Kammerspiele: Die neue ÖVP gegen die alte Logik

trend Chefredakteur Andreas Lampl

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Mit Harald Mahrer soll die Wirtschaftskammer dem Bild der Kurz-ÖVP angepasst werden.

Im Universum der „neuen“ ÖVP stellte Harald Mahrer von Anfang an einen Fixstern dar. Spekulationen, dass der Noch-Wirtschaftsminister der nächsten Regierung nicht mehr angehören wird, waren zwar durchaus begründet. Aber vor allem deswegen, weil ÖVP-Boss Sebastian Kurz für Mahrer, 44, einen anderen Platz im Auge hatte. Er wünscht sich einen Vertrauensmann an der Spitze von Wirtschaftsbund und Wirtschaftskammer (WKO. Die Vorbereitungen dafür waren längst im Laufen, wie der trend schon vor Wochen berichtet hat.

Politische Beobachter, die – nach dem Motto „Schau´ ma amal“ – ein Hauen und Stechen in WKO erwartet hatten, wurden einmal mehr überrascht. Auch diese Personalie hat der Kurz-Trupp schlicht und einfach durchgezogen. Der Wiener Mahrer wird Nachfolger von Christoph Leitl als Präsident des Wirtschaftsbundes – und damit 2018 mit Sicherheit auch WKO-Präsident. Die nach der bisherigen Kammer-Logik zu favorisierenden Walter Ruck (WK Wien) und Josef Herk (Steiermark), beides Funktionäre der alten Schule, sind aus dem Rennen. Denn diese Logik gilt nicht mehr. Das schon im Vorfeld aufgebaute Drohszenario gegenüber den Sozialpartnern wird schwarze Widerstände gegen die türkisen Pläne auf kleiner Flamme halten – siehe Mahrers Bekenntnis zur Pflichtmitgliedschaft.


Beobachter, die ein Hauen und Stechen erwartet hatten, wurden einmal mehr überrascht.

Die hinter vorgehaltener Hand formulierte Kritik, Harald Mahrer sei ja gar kein klassischer Unternehmer, ist nicht ganz aus der Welt. Als ehemaliger Gesellschafter der PR-Agentur Pleon Publico, Gründer der Zwei-Mann-Unternehmensberatung cumclave oder Partner seiner Frau Andreas Samonigg-Mahrer, die das familieneigene Krankenhaus in Spittal/Drau leitet, entspricht der Betriebswirt nicht dem gängigen Bild, das viele Kammermitglieder von einem Unternehmer haben.

Er entspricht aber dem Bild, das die neuen ÖVP-Granden von ihren Institutionen malen wollen: jung, modern, unkonventionell. Eine Kammer, der – wie bisher – zu Themen wie Digitalisierung, Wirtschaft 4.0 oder die Zukunft der Arbeit wenig einfällt, verliert ihre Daseinsberechtigung. Mahrer, dem „Mr. Startup“ und Träumer vom „Gründerland Nr. 1“ darf zugetraut werden, dass er die WKO ins 21. Jahrhundert holt, ihr zeitgemäße Strukturen verpasst und sie zum Beispiel auch für Einpersonenunternehmen akzeptabel macht. Alles das ist längst überfällig und für die Kammer existenzsichernd.

Wie Mahrer als Erfüllungsgehilfe des künftigen Regierungschefs Kurz die von ihm selbst so hoch geschätzte Unabhängigkeit der WKO vom Staat gestalten wird, bleibt jedoch eine spannende Frage.



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