Keine Sorgen wegen Brexit [Gastkommentar von Ken Fisher]

Keine Sorgen wegen Brexit [Gastkommentar von Ken Fisher]

Ken Fisher - Investmentberater und Autor

Natürlich wird der Austritt der Briten aus der EU schmerzhaft - aber die Unternehmen haben neue Probleme stets bewältigt.

In weniger als vier Monaten wird Großbritannien die EU verlassen. Noch weiß niemand, wie der Brexit genau aussehen wird. Hält der November-Deal, und Großbritannien bleibt in der EU-Zollunion? Oder platzt er und zwingt Kanzler Sebastian Kurz dazu, den in Salzburg skizzierten Plan für einen No-Deal-Brexit vorzustellen? Die offenen Fragen drücken auf die Märkte. Je schneller der Brexit ausgestanden ist, desto früher endet die Unsicherheit - und europäische Aktien legen zu.

Kriterium bei der Brexit-Einschätzung ist zumeist, ob die Vereinbarungen gut oder schlecht für den Handel sind. Das ist eine Wenn-dann-Übung. Nach mehr als zwei Jahren Verhandlung und Spekulation ist das zu sehr rückwärtsgerichtet.

Märkte preisen alle bekannten Informationen vorab ein. Gibt es Ergebnisse, die von den Aktien nicht berücksichtigt wurden? Wir kennen alle das White Paper der britischen Regierung über einen No-Deal-Brexit. Wir kennen Schlagzeilen, die drakonische Zölle und Lieferstaus fürchten. Unternehmen haben Notfallpläne entworfen, mit dem drohenden Abzug von Fabriken und Büros. Die Aktienmärkte haben das alles endlos wiedergekäut. Wer sagt, die Märkte würden den Brexit nicht berücksichtigen, bezeichnet Aktien als sehr ineffizient. Eine gewagte Behauptung - im Übrigen falsch.

Die Unsicherheit

Die Brexit-Unsicherheit belastet Großbritannien. Im dritten Quartal 2018 gingen die Unternehmensinvestitionen um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück, der dritte Rückgang in Serie. Eine Umfrage von Deloitte unter britischen CFOs ergab, dass nur zwölf Prozent aktuell eine gute Zeit für Risikobereitschaft sehen. Von Einkaufsmanagern bis zu Konsumklima: Die Stimmung der Briten ist düster.

Die Unsicherheit reicht über Großbritannien hinaus. Auch wenn Österreich 2017 nur 2,8 Prozent der Exporte und 1,7 Prozent der Importe mit UK abwickelte, geben diese Zahlen die Bindung nicht korrekt wider. In einer Studie stellte Deloitte fest, dass 124 österreichische Unternehmen Niederlassungen in Großbritannien haben. 176 britische Firmen sind in Österreich tätig, mit 16.500 Mitarbeitern. Österreichische Banken haben enge Verbindungen zum britischen Kapitalmarkt. Eine deutsche Denkfabrik warnt, dass ein No-Deal-Brexit die deutschen Exporte nach UK um 57 Prozent reduzieren würde. Frankreich fürchtet, dass in den Häfen große Staus entstehen. Der IWF senkte wegen des Brexits die globale Wachstumsprognose.

Das erinnert mich an 2014/15, als die Anleger befürchteten, die US-Notenbank würde die Zinsen erstmals seit 2008 anheben. Monatelang graute den Amerikanern vor düsteren Prognosen. Dann stiegen die Zinsen - und die Katastrophe blieb aus.

Brexit scheint ähnlich zu sein. Die Risikobremse ist nicht der No-Deal-Brexit; am meisten behindert die Ungewissheit, welche Regeln nach dem 29. März gelten.

Warten auf Chancen

Stellen Sie sich vor, Sie besäßen ein Unternehmen wie den Baustoffproduzenten Wienerberger. Ein Zehntel Ihres Umsatzes machen Sie in Großbritannien, Ihrem wichtigsten Exportmarkt. Ihre Kapazitäten sind ausgelastet, und Sie kennen die Engpässe auf dem britischen Häusermarkt - eine Chance zur Expansion!

Aber Ihr UK-Standort ist auf EU-Lieferungen angewiesen. Sie kennen die neuen Vorschriften und Zollprobleme nicht. Also entwickeln Sie Szenarien - und warten ab. Dasselbe gilt für Banken oder Versicherungen. Der Handel wird nicht aufhören. Aber Manager wissen noch nicht, wie sie der Nachfrage am besten begegnen können.

Wenn die Unsicherheit um den Brexit schwindet, endet das Warten. Selbst wenn die neuen Regelungen nicht ideal sind, sie sind klar. Unternehmen können sich anpassen.

Die europäischen Aktien sind 2018 ins Taumeln geraten, die österreichischen erst recht. Aber die negativen Faktoren - Zölle, Italien, Zinssorgen - sind nicht neu. Den Märkten ist das bewusst; sie haben es wohl auch eingepreist. Die wesentlichen globalen Wirtschaftsindikatoren sind währenddessen stabil. Die Zinsstrukturkurven weisen nach oben. Wir stehen im beständigsten Zeitabschnitt des Aktienmarkts - in der Zeit nach den US-Midterm-Wahlen, die den Stillstand gefestigt haben. Ein Ende der Unsicherheit würde das auch den Anlegern deutlich machen - eine positive Überraschung.

Sehen Sie die Sorgen positiv. Der Brexit geht weiter, ob es nun schmerzt oder nicht. Das Ergebnis wird besser als befürchtet - eine Entspannung, die die Aktien weltweit nach oben treiben dürfte.


Der Autor

KEN FISHER ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen. Einmal im Monat analysiert er im trend nun die Lage an den Märkten.


Der Gastbeitrag ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 50-52/2018 vom 14. Dezember 2018 entnommen.

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