Klimawandel: Rechnen gegen das Bauchgefühl

Wütendes Wetter - Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme

Essay von Friederike Otto, Physikerin und Autorin: Nicht an jedem Sturm oder Starkregen ist der Klimawandel schuld. Statistik und Simulation legen jetzt offen, wo das doch der Fall ist. Verantwortungsvolle Klimapolitik braucht Fakten, keinen Fatalismus.

Wir sind die erste Generation, die ein anderes Wetter erlebt. Wetter, das sich spürbar von dem unterscheidet, was noch unsere Großeltern und deren Großeltern kannten. Während meiner Lebenszeit hat sich die Temperatur auf der Erde um etwa 0,6 Grad erhöht. Und damit hat sich auch in unserem Wetter etwas Grundlegendes verändert. Dieses Etwas ist nicht mit einem großen Knall in unser Leben getreten, sondern hat sich ähnlich wie eine schlechte Angewohnheit oder ein Körperleiden langsam eingeschlichen. Daher stellte sich - zumindest hier in Europa - bislang nicht viel mehr als ein vages Unbehagen ein.

Unbehagen angesichts von Hitze, wie wir sie nur aus fernen Regionen kannten, von sintflutartigem Regen und von Stürmen, die mächtige Bäume entwurzeln und den Zugverkehr lahmlegen. Etwas hatte sich verschoben im Wettergefüge. Im Sommer 2018 verstärkte sich das Unbehagen: die beständige Hitze, die gnadenlose Dürre und die Klagen der Bauern über Ernteausfälle, dazu die vergebliche Hoffnung auf eine Abkühlung, die einfach nicht kommen wollte vielen, die unter der Hitze litten, kam da der Gedanke, dass der Klimawandel womöglich nicht erst in ferner Zukunft drohte, sondern bereits hier und jetzt seine Auswirkungen zeigte.

Diese Erfahrung machten wir nicht alleine. Schlimmer noch erging es Hunderten von Japanern, die Anfang Juli 2018 nach schweren Überflutungen auf ihren Dächern festsaßen. Oder den Griechen: Die berühmte Marathon Avenue im Osten Athens war nach den Waldbränden Ende Juli gesäumt von ausgebrannten Autowracks, verkohlten Bäumen und fensterlosen Ruinen. Später fand man eng umschlungene Menschen, die sich nicht mehr retten konnten, während andere vor der Feuerwalze ins Meer geflohen waren, wobei sechs von ihnen ertranken. Extremes Wetter verheerte schon ein Jahr zuvor Barbuda: Die Karibikinsel wurde im September 2017 vom Wirbelsturm Irma komplett zerstört, die gesamte Bevölkerung musste auf die Nachbarinsel evakuiert werden.

Alles Zufall?

"Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir in dieser Zeit die stärksten Wirbelstürme in der Welt erlebt haben", erklärte der Klimawissenschaftler Michael Mann von der Pennsylvania State University im September 2017. Er bezog sich dabei auf Patricia über dem Pazifik (2015), Winston in der südlichen Hemisphäre (2016) und Irma über dem Atlantik (2017).

Dennoch fragten wiederum viele: Hat es extremes Wetter nicht immer schon gegeben? Unsere Wahrnehmung und Erinnerung verzerren sich bekanntlich im Lauf des Lebens. Auch schaffte es vor 30 Jahren eher der Orkan über der norddeutschen Tiefebene ins Fernsehen, nur selten aber die Überschwemmung in Bangladesch. In unserer vernetzten Welt von heute dringen die Katastrophenmeldungen noch aus dem letzten Winkel der Erde zu uns. Trügt also unser Gefühl, dass das Wetter extremer geworden ist?

Die Antwort lautet in vielen Fällen: Nein, es trügt uns nicht. Denn wir Menschen haben die Rahmenbedingungen für unser Wetter verändert. Jedes Wettergeschehen -ein Hurrikan genauso wie ein leichter Sommerregen -findet heute unter anderen Umweltbedingungen statt als noch vor 250 Jahren. Das bedeutet: Der Klimawandel ist kein Phänomen, das nur die Bevölkerung in den sogenannten Entwicklungsländern betrifft oder mit dem sich irgendwann unsere Töchter und Söhne und deren Töchter und Söhne herumschlagen müssen, sondern er zeigt uns allen bereits sein Gesicht, und zwar durch das Wetter.

Das Trügerische ist, dass sich gar nicht so einfach unterscheiden lässt, ob ein Sturm über Deutschland nur ein "normaler" Wintersturm ist und wir einfach Pech hatten -oder ob wir einen Sturm, wie wir ihn bislang nur alle 100 Jahre erlebt haben, auf einmal viel häufiger zu spüren bekommen. Denn der Klimawandel, den wir in Gang gesetzt haben, kann nicht für jedes einzelne Wetterereignis verantwortlich gemacht werden, auch wenn das die Schlagzeilen in den Zeitungen oft nahelegen. Die korrekte Antwort auf die Frage, ob das Wetter extremer geworden ist, lautet also: in vielen Fällen ja -aber eben nicht immer und unter allen Umständen.

Hat der Mensch seine Finger im Spiel?

Um herauszufinden, ob der Mensch seine Finger mit im Spiel hatte, braucht es wissenschaftliche Arbeit, und zwar die unseres "World Weather Attribution"Teams. Als wir, eine Handvoll Wissenschaftler, das Projekt im Jahr 2014 gründeten, kam das einer Revolution in der Klimawissenschaft gleich. Was wir machen: Wir rekonstruieren den Hergang eines Extremereignisses, indem wir Wetterdaten auswerten und mit Wettersimulationen unserer Computermodelle vergleichen. Damit schaffen wir innerhalb weniger Tage oder Wochen, was viele Jahre unmöglich schien: einzelne Wetterereignisse dem Klimawandel zuzuordnen - oder auch das Gegenteil zu belegen, nämlich dass der Klimawandel an einem konkreten Ereignis gar nicht beteiligt ist. Deshalb nennt sich unser neues Forschungsfeld Zuordnungswissenschaft ("Event Attribution Science"). Wir reden also nicht mehr nur über allgemeine Klimaprozesse in Zeiträumen von 30 Jahren, wie es Klimaforscher bisher getan haben, sondern über das, was uns hier und jetzt betrifft.

Über das aktuelle Wetter zu reden - das war unter Wissenschaftlern lange verpönt. Mit unserem Projekt können wir diese Leerstelle füllen, denn zum ersten Mal in der Geschichte verfügen wir über die Mittel, um belastbare Aussagen über einzelne Wetterereignisse zu treffen. Damit stellen wir die Klimawissenschaft vom Kopf auf die Füße - auch wenn wir wissen, dass wir damit bei manchen Kollegen anecken. Was uns antreibt? Wir wollen das Unbehagen und das diffuse Bauchgefühl über die Ursachen des Wetters durch konkrete Fakten ersetzen. Das hat vor uns -in dieser Schnelligkeit - noch keiner gemacht.

Zwar haben die Medien angesichts der Aussicht auf gute Quoten immer schon unmittelbar und ausführlich über Stürme, Überschwemmungen und Hitzewellen berichtet - allerdings fast nur über das Ereignis selbst. Selten fanden sich in der Berichterstattung Hinweise darauf, dass das Wetterereignis für die Jahreszeit oder Region ungewöhnlich war. Und die Zeitungen erwähnten meist nicht, in welchem Gebiet genau der Regen fiel, der die Überschwemmungen auslöste, oder ob es sich um ein meteorologisch extremes und damit seltenes Ereignis handelte. Vielleicht war gar nicht der Regen selbst, sondern waren nur seine Auswirkungen ungewöhnlich dramatisch?

Das Wetter ist nicht gottgegeben.

Das Wetter - es wurde (und wird) hingenommen, als wäre es gottgegeben. Längst wissen wir, dass das nicht der Fall ist. Das Wetter ist heute ein anderes, weil wir Menschen das Klima verändert haben. Im Meinungswirrwarr der Interessen und Ideologien geht diese Tatsache allerdings oft unter. Im Prinzip kann jeder behaupten, was er will: Klimaskeptiker, Vertreter der Energiewirtschaft und ihre Unterstützer in der Politik tun Stürme als Launen der Natur ab.


Mit Hurrikan Harvey lassen sich auch die Auswüchse einer interessengesteuerten Klimapolitik und des Lobbyismus erklären.

Nach dem Motto: Mistwetter hat es schon immer gegeben. Solange Unklarheit herrscht, lassen sich die Förderung und Verbrennung von Kohle, Öl und Gas kaum eindeutig mit dem Wetter in Verbindung bringen. Andere - darunter viele Evangelikale in den USA - betrachten die Wirbelstürme als Akte Gottes: als Strafen für weltliche Verfehlungen. Wieder andere sehen im Klimawandel den Alleinschuldigen. Dazu zählen nicht selten Umweltaktivisten und Wissenschaftler, die zunächst einmal Gutes wollen, nämlich einen Weckruf aussenden.

Doch vom Weckruf zum Alarmismus ist es bekanntlich nicht weit. In das gleiche Horn wie die engagierten Überzeugungstäter blasen auch Politiker, die sich hinter dem Klimawandel verstecken, wenn mangelnde und falsche Planung aus einem Wetterereignis erst eine Katastrophe gemacht hat. Ihr Motto wiederum lautet: Seht her, wir können leider gar nichts tun, es liegt alles am Klimawandel.

Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen

Keine dieser Aussagen beruht auf Fakten. Letztere herauszufinden, ist der Job unserer neuen Wissenschaft. Viele Male haben wir in den vergangenen vier Jahren mithilfe einer neuen Methode aufgedeckt, ob und wie stark sich der Klimawandel in unserem Wetter offenbart - in Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen. Unser Ziel: die Klimawissenschaft aus der Zukunft in die Gegenwart zu holen.

Geht alles glatt, können wir innerhalb einer Woche den Anteil des Klimawandels an einem Wetterereignis berechnen, und zwar noch, während die Medien darüber berichten. Wir agieren also in Echtzeit, und das ist wichtig. Denn nur so können wir die Debatte beeinflussen und den Menschen ein Gefühl dafür geben, dass der Klimawandel kein Phänomen der Zukunft ist, sondern sich schon heute abspielt - vor unseren Augen und in unseren Vorgärten.

Mit der neuen Methode können wir aber auch dafür sorgen, dass die Welt besser auf ein sich veränderndes Klima vorbereitet ist. Denn erst wenn wir wissen, welche Wetterereignisse in welchen Jahreszeiten und Weltregionen viel wahrscheinlicher werden und welche nicht, lassen sich Gelder und Katastrophenschützer effektiv einsetzen. Das kann Leben retten.

Die Chancen stehen gut, dass unsere Arbeit auch dabei hilft, die Schuldigen am neuen Wetter zur Rechenschaft zu ziehen. So wird es künftig noch viel häufiger vorkommen, dass Energiekonzerne auf der Anklagebank landen - erste Klagen auf Grundlage von Naturkatastrophen, die in Zusammenhang mit dem Klimawandel gebracht werden, laufen bereits. Mithilfe unserer Attributionsstudien könnten die Konzerne in die Pflicht genommen werden, diejenigen für Klimaschäden zu entschädigen, die keine Lobby haben.

Ja, Fakten können mächtig sein. Sie schaffen Klarheit. Für die haben wir bei Harvey gesorgt -jenem Hurrikan, der 2017 über die USA hinwegfegte und unglaubliche Wassermengen auf Houston entlud. Das Ergebnis unserer Untersuchungen: Harvey trägt einen der deutlichsten Fingerabdrücke des Klimawandels in allen bisher von uns untersuchten extremen Regenfällen. Der Klimawandel hat die Wahrscheinlichkeit für solch einen Starkregen etwa verdreifacht. Das ergibt der statistische Vergleich zwischen den Simulationen des heutigen Klimas und den Simulationen der Welt, wie sie ohne Klimawandel gewesen sein könnte. Mit Harvey lassen sich nicht nur die Grundlagen unserer Arbeit erklären, sondern auch die Auswüchse einer interessengesteuerten Klimapolitik und des Lobbyismus.


Zur Autorin

FRIEDERIKE OTTO ist Physikerin, promovierte Philosophin und leitet als stellvertretende Direktorin das Environmental Change Institute in Oxford. Sie untersucht Wetterphänomene und hat die neue wissenschaftliche Ausrichtung "Attribution Science" mitbegründet.

In ihrem Buch "Wütendes Wetter" bringt sie Klarheit in die Debatte um die Verantwortlichkeiten am Klimawandel.

Friederike Otto; Wütendes Wetter: Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme; 240 Seiten; 18,50 €

Friederike Otto; Wütendes Wetter: Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme; 240 Seiten; 18,50 €

Die Physikerin Friederike Otto hat die Attribution Science mitentwickelt. Mittels dieser revolutionären Methode kann sie genau berechnen, wann beim Wetter der Klimawandel im Spiel ist.

Die Zahlen belegen: Eine Hitzewelle ist durch den Klimawandel mindestens doppelt so wahrscheinlich geworden wie früher. Man kann konkrete Verursacher für Wetterphänomene haftbar machen ‒ Unternehmen, ja ganze Länder können jetzt vor Gericht gebracht werden. Und es wird verhindert, dass der Klimawandel weiter als Argument missbraucht wird: Politiker können sich nicht mehr auf ihn berufen, um Missmanagement und eigenes Versagen zu vertuschen.


Der Essay ist der trend-Ausgabe 31-32/2019 vom 2. August 2019 entnommen.


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