolgreiche Start-up-Unternehmer wie blutjunge Deppen belehren.

Zwei Beispiele Pars pro Toto, als Teile des Ganzen. Warum können die Generationen, die einander fremd wie Aliens sind, einander nicht einfach höflich anschweigen? Oder, besser: nur dann sprechen, wenn sie darum gebeten werden?

Das gibt es ja auch. Leonard Bernstein respektierte seine Musik-Eleven ("Lectures for Young People") wirklich und wurde von ihnen wieder geliebt. Sie hingen an jedem seiner Sätze. Doch sind diese Beispiele so selten, dass sie nicht einmal als "Ausnahme von der Regel" taugen. Und eigentlich nur aus der Wunderwelt der Musik überliefert sind wie auch bei Dudamel (Carreño Youth Orchestra, Venezuela) und Barenboim (Palestine Orchestra). Dies mag daran liegen, dass Musik die einzige Lingua franca ist. Sie wird über alle Grenzen hinweg verstanden, auch jene der Altersstufen.

In der prosaischen freien Wildbahn wie Politik und Wirtschaft gibt es Skepsis und Gegnerschaft der Generationen. Sehr vernünftig im Sinne der Evolution, weil natürlich. Und unnatürlich erst durch die Versuche harmoniesüchtiger Egoisten, der anderen Generation in den Hintern zu kriechen. Um sich als Jungstreber altklug zu machen oder als Alter sich jünger zu machen, als man ist.

Das Schlimmste ist Rücksichtnahme und seelenlose Höflichkeit. Darf ich dazu was sagen? Ich kann nicht für Frauen sprechen (bin nie Geliebte, Schwester oder Mutter gewesen), aber für alternde Männer.

Kaum war ich in ein Alter gekommen, das die Jungen unter "Grufti" subsumieren, fragte mich in der Wiener U-Bahn ein Junge mit lauter Stimme: "Darf ich Ihnen meinen Sitzplatz anbieten?" Er war der hässlichste junge Mann, den ich jemals sah, praktisch ein quakender Frosch.

Seither fahre ich endgültig statt Öffis nur noch Zweisitzer-Sport-Roadsters, deren Sound jedes Gespräch unterbindet. Was neidische Junge und neidische Alte davon halten, ist mir in fairer Äquidistanz egal. Später, wenn ich vom Grufti zum Komposti gereift sein werde, wird man dies als frühes Vorbild einer alterslosen Neutralität vergöttern.


Im 21. Jahrhundert sind DIE ALTEN zu einem seriösen Problem geworden. Sie sind immer noch fest an der Macht und stehen jeder Reform im Weg.

Soweit die harmlosen Aspekte des Themas. Von diesen geht die Welt nicht unter. Sonst wäre sie längst Asche. Denn so geistesarm, ja, blödsinnig die Spannungen der Generationen sind, haben sie doch Tradition.

Dafür gibt es seit 2.400 Jahren einen großen Zeugen, den Philosophen Sokrates. Im Hauptberuf wetterte er gegen Antworten, für die es keine kluge Frage gab, im Nebenberuf gegen die haltlose Jugend: "Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."

Nun aber, im 21. Jahrhundert, sind DIE ALTEN zu einem seriösen Problem geworden, das die Wirtschaftspolitik und Nationalökonomie fordert. Sie werden immer mehr und müssen von immer weniger Aktiven mit Renten versorgt werden.

Das gab es zwar auch früher, in alten Kulturen Lateinamerikas. Aber die dortige Lösung, die Alten auf unbewaldeten Felskuppen den Geiern auszusetzen, geht heute mangels Geiern nicht mehr. Und umso weniger, als DIE ALTEN immer noch fest an der Macht sind. Und jeder echten Reform im Weg stehen.

Zum fetten Verschwender-Staat, den hohen Steuern, der bürokratischen Würgung der Unternehmer als den einzigen "Wohlstandsgaranten" fiel ihnen nichts ein. Außer einer geschmeidigen Zwischenlösung: Das Volk soll länger arbeiten, ehe es frech in die Pensionskasse greift. 70 sei heute kein Alter mehr.

Allein schon dies provoziert einen Gegenvorschlag: Jede Partei muss verfassungsrechtlich zur Verjüngung gezwungen werden, um die schlimmsten Sesselkleber zu entmachten. Ersatz durch junge, billigere, frische Kräfte, die bisher in allen Parteien unterdrückt wurden. Die besser geschult sind und wissen, dass beliebig höhere Pensionsalter betriebswirtschaftlich nicht darstellbar sind.

An dieser Stelle ist Unhöflichkeit unvermeidlich. Zwar sind manche 55-Jährige listig in den Genuss einer Frühpension gekommen, aber viele sind wirklich ausgebrannt. Erst recht jene, die bis 65 durchhalten. Und diejenigen, die danach noch volle Leistung bringen, körperlich wie geistig, sind vom Schicksal begünstigt, wollen aber auch nicht "more of the same". Sie fetten lieber ihre Pension als "Einzelunternehmer" auf, statt in einem Team junger Leute der Moses zu sein, den man - berechtigt oder nicht - als Last empfindet,

Alt und Jung sollen nicht eng beisammen wohnen, das gilt auch für die meisten Companys.

Fazit: Die verlängerte Arbeitslebenszeit ist keine Lösung. Die einzige Zukunftshoffnung liegt in einer dramatischen Entfettung des Staats und einer parallel-dramatischen Entlastung der Unternehmer.

Man wäre schon froh über einen starken Kanzler, der den Rechnungshof ernst nimmt. Er muss ja nicht jede seiner Spar-Ideen aufgreifen.

Eine Spar-Idee als kleines Geschenk an den Rechnungshof, verlangt aber eine Verfassungsänderung. Statt 183 Nationalratsabgeordneten nur 83, die wirklich Spezialisten für Gesetzesvorlagen sind. Und die nachweislich lesen und schreiben und glänzend sprechen können. Das sparte ein wenig Geld, und man müsste sich fürs Parlament nicht mehr schämen.

Peter Pelinka

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